Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Kunftliteratur.

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schneidende Knnsttvandlungen getrennten Jahrzehnten
nicht Mes konseguent und logisch zusammenhängen
kann, wie in einem philosophischen System, das wäre
wohl auch bei einer minder beweglichen Natnr, als es
diejenige Eitelberger's ist, selbstverständlich. Er hat,
soviel wir sehen, die Aufsätze im Wesentlichen in der
ursprllnglichen Form gelassen, und hat gewiß im All-
gemeinen recht daran gethan. Einzelne Unebenheiten
nimmt man gern in den Kauf und erhält dafür durch-
weg den Eindruck des unmittelbar Empfundenen, der
frischen Anschauung und lebendigen Ueberzeugung.

Wie aus den oben angeführten Titeln hervorgeht,
enthält der erste Band der Sammlung mehr Biogra-
phisches und speziell Künstlerisches, der zweite vor-
zugsweise Dinge theoretischer und organisatorischer Art.
Mehrere der Arbeiten, des ersten wie des zweiten
Bandes, sind den Lesern dieser Zeitschrift bekannt, z. B.
die Charakteristiken van der Nüll's und Siccardsburg's,
die Abhandlung über das Wiener Genrebild vor 1848,
die biographische Skizze Hnns Gasser's, der Aufsatz
über die deutsche Renaissance u. a. Außerdem haben
namentlich das Schorn'sche und das Eggers'sche Kunst-
blatt, die Zeitschrift „Jm neuen Reich", Teirjch's
„Blätter für Kunstgewerbe", die „Oesterreichische Revue"
und einige andere Wiener Journale zu den gesammelten
Schriften Eitelberger's beigesteuert. Dazu kommen
mehrere im Oesterreichischen Museum gehaltene Vor-
träge, dann verschiedene in Broschürenform erschienene
Schriften und endlich eine Anzahl bisher noch nicht
veröffentlichter Arbeiten, welche hier unser besonderes
Jnteresse in Anspruch nehmen. Es sind dies: erstens
die Charakteristiken Danhauser's und Waldmüller's,
welche den Aufsatz über die österreichische Genremalerei
in manchen Punkten vervollständigen, dann der hvchst
lesenswerthe Aufsatz über den Msdaillenr und Kunst-
sammler Joseph Daniel Böhm, den ausgezeichnetsten
Wiener Kunstkenner seiner Zeit, ferner die biographischen
Artikel über Ferstel und Schmidt, mit einer ausführ-
lichen Geschichte und Beschreibung des kürzlich vollen-
Leten Votivkirchenbaues, endlich die aus Ler speziellen
amtlichen Wirkungssphäre des Autors hervorgegangenen
Aufsätze über die Gründung des Oesterreichischen Mu-
seums und der mit demselben verbundenen Kunst-
gewerbeschule, sowie über die in den Kronländern
Oesterreichs Lestehenden Gewerbemuseen. — Schon ans
dieser Uebersicht erhellt, daß die Aufsätze das gesammte
Kunstleben in den Bereich ihrer Betrachtung ziehen,
und die freie diskursive Behandlungsweise, welche Eitel-
berger den Dingen angedeihen läßt, hat zur Folge,
daß oft noch weit mehr in den einzelnen Abschnitten
steht, als die Ueberschriften erwarten lassen.

Dies ist z. B. in hohem Grade der Fall in dem
Artikel über Joseph Daniel Böhm, eineni der gehalt-

vollsten der Sammlung. Er giebt nicht nur ein leben-
diges, aus intimem Verkehr mit dem Geschilderten her-
vorgegangenes Charakterbild des merkwürdigen Mannes,
der auf die Entwickelung des modernen Kunstlebens
in Oesterreich vielseitigen Einfluß genommen hat, son-
dern er verfolgt diesen Einsluß auch nach allen Rich-
tungen hin und zieht wichtige Fragen der Kunstbildung
und Kunstpraxis mit in die Darstellung hinein. Dabei
fallen manche für den Kunstgelehrten wie für den
Künstler interessante Nachweisuygen ab und nicht selten
unterbricht eine kräftige Sentenz, welche die Gesinnungs-
weise Böhm's oder seines Biographen in helles Licht
setzt, den Gang der Erzählung. Mit besonderer Wärme
gedenkt Eitelberger des bildenden und aufklärenden
Einflusses, welchen Böhm's Kunstsammlung und sein
von ernsten Kunstfreunden viel besuchtes Haus auf
die jüngeren Kunstkreise Wiens genommen haben. Hier
war ein Brennpunkt für alle künstlerischen Jnteressen,
während in den Hof- und Staats-Jnstituten für Kunst
und Kunstlehre Stagnation und Engherzigkeit das
Leben einschnürten. „Die Kunstforschung überhaupt
und die ästhetische Kritik" — sagt Eitelberger — „ver-
langen vor Allem Freiheit des Geistes, unabhängige
Stellung und eine Gesinnungsweise, die weder in der
Hoflust noch in staatlichen Verhältnissen, wo die Censur
herrscht, gedeiht." Unter den Bsmerkungen speziell
kunstwissenschaftlicher Art, welche in die Charakteristik
eingeflochten sind, ist die Notiz interessant, daß Böhm
bereits (lange vor der Publikation der Stroganoff'schen
Bronze durch Stephani) die Ueberzeugung ausge-
sprochen hat, „daß der Apollo vom Belvedere nicht
ein Originalwerk, sondern eine Kopie sci, und zwar
die Kopie eines griechischen Bronzewerkes". Manche
Aeußerungen sind wohl nur als Echo momentaner
Stimmungen des Autors hinzunehmen, z. B. das Ur-
theil über den „Parthenon" von Michaelis, im Zu-
sammenhange mit der Bemerkung, daß die wenigsten
heutigen Archäologen „Kunstkenner im eigentlichsten
Sinne des Wortes seien." Uns will scheinen, als ob
es zur Jllustrirung dieses an und für sich unbestreit-
baren Satzes manches passendere Beispiel gegeben
hätte, als das vorzügliche Buch von Michaelis, welches
seine Aufgabe, das gesammte zum Verstündniß des
großartigen monumentalen Werkes erforderliche Mate-
rial in gedrängter Form zusammenzustellen, auch nach
der künstlerischeir Seite hin und zum Gebrauch für
Künstler trefflich und geschmackvoll gelöst hat.

Bei dieser Gelegenheit mag auch eines ausfallend
scharfen Wortes gegen die nioderne Aesthetik Erwäh-
nung geschehen, welches dem Aufsatz über die kirchliche
Architektur in Oesterreich in einer Note angefügt ist.
Eitelberger fpricht dort von der Nothwendigkeit, daß
der Architekt das Wesen des Stils, in dem er bauen
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