Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER,
1908, JULI.

MONATSHEFTE FÜR ARCHITEKTUR
UND BAU PRAXIS —
VI. JAHRGANG, HEFT 10.

Das moderne Fenster.
Von Stadtbaurat Scho enf elder, Elberfeld.
Wir reden und schreiben heute soviel über die Dekoration
des Fensters, und wenn wir eine solche Dekoration praktisch
anfassen wollen, dann stranden wir mit unserem Bemühen
zunächst schon an einer grossen Reihe von Schwierigkeiten,
die das blosse Öffnen unserer heutigen Fenster hervorruft.
Mit Recht sagt die Hausfrau zum Architekten: „Machen Sie
mir ein breites Fensterbrett. Ich liebe die Blumen und
möchte gerne das Fenster meines Zimmers mit recht viel
Blumen besetzen.“ Der Architekt erfüllt den Wunsch der
Bauherrin, und wenn das Zimmer fertig ist, sieht die Dame,
dass der ihr vorschwebende Gedanke sich nicht durchführen
lässt. Blumen darf man nicht in ihrer Stellung fortwährend
verändern. Blumen wollen zu ihrer Entwickelung ein stilles
Plätzchen haben. Sie wollen fest verbunden sein mit dem
Boden, auf dem sie stehen, wie sie es in der Natur gewohnt
sind. Das ist aber unmöglich bei unseren heutigen Fenstern.
Das Öffnen der Unterflügeln eines normalen Fensters er-
fordert zunächst das Beseitigen jedes Gegenstandes, der auf
dem Fensterbrett liegt oder steht. Das ist sehr misslich
und zu bedauern. Denn das Fensterbrett ist die bestbe-
leuchtetste Fläche im ganzen Zimmer und was wir dort
hinlegen, liegt uns immer vor Augen, wir werden es nie
vergessen, stets leicht wiederfinden. Das Fensterbrett ist
der natürliche Tisch für jeden, der am Fenster sitzt, dort
liest, näht, raucht oder Kaffee trinkt. Unser Bestreben, die
beweglichen Möbel zu reduzieren und unser Mobiliar fest
mit Boden und Wand verwachsen zu lassen, würde gerade
zur Ausbildung der Fensterbretter zu kleinen Tischchen
führen, wenn — ja wenn die Fensterflügel nicht nach innen
aufgingen und bei ihrem Öffnen alles, was sich auf dem
Fensterbrett befindet, heruntergefegt würde.
So ist denn also auch die Unterbringung von Blumen im
Innern des Fensters auf dem Fensterbrett ein Ding der Un-
möglichkeit. Kein rechter Blumenfreund wird seinen Schütz-
lingen einen solchen Platz zumuten. Ja, wird man sagen,
dann stellen wir sie auf ein aussen vor der Frontwand an-
gebrachtes, besonderes Fensterbrett. Doch nein, Blumen auf
ein vor dem Fenster ausgekragtes Konsolbrett aufzustellen,
ist eine ebenso missliche Sache. Wenn ein starker Regen
kommt, werden die schönsten Blüten abgeschlagen. Der
Wind zerzaust die Blätter. Will man die Blumen begiessen,
so muss man die Fenster öffnen und wenn man etwas zuviel
Wasser verwendet, kann der ausgetrocknete Boden dasselbe
nicht so schnell aufsaugen, es läuft vom Brett herunter und
den Vorübergehenden auf die Köpfe. Wenn wir Glück haben,
bekommen wir noch einen polizeilichen Strafbefehl. Auch
will der Besitzer eines Mietshauses meist nichts wissen von
vor den Fenstern angebrachten Blumen. Was dem einen
recht, ist dem anderen billig, und wenn jeder Mieter der-
artige Blumenbretter anbringen würde, so wäre die Folge,
dass Streitigkeiten aller Art entstünden, und man seinen
Kopf nicht mehr ungestraft aus dem Fenster stecken könnte.
Es muss eingestanden werden, unsere heutigen Fenster-
konstruktionen stehen der Benutzung des Fensterbrettes als
Tischchen oder im besonderen als Blumentisch direkt ent-
gegen.
Ja, aber vielleicht werden wir dann zu dem nach aussen
aufschlagenden Fenster zurückkehren? Weit gefehlt? Das
nach aussen aufschlagende Fenster hat noch viel mehr
Mängel. Da es von aussen sich gegen den Rahmen legt,
so ist sein Rahmenwerk bei jedem leisesten Regenschauer
der Durchnässung ausgesetzt. Die einzelnen Stücke quellen,
ziehen sich aus den Schlitzzapfen an den Ecken, das Fenster
schliesst nicht mehr, ja auf die Dauer bei häufiger Wieder-
holung dieser Durchfeuchtung verliert es ganz seine Form
und fängt schnell an zu faulen. Da man die Fensterflügel
nicht rechtwinkelig zur Hausfront aufstellen kann, weil in
dieser Stellung der Wind eine zu grosse Angriffsfläche findet,

so müssen sie so eingerichtet werden, dass sie glatt an der
Aussenfront des Hauses anliegen. Tun sie das, so lassen
sie sich überaus schwer zumachen. Man muss sich weit
aus dem Fenster hinauslehnen, um einen solchen Fenster-
flügel wieder schliessen zu können. Die Beschläge, die
Bänder, welche bei solchen Fenstern natürlich aussen auf
dem Rahmen liegen müssen, sind ebenfalls der Witterung
stark ausgesetzt und rosten. Kurz, nach aussen aufschlagende
Fenster werden wir heute nicht mehr bauen.
Aber, wird man sagen, an das nach innen aufschlagende
Fenster haben wir uns doch so gewöhnt. Wenn wir eine
gute und gründliche Lüftung erzielen wollen, können
wir eben nicht gleichzeitig all die anderen Vorteile, von
denen vorhin gesprochen wurde, mit erreichen. — Auch
eine gute Lüftung ist mit unserem modernen Fenster nicht
zu erzielen. Um eine gute und schnelle Lüftung zu er-
reichen, müssten wir am Fenster einen unteren und einen
oberen horizontalen Schlitz öffnen können. Der kühlen und
schweren Aussenluft müssten wir am untersten Teile des
Fensters, möglichst dicht am Boden unseres Zimmers, Ein-
lass gewähren, der warmen leichteren Zimmerluft, die sich
unter der Decke ansammelt, durch den oberen Schlitz des
Fensters den Austritt ermöglichen. Ein schmaler Spalt unten
am Fenster, ein gleicher dicht oben unter der Decke, würde
im Sommer wie im Frühling und Herbst einen beständig
gleichmässigen Luftwechsel im Zimmer ermöglichen. Das
hiesse rationell lüften. Wie wir die Lüftung heute betreiben,
betreiben müssen, können wir lediglich durch langes Öffnen
des unteren Fensters — die oberen Fenster lassen sich selten
öffnen in einer Privatwohnung — vorübergehend eine Er-
neuerung der gesamten Zimmerluft erzielen. Nach Schliessen
der Flügel verbrauchen wir dann wieder das im Zimmer
eingeschlossene Luftquantum, um nach einigen Stunden,
wenn die Luftverschlechterung wieder einen entsprechenden
Grad angenommen hat, den Erneuerungsprozess zu wieder-
holen. Also auch zur guten Lüftung trägt unser heutiges
Fenster keineswegs bei. Auch hier bedeutet es nur einen
Notbehelf.
Und wenn wir nun gar an alle die Vorrichtungen denken,
welche als Schutz gegen die Sonne dienen sollen, wie kümmer-
lich sind wir mit ihnen daran. Eine Fensterdekoration vor
dem Fenster im Inneren des Zimmers anzulegen, ist kaum
möglich, weil mit ihr die sich öffnenden Flügel ein paarmal
zugleich kollidieren würden. Jeder Vorhang muss zunächst
vor dem Öffnen des Fensters weggezogen werden, weil er
sonst von seinen Beschlagteilen zerrissen wird. Die Stab-
jalousien, die man so gern im Inneren des Zimmers an-
bringen würde, weil sie dort vor der Witterung, der sie nun
einmal schlecht stand halten, geschützt sein würden, sind
hier unanbringbar. Jedenfalls ist das Öffnen des Fensters
bei heruntergelassenen Jalousien ein Ding der Unmöglichkeit.
Also Mängel über Mängel an unserer heutigen Fensterkon-
struktion, die wir alle nur stillschweigend hinnehmen, in
stummer Resignation, weil wir nichts Besseres haben.
Aber, fragt man sich dann unwillkürlich, ist das immer so
gewesen? Die Antwort lautet: Keineswegs! Wenn man im
Schwarzwald und in Tirol in unsere Bauernhäuser kommt,
so findet man kleine nette Schiebefenster, die viel älter sind,
wie wir selbst und seit Jahrhunderten schon in der gleichen
Form dort ausgeführt werden. Die Fensterfläche verschiebt sich
hier nach der Seite. Auch der Laden wird von der Seite vor
das Fenster geschoben. Mit dem Grösserw’erden der Fenster
hat man an der Schiebekonstruktion des Fensters in manchen
Ländern trotzdem festgehalten, nur dass die Fensterflächen in
senkrechter und nicht in seitlicher Richtung verschoben wurden.
England, Frankreich, Amerika und selbst der Westen Deutsch-
lands haben von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 19. Jahr-
hunderts an diesem Fenster festgehalten. Freilich war das
hier infolge des milden Klimas wohl möglich. Dass diese
Fenster nicht dicht schliessen, bekümmert die Leute nicht.
Im Winter stopft man die meisten der sich bildenden Fugen
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