Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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RUND SCHAU

FRANZÖSISCHE KUNST IN
FRANKFURT
Es war ein merkwürdiges Zusammentref-
fen, daß Dr. Oskar Schürer (Prag) zu der-
selben Zeit einen Vortrag über Pablo Pi-
casso im Kunstsalon Schames hielt, als die
erste, große Ausstellung französischer Ma-
lerei nach dem Kriege gemeinsam mit der
Galerie Flechtheim und Kahnweiler im
Kunstverein eröffnet wurde, die zum bedeu-
tendsten Teil aus dem Besitz von Dr. G. F.
Reber (Lugano) stammt. Der Redner gab
in Erläuterung einer Reihe schöner Licht-
bilder eine enthusiastische und tiefschür-
fende Erfassung der Bildgehalte und ver-
suchte die Gegensätzlichkeit des Stils im
Oeuvre Picassos zu erklären und aufzu-
lösen.
Der heute so viel umstrittene fran-
zösische Meister wird zugleich in der Aus-
stellung in Werken verschiedener Entwick-
lungsperioden sichtbar gemacht. Die Kon-
frontierung der Bilder aus der abstrakten
Periode mit gleichgerichteten Bildern von
Braque und Juan Gris beweist, daß die In-
tensität eines visuellen Bewußtseins sich
auch selbst in dieser vom Leben abstrahier-
ten Kunstform aussprechen kann. Die ku-
bistischen Bilder Picassos sind als indivi-
duelle Leistungen zu werten, wenn wir auch
auf dem Standpunkt stehen, daß der Weg
aus dem Organischen ins Geometrische die
aus der Materie schöpfende und an die
Materie gebundene Kunst der Malerei ins
Luftleere führen muß. Picassos kubistische
Bilder haben aus seiner malerischen Ent-
wicklung ein Instinkt gewordenes Wissen
um Spannung und Zusammenklang der Far-
ben behalten, das die Bilder reich macht.
Schließlich ist bei ihm auch die klassische
Periode ein bis ins Subtilste verfeinertes
Spiel mit dem Reiz von Form und Farbe,
und selbst in dem fast impressionistisch
frühen Bild „Junge mit Blumenstrauß“
merkt man diese beinahe pervers artistische,
aber bildnerisch originale Welterschauung.
Braques Bilder enthalten im engeren Bezirk
noch starkes und gehaltenes Bewußtsein
von Kontrast und Dynamik der farbigen
Objekte.
Juan Gris ist daneben dekorativ und
höchstens kapriziös.
Matisse zeigt in den ausgestellten Bildern
die Differenziert- und Sicherheit des farbi-
gen Sehens ohne den seltsamen Esprit Pi-
cassos. Utrillo wirkt matt, dä er ungünstiger
als auf der vorjährigen großen Ausstellung
bei Bing in Paris vertreten ist.
Derain stellt Bilder von ungleichem Wert

aus: Porträts von starker Energie, teppich-
haft stilisierte Naturausschnitte, einen Akt
in klassisch romantischer Anlehnung und
wiederum eine helle Landschaft von leben-
diger Vibration.
Vlaminck, Othon Friesz, Leger, Marquet,
Laurencin und Pascin werden in charak-
teristischen Bildern vorgeführt.
Sascha Schwabacher.
RUSSISCH-ENGLISCHE
GRAPHIKER-VERBRÜDERUNG
Die Schau moderner englischer Druck-
graphik, mit welcher das Graphische Ka-
binett des Museums der Schönen
Künste in Moskau die heurige Ausstel-
lungssaison im Oktober eröffnete, erweckt
doppeltes Interesse als Schlußakkord einer
internationalen Aktion künstlerischer Ver-
brüderung, die sich besonders frappant
vom Hintergründe der nichts weniger als
freundschaftlichen politischen Beziehun-
gen zwischen England und Sowjetrußland
abhebt. —
Bald nach dem Ausbruch der russischen
Revolution 1917 hatte der bekannte eng-
lische Maler und Graphiker Frank Brang-
wyn den Wunsch laut werden lassen, dem
staatlichen Kupferstich-Kabinett in Moskau
— damals war solches noch dem Rum-
jantzoff-Museum angegliedert — sein
ganzes graphisches Oeuvre als Sympa-
thiebezeugung für das russische Volk dar-
zubringen. Zur Ausführung kam diese Idee
jedoch erst im vorigen Jahre und in der
Tat erhielt das Moskauer Kupferstich-Kabi-
nett von Frank Brangwyn als Geschenk
eine Sammlung von im ganzen zirka 350
Radierungen, Holzschnitten und Lithogra-
phien, die, außer ihrem künstlerischen
Wert, natürlich auch einen recht respek-
tablen Marktwert repräsentieren. In zwei
speziellen Ausstellungen wurde diese
Brangwyngabe im Frühjahr dem Moskauer
Publikum seitens des Kupferstich-Kabi-
netts vorgeführt.
Die russischen Graphiker wollten nun die
großmütige Geste ihres illustren englischen
Kollegen nicht unbeantwortet lassen, und
dank der Energie Prof. N. I. Romanoffs,
des Direktors des Moskauer Museums der
Schönen Künste, wurde eine Kollektion von
ungefähr 200 Blättern moderner russischer
Druckgraphik zusammengebracht, welche
als Gegengeschenk der russischen Künst-
ler an Frank Brangwyn nach London über-
sandt wurden. Letzterer überwies seiner-
seits die ganze Sammlung, in welcher sämt-
liche zeitgenössischen Graphiker Sowjet-

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