Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER » 1907, OKTOBER.

möglich sein, mit dieser einen
Front für alle Wohn- und
Schlafräume auszukommen,
man wird vielmehr dazu über-
gehen müssen, einzelnen Räu-
men eine andere als die Süd-
ostlagezuzuweisen. Als solche
Räume, für die die Besonnung
nicht unbedingte Notwendig-
keit ist, kommen in erster Li-
nie das Arbeitszimmer des
Herrn und das Esszimmer in
Betracht. Das Arbeitszimmer
deshalb, weil bei ihm ohne-
dies viel für die Nordlage
spricht, das Esszimmer des-
halb , weil es stets nur auf
kurze Zeit, während den Mahl-
zeiten, benutzt wird.
Im übrigen gibt es selbst-
verständlich genug Fälle, in
denen die absolute Lage aller
Wohn- und Schlafzimmer nach
Süden und Osten nicht ein-
gehalten werden kann, oder
nicht eingehalten zu werden
braucht. So wird man, wenn
die Strasse im Norden des
Hauses liegt, zum mindesten
auch ein Fenster nach der
Strasse haben wollen. Und
in den Fällen, in welchen der
Bauplatz eine Aussicht oder
irgend einen landschaftlichen
Reiz nach einer bestimmten,
nichtsonnenbegünstigten Rich-
tung hat, wird es überhaupt
der sorgfältigsten Abwägung
bedürfen, welche Räume des


Architekten Hart <& Lesser, Berlin. Landhaus J. Erxleben, Grünewald. Wohnzimmer.

hause strebenden Bevölkerung
als erreichbar gelten darf. In-
teressant dürfte der Vergleich
der einzelnen Bauten insofern
sein, als keiner derselben, da
sie von intelligenten Archi-
tekten herrühren, mehr oder
weniger sein will, wie seine
Bausumme ihm gestattet und
weder mit falschem Aufputz
noch mit verkleinerten Motiven
arbeitet, die seinen Besitzer in
den Augen der staunenden
Menge etwa höher einzuschät-
zen vermöchten, d. h. nach
der pekuniären Seite hin. Da-
für dürften seine Bewohner
aber umso mehr in den Au-
gen der ästhetisch Empfinden-
den als Leute gelten, die mit
ihrem bewährten Architekten
künstlerisch mitempfinden kön-
nen und ein Verständnis für
ein Zuviel oder Zuwenig in der
angewandten bildenden Kunst
an den Tag zu legen imstande
waren, ein Erfolg, der alle an
deren Vorteile reichlich und
dauernd aufwiegen dürfte. Der
Genuss, in solchem künstle-
risch gelösten Hause zu woh-
nen, bietet wie ein jedes wirk-
liches Kunstwerk seinem Be-
sitzer als Bestes die stille edle
Freude an dem ihm lieben und
vertrauten Kleinod, die umso
grösser wird, je mehr er sich
von seinem jetzigen architek-
tonischen Werte durch Ver-

Hauses man in den Genuss der Sonne und welche man in den
Genuss der Aussicht setzen will. In diesen Kompetenzkonflikten
ist aber vor allem ein Grundsatz festzuhalten : Eine schöne Aus-
sicht ist ein Genuss, und es ist hier wie bei allen Genüssen
nicht ratsam, fortwährend zu geniessen. Es hat keinen Sinn,
den ganzen Tag vor einer schönen Aussicht zu sitzen. Viel
richtiger ist es, die schöne Aussicht gelegentlich zu er-
schliessen, sie wird dann jedesmal wieder von neuem erfreuen.
Geeignete Stellen zur Vermittelung der schönen Aussicht
sind daher das Esszimmer mit seiner intermittierenden Be-
nutzung und das Treppenhaus, das man zu diesem Zweck
mit grossen und hohen Fenstern versehen wird. Besonders

gleich mit anderen Leistungen überzeugen kann und je
mehr er besonders die dauernde Ueberlegenheit vor den mo-
dischen Eintagsschöpfungen zu schätzen beginnt.
Landhaus in der Parkstrasse 56, Dahlem.
Architekt Dr. Hermann Muthesius, Wannsee.
Für das Wohnhaus, das für ein Ehepaar mit vielen, jedoch
nicht mehr im Hause weilenden Kindern bestimmt ist, wurden
3 grosse Zimmer im Erdgeschoss, ein gemeinschaftliches
Schlafzimmer und ein Wohnzimmer im Obergeschoss verlangt,
sowie eine möglichst grosse Anzahl von Fremdenzimmern,
für die von den zum Teil verheirateten Kindern reichlich zu

beim Treppenhaus ist die Vermittelung der
schönen Aussicht angebracht, weil der Genuss
und die Ablenkung die Mühe des Aufsteigens
weniger fühlbar machen. (Schluss folgt.)

Neuere Landhäuser.
Im vorliegenden Hefte sind mehrere neue
Landhäuser von verschiedenen Architekten
zusammengestellt, um zu zeigen, wie eine
jede Aufgabe abhängig von einer bestimmten
zur Verfügung stehenden Bausumme zu lösen
ist; das Haus Parkstrasse in Dahlem, das sich
mit 105 000 Mark in den üblichen Grenzen
eines gediegenen bürgerlichen Landhauses
hält, das Haus J. Erxleben, für das reichliche
Mittel bereit standen, die drei Häuser von
Professor • Metzendorf und das Haus Wat-
zinger von Architekt Becker, die gemäss
geringeren Ansprüchen bis auf 20 000 bis
25000 Mark herabgehen, also eine Bausumme,
welche der Mehrzahl der nach einem Eigen-


Landhaus J. Erxleben. Speisezimmer.
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