Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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RUND SCHAU

Sammlungen
DUISBURG
Der Stadt Duisburg ist als Leihgabe fast
das gesamte Spätwerk Wilhelm Lehm-
brucks übergeben worden. Es ist imDuis-
burger Museumsverein nunmehr aufgestellt.
ULM
Als zweite Veröffentlichung der Ulm er
Schriften zur Kunstgeschichte er-
scheint soeben im Verlag des Museums der
Stadt Ulm der erste Bericht dieser Samm-
lung, erstattet von der Direktion und belegt
durch 20 zum Teil sehr schöne Abbildun-
gen, die, aus allen Gebieten ausgesucht, in
erster Linie wohl die Vielseitigkeit des mu-
sealen Programms belegen sollen. So er-
freulich es nämlich ist, daß Ulm seit etwa
zwei Jahren einen sehr starken musealen
Ehrgeiz entwickelt, den die Initiative des
neuen Direktors entfacht hat, so bedenklich
stimmt doch auf der anderen Seite auch
die Fülle der Neuerwerbungen, die weit
über die gerade hier lokal notwendige pro-
grammatische Beschränkung hinausgehen.
Wenn nämlich eine Stadt wie Ulm den Ehr-
geiz entwickelt, den sich reichere Groß-
städte mit besseren musealen Grundlagen
heute nicht mehr leisten können, dann darf
man sich doch fragen, ob nicht angesichts
solcher Rührigkeit (die ja allein niemals
verdienstlich ist) dennoch eine Revision des
Programms nötig wäre, damit die schönen
und reichen Ströme der Begeisterung nicht
vor der Zeit zum Versiegen kommen. Die-
ser Punkt steht heute überhaupt mehr denn
je zur öffentlichen Diskussion, weil mehr
noch als für andere Institute gerade für die
Museen das Gebot der Stunde maßgebend
ist, das die Not eines verarmten Deutsch-
land diktiert. Über diese Dinge muß ein-
mal grundsätzlich gesprochen werden. Der
vorliegende Jahresbericht ist mit außeror-
dentlichem Fleiß verfaßt, aber durch die
Häufung von Tatsachen auch ein wenig zu
sehr lokal eingestellt, um über Ulm hinaus
wesentlich interessieren zu können. Daß
sich unter den Neuerwerbungen ein halbes
Dutzend und mehr Stücke befinden, um die
auch größere Museen die Ulmer Samm-
lung beneiden dürfen (wie die Holzskulp-
tur einer Muttergottes von Hans Multscher
oder den Buxheimer Altar des Daniel
Mauch), soll nicht geleugnet werden. Ob
es dagegen wirklich Sinn hat, in diesem
Museum auch französische Kunst der Mo-
derne zu sammeln und beispielsweise eine

Studie von Delacroix neben Bildern der
Laurencin u. a. m. zu erwerben, erscheint
mehr als zweifelhaft. Für ein Museum die-
ser Art ist auch im Hinblick auf die ge-
genwärtige Kunst Beschränkung auf das
deutsche oder gar süddeutsche Kunstschaf-
fen sehr viel empfehlenswerter als die, wie
es scheint, Geiegenheitsritte über die Gren-
zen hinaus, die auf die Dauer doch dem lo-
kalen Ehrgeiz kaum genügen dürften. B.
Über das Sammelprogramm des Ulmer
Museums wird Uns von dritter Seite noch
geschrieben:
„Im alten Schwabenstädtchen Ulm wird
ein Stadtmuseum gegründet. Der dafür ein-
gesetzte Direktor, Dr. Baum, veröffentlicht
soeben einen Jahresbericht über seine Neu-
erwerbungen in der Wiener Kunstzeitschrift
„Belvedere“. Man sollte nun meinen, daß
das Programm dieses Museums sich auf
die Kunst von Ulm und der schwäbischen
Kunststätten, wie vor allem Augsburg und
Nördlingen, gründet. Das Interesse des Mu-
seums müßte sich in erster Linie auf die
heimatlichen Künstler Syrlin, Schaffner,
Zeitblom, um nur die wichtigsten zu nen-
nen, konzentrieren und hätte diese Linie bis
in die Gegenwart fortzusetzen. Sogar Licht-
wark, das Muster eines Galeriedirektors, hat
sein Museum auf der Pflege der heimatli-
chen Künstler von Meister Franke bis zu
Runge aufgebaut. Er sammelte mit Leiden-
schaft gerade diese Kunst, danach erst wid-
mete er seine Aufmerksamkeit den deut-
schen Meistern des weiteren Umkreises und
dann endlich zuletzt den Franzosen. An-
statt sich an dieses bewährte Beispiel zu
halten, kaufte der Direktor, ausgerechnet für
Ulm, sollte man es für möglich halten,
Franzosen vierten oder fünften Ranges.
Wenn ein großes deutsches Zentralmu-
seum wie Berlin, Hamburg und München
die klassischen Anreger des Impressionis-
mus, Manet, Monet, Cezanne und Renoir
in gewissem Umfang ankauft, so kann man
das nicht nur verstehen, sondern auch be-
grüßen. Da jedoch ein Museum, wie das in
Ulm, die großen Franzosen gar nicht kau-
fen kann, die deshalb von vornherein völ-
lig ausschalten, so ist es verpflichtet, eher
für die Repräsentation der deutschen Kunst
zu sorgen, bevor es seine Kräfte für aus-
ländische Ware dritten und vierten Ranges
verzettelt. Überhaupt scheint es nach jenem
Belvedere-Artikel dem neuen Direktor sehr
an Klarheit seines Programms zu fehlen,
was bei der Aktivität des Herrn doppelt zu
beklagen ist.“ i

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