Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER ° 1908, MAI.

biete der Konstruktion und der Baumaterialien

geben ihm die Grundlagezu seinem eigenartigen
künstlerischen Schaffen. Wagners Arbeiten
sind der Kunstausdruck eines scharf denkenden,
durch und durch modern fühlenden Menschen.

Sein Schaf-


fen ist zum
grossen
Teileinrein
verstandes-
mässiges;
ein intime-
res Gefühl
ist seinem
Wesen
ziemlich
fremd.
Dieses Ver-
standes-
mässige
seiner
Kunst ver-
leiht seinen
Werken
den nie ab-
zuspre-
chenden
grossen
hochmonu-
mentalen
Zug. Aus
dem
Grundriss
heraus er-
scheint
seine Ar-
chitektur
entwickelt,

rücksichtslos, aber mit vollem Bewusstsein
seines Könnens sucht er den Einklang zwischen
Konstruktion, Grundriss und Architektur; dies


ist wohl ein Grund, dass Wagner heute noch viele

Arch, A. Thunig, München.

Eckhaus Dachauer- und Hasenstrasse, München.

Gegner unter seinen Kollegen und im Publi-
kum aufzuweisen hat. Das Wiener Temperament stimmt auch
nicht ganz zu diesem streng verstandesmässigen Denken, der
Wiener vermisst nicht gerne eine gewisse Weichheit, einen
gewissen intimen Zug in der Kunst, vor allem in der Archi-

tektur. Eine eigenartige Kälte spricht aus Wagners Bauten.
Diese Kälte ist es, die dem Wiener Publikum Wagners Kunst
derzeit noch nicht sympathisch machen kann, wie dies der
Bau der Postsparkasse ja wieder deutlich gezeigt. Wagner



Arch. Wilhelm Becker, Leipzig.

Haus Nordplatz 6, Leipzig.

Wohnhaus Nordplatz 6, Leipzig.
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