Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER • 1908, JANUAR.

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Arch. Rich, Schachner, München.
Kurhaus in Bad Aibling. Billardzimmer.


Die gegensätzlichen Meinungen führten jedoch zur Einigung
dahin, dass die Ausführung des Baues nach einem von dem
Münchener Architekten und städtischen Bauamtmann Richard
Schachner ausgearbeiteten Entwürfe erfolgen konnte.
R. Schachner, der die künstlerische Leitung des Neubaues
übernommen hatte, bot etwas Ungewöhnliches, das anfänglich
nicht allseits verstanden wurde, sehr bald aber auch bei
allen jenen wohlverdiente Anerkennung fand, die mit den
bei der Bauausführung vertretenen künstlerischen Grundsätzen
vordem nicht durchaus sich befreunden konnten. Dem Er-
bauer ist es jedenfalls gelungen, für die ihm gestellte Aufgabe
eine bemerkenswerte Lösung zu finden, angesichts deren
noch aus manchem Saulus ein Paulus werden mag.
Kann schon im Hinblick auf die besondere Zwecksbestim-
mung der Neubau eines Kurhauses im allgemeinen als eine
ungewöhnliche Bauaufgabe für den Architekten gelten, so ist
dies unzweifelhaft in nicht geringerem Masse hier der Fall,
wo es sich noch dazu um einen verhältnismässig kleinen
Kurort mit ausgesprochen ländlichem Charakter und einer
eigenartigen landschaftlichen Umgebung handelt.
Letzterem Umstande der ihm zukommenden Bedeutung
entsprechend Rechnung zu tragen, musste hier als unerlässlich
erachtet werden.

diejenigen, welche der Ansicht sind, dass der bei einem
solchen Bauwerke vorauszusetzende Eindruck der Vornehmheit
lediglich durch städtisches Gepräge und Ausdrucksmittel wie
die letzterwähnten zu erreichen sei.
Um so freudiger mögen aber alle jene überrascht sein, deren
gesundes Empfinden ihnen bedauern lässt, dass bisher bei
der Errichtung von Bauten zu ähnlichen Zwecken in Orten mit
ländlichem Charakter so selten versucht wurde, auf Erhaltung
des letzteren im gleichen Masse bedacht zu sein, wie es bei
dem vorwürfigen Baue geschehen ist.
Das neuerbaute Kurhaus ist nicht nur mit seiner engeren
Umgebung vortrefflich in Uebereinstimmung gebracht, sondern
auch der örtlichen Bauweise allgemein ganz vorzüglich an-
gepasst.
Es ist ein einfach gestaltetes Gebäude, dessen an den ober-
bayerischen voralpinen Bauernhaustyp stark anklingendes
Aeussere bei aller Schlichtheit der gewählten Ausdrucksmittel
einen recht behaglichen und vornehmen Eindruck macht.
Besonders wirkungsvoll tritt dessen östliche, von polygonal
gestalteten Erkervorbauten flankierte Schmalfront in die Er-
scheinung, der eine drei Meter breite, mit massiver Beton-
brüstung abgeschlossene Terrasse vorgelagert ist.
Eine in der Breite der letzteren angelegte, in das um-
gebende Niveau überleitende Freitreppe vermittelt den Hauptzu-
gang zu den im Erdgeschoss befindlichen Restaurationsräumen.


Grundriss zu Haus Rohde, Darmstadt.

Das langgestreckte

Mit welchem Erfolge
der Architekt bemüht
war, dieser von ihm selbst
erhobenen Forderung zu
entsprechen, lassen die
beigefügten Abbildungen
erkennen.
Wer Gelegenheit hatte,
derartige Bauwerke in
anderen Kurorten mit
ähnlichen Verhältnissen
kennen zu lernen und
etwa aus der zwischen
diesen und ihrer Um-
gebung sich ergebenden
Wechselwirkung folgern
zu müssen glaubt, dass
ebenso wie dorten auch
hier inmitten einer reizen-
den, durch prächtigen
Baumwuchs sich aus-
zeichnenden Parkanlage
ein Bau in städtischer Art,
geziert mit den Formen
des Klassizismus, mit im-
posanten Säulenportalen,
Säulenhallen und dergl.
hätte erstehen sollen, wird
allerdings nicht minder
enttäuscht sein, wie alle


Arch. Heinr. Metzendorf, Bensheim.

Haus Rohde, Darmstadt.

zweigeschossige Gebäu-
de lässt, abgesehen von
den beiden vorerwähnten
Erkerausbauten und den
über die Fluchten der
beiden Langseiten vor-
tretenden Treppenhäu-
sern, nach aussen keiner-
lei weitere Gliederung der
Baumassen erkennen,
zeigt sich aber gleich-
wohl als sehr wirksam
belebt durch angemes-
sene AuflösungderMauer-
flächen in zahlreiche
Fenster- und Bogenöff-
nungen, durch farbige
Umrahmung der Fenster
und die seitlich der letz-
teren angebrachten, mit
blauemOelfarbenanstrich
versehenen Läden.
Ein verhältnismässig
flaches, weitausladendes
Ziegeldach trägt dazu bei,
den Reiz des Ganzen zu
erhöhen, der zur Som-
merszeit durch reich-
lichen, auf buntbemalten
Blumengalerien unter den
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