Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Aus Tirol.

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Weg weiter verfolge, und daß sie insbesondere durch
stetige Vermehrung der Lehrmittel in den Stand ge-
setzt werde, mit den Schwesteranstalten auch sernerhin
erfolgreich zu wetteifern. Da ihr nicht wie in anderen
großen Kunststädten reiche Museen zur Seite stehen,
muß auf die Lehrmittelsammlung cin besonderes Gewicht
gelegt werden. A. Springer.

Aus Tirol.

* r » unseren Frescomalern ist gegenwärtig
Al. Plattner in Tirol am meisten beschäftigt. Für
die Todtenkapelle in Girlan hat er einen ganzen Cyklus
entworsen, auch dis Ansmalung der Kirche von Je-
nesien ist ihm übertragen: ein Langschiff mit einer
Kuppel über der Apsis. Für diese ist der Karton
fertig, eine wohl durchdachte Komposition nach Mo-
tiven des Ambrosianischen Hymnus: Lo äsnm Inu-
äniuus. Wir sehen oben in der Mitte der Kuppel
die Dreifaltigkeit in einem Nimbus, der von drei
Engeln gehalten wird. Vorn sitzt die Madonna auf
dem Throne. Durch diese vier Gestalten wird die
Kuppel in vier Rünme zerlegt, in welche Gruppen
von je drei Figuren vertheilt sind. Zuerst nach den
Worten des Hymnus: lo Aloriüoatnr npostolornin
okoru8 — die drei Apostel: Petrus, rechts Paulus,
links Johannes; dann nach der Stelle: Ts propbs-
tnrum lauänbili8 nuwsrns — David als Stamm-
vater Christi, rechts Jesaias, links Jeremias; dann
nach der Stelle: 1s martz'rum onuäiäntn8 sxsroitns
— Stephan zwischen den zwei Kirchenpatronen Jene-
sius nnd Margerita, schließlich nach der Stelle: 1s
psr orbsin tsrrs.rnnr sanots, oonütstur soolssia —
Gregorius als der Schvpser des Kirchengesanges zwischen
Ambrosius und Ziaverius, dem Apostel Jndiens. Man
kann dicsen Karton als ein Wcrk im großen Stile
ans der Schule Vvn Cornelius bezeichnen; freilich dürfen
wir kaum hoffen, daß die Ausführnng der hohen Jdee
entsprechen wird; die Kirchen in Tirol haben wenig
Geld, Plattner muß leben und daher viel malen.
Wir wünschten dem Künstler endlich einen Auftrag, der
es ihm ermöglichte, seine Kraft nach allen Richtungen
zu entfalten. Plattner ist zur Ausführung seiner Auf-
gaben bereits nach Südtirol abgereist.

'Gegenwärtig ist zu Jnsbruck im großen Redouten-
saale die Ausstellung des kirchlrchen Paramentenvereins
eröffnet. Dieser Verein umfaßt eine Anzahl Damen,
welche arme Kirchen mit den nöthigen Geräthen aus-
statten, nnd da fast alle unsere Dorfkirchen arm sind,
haben sie ein weites Feld der Thätigkeit, welche in
den Kreis des Kunstgewerbes fällt. Die Stoffe be-
ziehen sie ans Lyon, weil sie Wien und Mailand nicht
so billig liefert; die Stickereien verfertigen sie entweder

mit eigenen Händen, wobei wir die Baronin Giova-
nelli erwähnen, nach Vorlagen tirolischer nnd fremder
Künstler oder übertragen sie hiesigen Werkstätten. Neben
mancher mittelmäßigen Waare, deren Hauptverdienst
die Billigkeit ist, sieht man auch recht schöne stilvolle
Arbeiten, und wir wünschen daher dem Vereine den
besten Erfolg und weite Verbrcitung.

Auch wir werden im August eine Kunstausstellnng
haben, die tirolischen Künstler sind bereits eingeladen,
Beiträge zn liefern; die Ausstellung beschränkt sich je-
doch nicht bloß auf die Gegenwart, es soll überhaupt
alles erscheinen, was Vvn Kunstwerken im Privatbesitz
ist. Das ist recht gut und löblich; die Hauptleistungen
mancher Künstler bestehen jedocb in Altarblättern, und
es dürfte sehr fraglich sein, vb die Kirche von Steinach
die drei berühmten Altarblätter Knoller's nach Jns-
bruck senden werde. Von den Fresken ohnehin nicht
zu reden.

Die Ausstellung zu Jnsbruck dürfte auch Ursache
sein, daß nur wenig tirolische Künstler München be-
schicken. Edgar Meyer, der vor Kurzem aus Sicilien
und Tnnis znrückkam, sendet einen großen Cyklus
Aguarelle.

Jn Tirol beginnt man allmählich den einheimischen
Gesteinen und Gebirgsarten für plastische und architek-
tonische Zwecke mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Un-
ermüdlich ist in dieser Beziehung der Jngenieur I.
Riehl. Er gründete die „Tiroler Marmor-Porphyr-
gewerkschast", welche sich mit der „Unionbaugesellschaft"
verband, und so sind die nöthigen finanziellen Hülss-
mittel gesichert. Mit Ausnahme des Laaser nnd Triden-
tiner beziehungsweise Castione-Roveredaner Marmors,
welcher der jurassischen Formation angehört, war von
tirolischen Gesteinen wenig bekannt; es galt neues Ma-
terial zu erschließen. Zuerst kommt der Mareiter und
Ratschingeser Marmor in Betracht, welcher der Forma-
tion des Phyllites angehört, westlich von Sterzing einen
Stock von nahe ^ Stunden Ausdehnung bildet und
bei einer Breite von einer halben Stunde sich gegen
8000 Fuß erhebt. Das Material ist also unerschöpflich.
Er wurde früher mehr benutzt als jetzt. Die Marmor-
theile Les Domes von Brixen, die Säulen des ur-
alten romanischen Kreuzganges dort und fast sämmt-
liche Epitaphien, darnnter auch das Grabmal des
berühmten Minnesängers Oswald von Wolkenstein,
sind aus diesem Marmor, ebenso die Statuen in Schön-
brunn aus den Zeiten der großen Kaiserin Marja
Theresia, wie er auch nicht minder in Sterzing selbst
bei verschiedenen Kirchen, dem Rathhause und anderen
Gebäuden verwendet wurde. Seit der Wiedereröffnung
der Brllche dient er für Grabmonumente, desgleichen
wurde er zu deu Basen und Kapitälen des Justiz-
palastes und den Treppen des Parlamentsgebäudes in
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