Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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KUNST-LITERATUR

EIN JAPANER ÜBER BOTTICELLI1 *
Die europäischen Kunsthistoriker haben
über der Wucht, mit der sie sich auf die
Kunst des Ostens stürzen, völlig vergessen,
sich zu fragen, was denn eigentlich der
Osten von unserer Kunst denkt; aber auch
wenn sie so gefragt hätten, so wäre dieAnt-
wort ausgeblieben. Nun kommt zum ersten-
mal ein Asiate und widmet einem unserer
großen Maler ein Buch, wie es in der abend-
ländischen Kunstgeschichte sicher nur
wenige gibt. Der Verfasser istYukio Yashiro,
ein junger Professor der Kunstgeschichte
an der Universität Tokio, und sein Gegen-
stand Botticelli.
Yashiros Buch ist ein Kind der Liebe.
Der Verfasser war im Aufträge seiner Re-
gierung nach Europa gekommen, um unsere
Kunst zu studieren. In der National Gallery
sieht er Botticellis „Geburt“ und liegt auf
den Knien. Von London reist er nach Paris,
von Paris nach Florenz und bleibt volle vier
Jahre, während denen er sich durch die
Kunst und Kunstgeschichte der italieni-
schen Renaissance hindurcharbeitet und
sein erstaunliches Botticellibuch schreibt.
„Ich liebte Botticelli und studierte ihn. Das
ist alles. Ich habe meine Freude aufgezeich-
net, damit auch andere daran teilnehmen.“
Es ist das ein Geständnis, wie es bei uns
wohlmeinende Dilettanten machen. Doch
Yashiro ist kein Dilettant. Es ist sehr frag-
lich, ob je ein europäischer oder amerikani-
scher Kunsthistoriker ähnlich gut aus-
gerüstet vor einen chinesischen oder japani-
schen Maler getreten ist. Sein eigener
wissenschaftlicher Beitrag ist die Identifi-
zierung der Lord Lee of Faxham gehören-
den großen „Dreifaltigkeit“ als des für die
Kirche der „Convertite“ gemalten und lange
gesuchten Altarstückes, dessen Predella-
bilder sich heute in der Johnston Collection
in Philadelphia befinden. Doch erwähnt er
seinen Fund nur so nebenbei, mit einer Be-
scheidenheit, die unter unseren Fachleuten
selten anzutreffen ist. Verschiedene seiner
Zuschreibungen mögen anfechtbar sein,
doch wird man abwarten müssen, bis sein
in Aussicht gestelltes Werk über die Schul-
bilder Botticellis erschienen ist.
Die Haupttendenz des Quatrocento sieht
der japanische Verfasser in einem neuen
Sehnen nach einer realistischerenErfassung
der Natur, durch das Mittel der Linie mehr
als durch das des Farbtones. Auch Fra Fi-
lippo Lippi, Botticellis Lehrer, läßt sich
von dieser Woge tragen. Zu Unrecht ist er

1 Sandro Botticelli, By Yukio Yashiro. 3 volu-
mes. The Medici Society, London and Bosten (j** 15 15 s).

vom englischen Kunsthistoriker Horne, auf
dessen Botticellibuch sich Yashiro übrigens
immer wieder beruft, als in einem reaktio-
nären Fahrwasser schwimmend hingestellt
worden. Horne beging den fundamentalen
Fehler, daß er die lineare Auffassung als die
archaische betrachtet, währenddem es sich
doch nur um eines der zwei Gestaltungs-
prinzipien handelt. Bei Fra Filippo nimmt
der junge Botticelli seine erste Lektion im
neuen Realismus. Zwar ist dieser, wie der
Verfasser immer wieder betont, seinem gan-
zen Naturell entgegengesetzt, trotzdem aber
für die Entwicklung seiner Kunst von größ-
ter Wichtigkeit. Yashiro will von den anti-
realistischen Protesten unserer Zeit nichts
wissen. Es ist seine Überzeugung, daß sich
der Realismus nicht bloß mit der freien Ge-
staltung verträgt, wie die „Primavera“ be-
weist, sondern daß diese nur auf einer reali-
stischen Basis sich groß auswirken kann.
Der Verfasser kommt freilich aus einem
Lande, wo der Realismus, im Gegensatz zu
Europa, nie anders als maßvoll auftrat.
Mit einem erstaunlichen Einfühlungsver-
mögen und stets von ungewohnten Ge-
sichtspunkten aus verfolgt er Botticellis
Behandlung der Landschaft, der Blumen,
Köpfe, Hände, Haare und Gewänder. Nie
zuvor ist von einem Europäer so inter-
essant über den Landschafter Botticelli ge-
schrieben worden wie von diesem Japaner.
Aber kommt er nicht aus einem Lande,
wo die Natur die Sprache der Kunst spricht
und auch der einfachste Landmann „Feld
und Wasser seinen Gruß zu sagen weiß“?
Es ist seine Auffassung, daß die europäi-
sche Landschaftskunst nie der fernöstlichen
so nahe gekommen ist wie in Botticelli,
ja im Quatrocento überhaupt, wo die Men-
schen sich der Natur mit einem neuen
Sehnen näherten und ihre „Schönheit mit
einfachem Pathos nachzuzeichnen versuch-
ten“. „Was Botticelli so anziehend macht,
ist, daß er unmögliche Dinge malt und
durch die reine Macht ihrer Schönheit un-
sern Glauben erzwingt. Auf der Predella
der ,Krönung4 liegt das Meer höher als das
Land, ohne zu überfließen. Nur in derWelt
Botticellis und Korins haben Wellen so
melodische Formen... Die Wellen auf der
Geburt der ,Venus' sind so unmöglich wie
sie nur sein können. In der Natur erschei-
nen sie uns als eine Serie von Winkeln,
die nach oben zeigen, wie sie in der Tat
auch von Giovanni Bellini vortrefflich ge-
malt worden sind. Botticelli hingegen stellt
sie auf die Spitze. Das ganze Meer seiner
gemalten Welt ist in einer entzückend
lachenden Bewegung. Unsere Seelen glei-
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