Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER - 1908, JANUAR.

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Arch. Rich. Schachner, München.

Kurhaus in Bad Aibling. Lese- und Schreibzimmer.

liehen Raumgruppe zusammengefasst wurden und zwar so,
dass sich an das durch zwei Geschosse gehende Vestibül, das
als Abschluss ein massives Kuppelgewölbe mit Scheitelöffnung
erhalten hat, für den Eintretenden zur Linken das Haupt-
treppenhaus — sich nach dem Vestibül hin öffnend — und
zur Rechten der mit einem Glasdach versehene Kassenhof
anschliessen. Durch diese Anordnung ist die Möglichkeit ge-
geben, die genannten zusammenhängenden Räume im Verein
mit einem dem Vestibül vorgelagerten Vorvestibül und den
Umgängen im I. Stockwerk bei besonderer Veranlassung als
stattliche Versammlungsräume benutzen zu können. Die
Architektur dieser Raumgruppe ist bei Verwendung von Kalk-
steinteilen und Putzflächen in ernsten, monumentalen Formen
durchgebildet; vier freistehende Kinderpaare, von Professor
Hahn in München modellirt und in Kalkstein ausgeführt,
beleben in reizvollem Wechsel den Kuppelraum. Zwei
weitere lebensgrosse Figuren, aus dem gleichen Material von
demselben Künstler noch in Arbeit, werden nach ihrer
Fertigstellung im Vorvestibül, an den Stufen zum Kuppelraum,
ihre Aufstellung finden.

Die Räume für die Direktion nehmen im ersten Stockwerk
die Strassenfront ein; an sie schliessen sich zwei grössere
Konferenzzimmer, die ihr Licht von hellen Höfen erhalten,
an. Die in Euville-Kalkstein ausgeführte Haupttreppe mündet
im zweiten Stockwerk in einen durch jonische Säulen ge-
gliederten Raum, in dessen Mitte ein Hinabblicken durch die
Scheitelöffnung der Vestibülkuppel (S. 40) ermöglicht ist und
der als Vorraum zum grossen Sitzungssaal gedacht ist. Der
Sitzungssaal, von 260 qm Grundfläche, liegt in der Haupt-
sache der Strassenfront und reicht durch das zweite und
dritte Geschoss; er hat an seinen beiden Schmalseiten je
eine Galerie erhalten.
Das übrige Gebäude enthält in seinen fünf Stockwerken
Büroräume nebst den dazugehörenden Nebenräumen für etwa
1100 Beamte. Vier Treppenhäuser und vier Fahrstühle ver-
mitteln den Verkehr zwischen den einzelnen Geschossen.
Das Dachgeschoss ist für Lagerzwecke ausgebaut.
Die Front am Friedrich Karl-Ufer, im Wechsel von Kalkstein
und gelblichem Putz ausgeführt, zeigt in wuchtigen, be-
stimmten Linien die Zweckbestimmung dieses Hauses; ein
weithin sichtbarer Rund-Tempel in Kupfer krönt hinter einem
vorgelegten Walm die Hauptachse des Gebäudes; die vier
mittleren Fensterachsen der Front sind durch einen Giebel
zusammengefasst. Die Lage des Baues neben dem frei-
stehenden Lessingtheater liess eine Gliederung auch der
diesem zugekehrten Frontwand und eine Abwalmung des
Daches nach dieser Seite zu. Die inneren Höfe haben Ver-
blendung, die der Stadtbahn zugekehrten Hoffronten eine
Durchbildung in Putz und Sandstein erhalten.
Mit dem Neubau, der eine in fünf Geschossen bebaute
Fläche von 3650 qm und glasüberdeckte Höfe von 196 qm
Grundfläche enthält, wurde im Oktober 1905 begonnen; seine
Uebergabe erfolgte im Oktober des Jahres 1906. Die Bau-
leitung lag in den Händen des Regierungsbaumeisters a. D.
May, dem Architekt Jung beigegeben war. Die zum Teil
recht ungünstigen Bodenverhältnisse machten in der Nähe
der Stadtbahn eine künstliche Fundierung notwendig; es
wurden hierfür bei den beiden dort projektierten Flügeln
eingerammte Betonpfähle mit Eiseneinlage verwendet.


Arch. Rich. Schachner, München.

Kurhaus in Bad Aibling. (S. Tafel 30 u. 31.)
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