Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER « 1908, JANUAR.

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Erdgeschoss.

bestehende Waisenhaus der Stiftung Luisens Andenken
in Charlottenburg, keine jener kasernenartigen Anstalten
aus der Zeit des 18. Jahrhunderts, sondern lediglich
darauf zugeschnitten, den aufgenommenen Waisen das
Elternhaus, die Kinderstube zu ersetzen.
Man findet bei ihm durchaus die Durchführung des
Familienhausstandes; Trennung der Geschlechter besteht
nur in den Schlafsälen. Die Schule bleibt ausserhalb.
Die Waisenkinder fühlen sich zu Hause wie Geschwister
einer grossen Familie, die den Eltern in der schulfreien
Zeit bei den Verrichtungen in Haus und Garten helfend
beistehen. Freilich bedingt eine solche Organisation
mit dem Grundgedanken der Familie von vornherein
eine Beschränkung der Höchstziffer an aufzunehmenden
Kindern:
„Für 50 bis 60 Kinder, aber nicht mehr,“ lautete denn

begrenzt wird, ist in halber Höhe nach drei Seiten von einer
breiten Galerie umgeben, deren Brüstung aus den eng
aneinander gereihten Bogenöffnungen der Langwände balkon-
artig vortritt; die Holzdecke des Saales ist in volkstümlicher
Weise bemalt.

auch das Bauprogramm, als man sich im Jahre 1904 dazu
entschloss, das alte Stiftungshaus zu verlassen, dessen innere
Einrichtung und baulicher Zustand nicht mehr den heutigen
Ansprüchen genügten und das nach und nach zwischen hohen
Mietskasernen eingebaut war. Ein fünfgeschossiges Mietshaus

Sämtliche Räu-
me wurden den
Forderungen der
Neuzeit entspre-
chend ausgestat-
tet. Die Einrich-
tung derselben
kann in jeder Be-
ziehung als ge-
diegen u. zweck-
mässig gelten.
Projektierung
und Bauausfüh-
rung erforderten
einen Kostenauf-
wand von 97 000
M. oder 12,60 M.
pro Kubikmeter
des umbauten
Raumes. Für die
Inneneinrich-
tung, an deren
Durchführung
Karl Bertsch,
Prof. Niemeier
und v. Beckrath
in München her-
vorragend be-
teiligt waren,
musste ein Be-
trag von 22000
M. aufgewendet
werden. S. L.
Das neue Waisenhaus der Stiftung Luisens
Andenken in Westend.
Architekt: Rudolf Walter, Charlottenburg.
Eigentlich eine moderne Anstalt im heutigen Sinne des
Wortes war von seiner Begründung an das nun seit 75 Jahren


ist inzwischen
bereits an seine
Stelle getreten.
Bei den ein-
gangs geschil-
derten Grund-
sätzen war es für
den Architekten
eine ideale Auf-
gabe, droben in
Westend, auf luf-
tiger Höh’, wo
freie Bauweise
durch die Bau-
ordnung be-
stimmt ist, der
trotz ihres Alters
noch heute ju-
gendlichen An-
stalt eine Heim-
stätte in sonniger
Lage zu bereiten.
Lebenskräftig
war die vor-
handene Grund-
lage, so spornte
denn das Wer-
dende zur Ver-
tiefung in die ge-
stellte Aufgabe
an und so be-
scheiden diese
war, sie drängte
zu dem Wunsche, wenn möglich auch für Neuschöpfungen
ähnlicher Art Mustergültiges zu schaffen.
Einfache Klarheit in der Grundrissanlage, Schlichtheit ohne
Nüchternheit im Innern und Aeussern und Berücksichtigung
aller gesundheitlichen Forderungen war dem bescheidenen
Zwecke entsprechend der Inhalt der gestellten Aufgabe.


2. Geschoss.


Arch. Rud. Walter, Charlottenburg.

Waisenhaus „Stiftung Luisens Andenken“, Westend.
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