Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER » 1908, MAI.

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eine gute Wirkung vor ihren zum Teil sehr zweifel-
haften Nachbarn. Die Ausstattung entspricht der-
jenigen eines vornehmen Mietshauses.
Friedrich Ohmann.
Die Wiener Hochschule für Architektur, die Aka-
demie der bildenden Künste, zeigt uns derzeit zwei
überaus interessante Künstler als Leiter der bei-
den Architekturschulen. Die Lehrkanzel, die einst
Hansen und nach diesem Hasenauer innegehabt,
ist durch Oberbaurat Otto Wagner besetzt, die
zweite Lehrkanzel, die ehemalige Schmidtschule
zeigt uns Oberbaurat Ohmann als Lehrer. So sehen
wir heute zwei vollkommen individuell geleitete
Schulen unter Führung erster Meister. Welch
himmelhoher Unterschied aber in den Zielen der
beiden Schulen. Einerseits ein Meister, reich an
Können und Wissen, der seinen Schülern individu-
ellste Kunst predigt und die historische Kunst voll-
kommen verleugnet, anderseits ein Künstler, der in
der historischen Kunst gross geworden und doch
auch aber heute zu einer modernen Kunstanschau-
ung gelangt ist. Unwillkürlich drängt sich ein Ver-
gleich zwischen diesen beiden Künstlern Otto
Wagner und Friedrich Ohmann auf. Beide Künstler
müssen wir als modern arbeitende Meister betrachten,
weit auseinander liegen aber 'die Wege, die sie
ihren Schülern weisen. Otto Wagner, der ältere der
beiden, beginnt seine Studien in der Zeit der Ro-
mantik, Van den Nüll und Siccardsburg sind noch
seine Lehrer. Frühzeitig sehen wir ihn bereits in
individueller Art tätig. Es ist sehr interessant, zu
verfolgen, wie selbständig seine Auffassung der
italienischen Renaissance ist. Ein überaus strenger
Zug hoch monumentaler Art spricht überall aus jenen
Bauten, die Wagners erste Schaffensperiode reprä-
sentieren. Langsam, aber vollkommen logisch er-
folgt jene eigenartige Wandlung bei diesem Künstler.
Seine vereinfachte Renaissance leitet ein zum Em-

Arch. Anton Wagner, München.
unterricht mit

Eckhaus Amort- und Romanstrasse, München.

pire, aus dieser Richtung heraus entwickelt sich dann
Wagners zweite Schaffensperiode, die ihn bald als
Führer der mo-

Tierfriesen ge-
schmückt, und
dienen den
tagsüber ver-
lassenen Kind-
lein als gesun-
des , luftiges
und helles zwei-
tes Heim. —
Die von dem-
selben Archi-
tekten stam-
menden Bau-
ten(S. 90u. 91.)
zeichnen sich
ebenfalls durch
eine zurückhal-
tende Schlicht-
heit und ge-
schickte Rück-
sichtnahme auf
ihre Lage zum
Teil an den
grossen An-
lagen, zum
Teil an bevor-
zugten Stras-
senpunkten
aus. Die Wahl
des Materials
und die wohl-
überlegte Far-
bengebung
sichern ihnen


Arch. Stengel & Hofer, München.

Haus Kapuzinerstrasse 56/57 in München. (Siehe Tafel 60.)

dernen öster-
reichischen
Baukunst zeigt.
Heute hat er
sich von der
Historie voll-
kommen losge-
sagt, das heisst,
soweit es bei
einem Künstler
möglich ist, der
in der histo-
rischen Rich-
tung bereits
Grosses ge-
leistet. Wagner
steht als ein
durch und
durch modern
denkender
Künstler vor
uns, seine Ar-
beiten er-
scheinen vor
allem von
Zweckge-
danken be-
herrscht. Das
moderne Bau-
bedürfnis in
Verbindungmit
den neuesten
Erfahrungen
auf dem Ge-
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