Baumeister: das Architektur-Magazin — 6.1908

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DER BAUMEISTER □ 1908, JUNI.

dafür ein Beispiel seiner Skizzen für das Kaiserin Elisa-
bethmonument in Wien. So sehen wir, dass Ohmann
schon als zeichnendem Künstler ein Ehrenplatz unter
den deutschen Künstlern gebührt.
Betrachten wir nun den Meister als ausführenden oder
projektierenden Künstler. Seine erste Tätigkeit dieser
Art zeigt sich in Prag. Am Storchenhaus daselbst
sehen wir ihn als Künstler, der die mittelalterlichen
Formen in ein neues Gewand kleidet. Der schmale
4fenstrige Bau mit seinem Treppengiebel, den reizvollen
Ecken und der Bemalung gehört mit zu den indivi-
duellen Schöpfungen Prags. Ueberaus eigenartig ist
sein Projekt für das Kunstgewerbe-Museum in Rei-
chenberg, ein Werk, das im Grundriss und in den Fas-
saden gleich originell gelöst erscheint. Ganz romantisch
mutet einen die Hauptfront mit ihrer feinen Gruppierung
und den mächtigen, durch grosse Fenster geteilten


Arch. Gerrit Emmingmann, Berlin.

Wohnhaus Gross-Lichterfelde, Drake-Ecke,
Steglitzerstr. (Siehe Tafel 70.)


Arch. Jos. Stöberl, Wilmersdorf-Berlin.

Wettbewerbsentwurf für Nieder-Barnim. Bauklasse III.
1. Preis. (Siehe Tafel 72.)

Museumsgegenstände. Aber auch an diesem mittelalterlichen
Raume zeigt sich die eigenartige Weichheit, die Ohmanns
Kunst so charakterisiert. Die eigentliche Domäne unseres
Meisters ist zweifellos die Barocke, sie weiss er zu meistern
wie sobald kein Zweiter. Ausgeführte Arbeiten in diesem
Stile und einzelne Kirchenrestaurierungen bestätigen uns dies
vollkommen. An erster Stelle müssen wir hier das Palais
Valtera in Prag anführen; selten dass ein moderner Barock-

Mittelteil an. Die kuppel-
bekrönten Eckpartien weisen
wieder auf Ohmanns Geist be-
herrschendes Barockempfin-
den. Gotik und Barocke
gehen hier eine ganz eigen-
artige Verbindung miteinander
ein. Ein Meister muss es sein,
der dies überhaupt zuwege
bringen kann.
Am Magdeburger Museum,
das ja vor kurzem erst dem
Gebrauche übergeben wurde,
sehen wir Ohmann im Verein
mit seinem Freunde Kierstein
tätig. Auch dieses Werk ge-
hört in die Gruppe der ro-
mantisch angehauchten Bau-
ten. Wie ja bekannt, hat Oh-
mann diese Arbeit dem preis-
gekrönten Konkurrenzentwurf
der Architekten Kuder und
Müller zu verdanken, ein Ent-
wurf, der sich aber nur zu
bald als ein Plagiat desReichen-
berger Museumsprojektes Oh-
manns entpuppte. Auch hier
zeigt sich wieder Ohmanns
malerischer Geist. Zeigt die
Fassadenbildung im Wesen
die Grundgedanken der deut-
schen Renaissance, so sehen
wir in dem Innenraume zum
Teil streng romanische und
gotische Architekturen, in vol-
ler Anpassung der dortselbst
zur Aufstellung gelangenden


Arch. Gerrit Emmingmann, Berlin.

Wohnhaus Gross-Lichterfelde, Drake-Ecke, Steglitzerstrasse.
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