Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Lovis Corinth: Selbstbiographie
Von GEORG BIERMANN

,,Ein Neues habe ich gefunden: Die wahre
Kunst ist Unwirklichkeit üben. Das Höchste.“
Lovis Corinth in der Aufzeichnung v. 31. März 1925
BALD nach, der Eröffnung der großen Corinthschen Gedächtnisschau in der
Nationalgalerie erschien bei S. Hirz ei in Leipzig in einer Ausstattung, die
mehr der Größe des künstlerischen Nachlasses als der literarischen Bedeutsam-
keit dieser Tagebuchnotizen einen adäquaten Ausdruck sucht, jene leider nur
Fragment gebliebene Selbstbiographie Corinths, deren Überarbeitung und Druck-
legung ebenfalls der Sorge von Charlotte Berend gedankt wird.
Ähnlich wie die Selbstporträts, so sind auch diese Aufzeichnungen im letzten
Bekenntnisse des Menschen Corinth, „Confessiones“ im Sinne der alten Kirchen-
väter, in denen sich seelisches Erlebnis widerspiegelt, einerlei, ob es sich um
die Erinnerungen an Kindheit und Mannesjahre oder um die Erschütterungen in
Kriegszeit, Inflation und jene letzten Lebensjahre handelt, in denen Todesahnungen
die Gedanken des alternden Meisters immer stärker gefangennehmen.
Es ist kein federgewandter Literat, der sich in diesen Blättern ausgesprochen
— der Stil ist vielmehr oft holperig und das Wort manchmal unbeholfen —
aber es ist der Mensch Corinth, der auf seine Weise die Summe seines Lebens
zieht, dessen erschütternde Tragik fast in jedem Satz unser Bewußtein überfüllt.
Vieles, zumal im zweiten Teil der oft nur kurzen Aufzeichnungen, wirkt seltsam
naiv, z. B. wenn Corinth auf die Geschehnisse der Politik zu sprechen kommt,
aber man möchte auch diese Abschnitte letzten Endes nicht entbehren, weil sie
für das Gesamtbild dieses reinen und wahrhaftigen Menschen dokumentarisch
wichtig sind. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, daß die Kunst Co-
rinths immer Ausfluß seines ureigensten Menschentums gewesen ist, diese Tage-
buchblätter erbringen ihn so vollkommen, daß sie eben darum auch fortan die
wichtigste Quelle für die Erkenntnis des schöpferischen Werkes sind, das dieser
Große der Nachwelt hinterlassen hat. Kein Wort, kein Satz, keine noch so zu-
fällige Bemerkung wären zu entbehren, denn auch das scheinbar Belanglose ge-
winnt Bedeutung, sucht man von hier aus erst einmal die Brücke zum Werk
hinüber.
Es muß gesagt werden, daß diese autobiographischen Notizen und Betrach-
tungen erst in den letzten zehn Jahren entstanden sind, als der körperlich ge-
brochene Corinth sich immer stärker in seiner Einsamkeit verkapselte und sich
auch in seiner Kunst immer nachhaltiger vom optischen Gebundensein loslöste
und nur noch dem inneren Bild opferte, das ihn schließlich ganz in die Vision
vorantrieb und ihm technisch die letzte, überhaupt nur irgend denkbare Frei-
heit des Gestaltens schenkte. Ohne diese Einsamkeit und völlige Abgekehrtheit
von der Welt hätten wir nie diese großartige Erfüllung einer fünfzig Jahre hin-
durch produktiven schöpferischen Arbeit erlebt. Im rein Menschlichen aber sind
diese letzten zehn Jahre vielleicht das tragischste Schicksal, dem je ein Künstler
unterworfen gewesen ist. Und in eben diesen Jahren ist dies Fragment einer
Selbstbiographie entstanden, die uns, den Freunden und Verkündern der gott-
begnadeten künstlerischen Mission eines Corinth, darum von selbst auch zu
einem heiligen Vermächtnis des Menschen werden mußte. Von der Kunst selbst
ist in diesen Blättern nicht allzuviel zu lesen und das ist vielleicht sogar ein
großer Vorzug. Denn erfahrungsgemäß sind solche Künstler, die viel von ihren

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