Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER ° 1907, DEZEMBER.

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und dies um so mehr, als wir immer deutlicher erkennen:
dass jede existenzberechtigte Bauästhetik in engsterVerbindung
mit den Fortschritten der Technik und den Forderungen der

Ventilation wünschenswert ist, wird jeder zugeben, der selbst
in „hochmodernen“, mit allem Komfort ausgestatteten Speise-
häusern den Qualm der Zigarren mit dem Duft der Küche und

Hygiene bleiben muss.
Seit einiger Zeit wird der Rauchplage in den Gross-
städten besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Man hat den
Gehalt der Luft auf Rauch, Russ und die verschiedenen
unsichtbaren Rauchgase hin untersucht und ist dabei zu recht
erheblichen Zahlen gekommen. (Rubner stellte fest für Berlin:
0,140 mg Russ pro cbm, 1,5 bis 2,0 mg schweflige Säure.)
Ausserdem ist erwiesen, dass der Rauch die Bildung von
Nebeln beeinflusst und erhebliche Mengen Sonnenlichtes
absorbiert. Neben verschiedenen speziell heiztechnischen
Massnahmen wird eine möglichste Vermehrung der Zentral-
heizungen und eine gesteigerte Verwendung des Gases zu

der Ausdünstung der gestapelten Menschen sich lieblich mischen
sah, resp. roch. Als vollkommenstes, allerdings auch teuerstes
System bezeichnete der Referent, der Hamburger Baurat
Ruppel, die Pulsions- oder Drucklüftung. — Je mehr wir
uns daran gewöhnen, den Innenraum als eine künstlerische
Einheit zu betrachten, desto selbstverständlicher wird es sein,
dass der Architekt auch die Anlage der stabilen Be-
leuchtungskörper und die Beleuchtungsart be-
stimmt. Den grössten Vorzug verdient zweifellos das elektrische
Licht: es hat keinerlei Verbrennungsprodukte, die geringste
Wärmeentwicklung bei entsprechend höherer Leuchtkraft, es
gewährt am leichtesten eine gleichmässige Lichtverteilung.

Heizzwecken anzustreben
sein. Noch wichtiger ist
es, dass die Konsumenten,
besonders die Fabriken,
begreifen lernen: dass
die Rauchbildung ein
Zeichen unwirtschaft-
licher Ausnutzung des
Brennmaterials ist.
Dann werden sie sich wohl
leichter entschliessen kön-
nen, technisch tadellose
Oefen setzen zu lassen.
In einiger Ferne, aber
immerhin schon erwägbar,
liegt das radikalere Mittel
einer Zentralisierung der
Heizungen überhaupt:
Fernheizwerke. Besonders
wichtig scheint auch das
Streben nach einer Zen-
tralisierung der Haus-
wäscherei. Es ist, genauer
untersucht, gleichermas-
sen unhygienisch, die
Wäsche im sog. Wasch-
haus oder in irgend einer
kleinen Wäscherei der
Nachbarschaft reinigen zu
lassen. Nur grosse, fabrik-
ähnliche Anstalten werden
für gründliche Desinfektion
sorgen und frische Infek-
tion vermeiden können;
sie haben selbstverständ-
lich ausserhalb der Stadt
zu liegen. — Zur Be-
kämpfung des gefährlichen
Staubes kann der Ar-
chitekt dadurch beitragen,
dass er für möglichst dicht
schliessende Fenster sorgt,
damit wenigstens während


Portal Schössergasse 16 in Dresden.* (S. Suppl.-Tafel 6.)

Die beste Organisation der
einzelnen Flammen im
Raum geschieht durch die
indirekte Beleuchtung.
Nur dieses System ver-
meidet jegliche Schatten-
bildung und die peinlichen
Blendungserscheinungen
und gewährt ausserdem
eine durchaus gleichmäs-
sige Ausbreitung des Lich-
tes im Raum. Die Licht-
quellen müssen möglichst
nahe derDecke angebracht
werden; derReflektormuss
so geformt sein, dass alle
Horizontalstrahlen des
Lichtkörpers ihn treffen,
er muss einen grossen
Oeffnungswinkel besitzen.
Die Decke und auch der
obereTeil derWände muss
weiss gestrichen sein, da-
mit möglichst viel des
darauf geworfenen Lichts
zurückstrahlt. Als Mindest-
höhe des Raumes ist 3,5 m
notwendig. Die indirekte
Beleuchtung, die für Zei-
chensäle, überhaupt für
alle besseren Arbeitsräume
(so lange keine Schatten-
bildung notwendig ist) ver-
langt werden sollte, die
auch für das Privathaus,
für den Salon und das
Musikzimmer, ausseror-
dentlich empfehlenswert
ist, die für alle öffentlichen
Lokale geradezu eine Er-
lösung bedeutete, lässt sich
am bequemsten mit elek-
trischem Glühlicht an-

der Zeiten grösster Staubentwicklung die Räume einiger-
massen staubfrei abgeschlossen werden können. Energisch
zu bekämpfen ist die primitive Einrichtung für das Teppich-
klopfen: die simple Stange. Wer je die Schmutzwolken
genossen hat, die den Wohnungs- und Flurteppichen ent-
quellen, der wird es für dringend notwendig, für eine Pficht
des einfachen Anstandes halten, dass jedes Mietshaus mit einem
den Staub sammelnden Klopfapparat und wenn irgend möglich
mit Saugern ausgerüstet ist. — Es gibt viele Wohnungen, die
so unglücklich liegen, dass durch ein Oeffnen der Fenster
keine bedeutsame Luftverbesserung zu erwarten ist. In diesen
Fällen wäre die Anlage einer künstlichen Ventilation ge-
boten; sie zu erhoffen aber bliebe in den meisten Fällen Utopie.
Anspruchsvoller darf man schon bei den öffentlichen Lokalitäten
sein; dass hier eine Reform, eine häufigere Anwendung der

legen. Nicht minder gut, wenn auch nicht für alle Fälle
gleichmässig geeignet, aber jedenfalls billiger ist die Bogen-
lampe, auch Gas kann verwandt werden, nur ergibt sich
dann mit der Zeit eine Schwärzung der Decke, und ausser-
dem muss unter Umständen für eine Absaugung der Ver-
brennungsprodukte gesorgt werden. Auch die halbindirekte
Beleuchtung ist, obgleich sie die wertvollen Vorteile der
indirekten nicht mehr voll besitzt, noch zu empfehlen. —
Die Gefahren der elektrischen Anlagen in den Wohnungen
sind oft grösser als gemeinhin angenommen wird. Aus den
Mitteilungen des Dr. Jellinek, Wien, war zweierlei besonders
interessant. Im Badezimmer dürfen elektrische Lampen
nie so angebracht sein, dass der Badende sie zu er-
reichen vermag; wer in der Wanne steht oder liegt, hat
durch dass Abflussrohr Erdschluss! Zweitens: alle Leitungen

* Phot. Ron. Aurig, Tolkewitz-Dresden.
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