Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Schlesische Kunst des Mittelalters auf
der Ausstellung Breslau-Scheitnig 1926
Mit elf Abbildungen auf acht Tafeln Von ERNST KLOSS
IN Breslau ist Anfang August eine Ausstellung schlesischer Malerei und Plastik
des Mittelalters eröffnet worden, wie sie in diesem Umfang sonst nur bei
großen Anlässen veranstaltet wird. In der Tat war das Zusammentreffen be-
deutender deutscher Tagungen in Breslau für Schlesien Grund genug, der Außen-
welt zu zeigen, daß die Wurzeln seiner künstlerischen Kultur ebenso tief und
breit ins Mittelalter hinabreichen wie die jedes anderen deutschen Landes. Da
aber keines der Breslauer Museen einen völlig befriedigenden Querschnitt durch
die Kunst des Mittelalters legt, mußte der Kunstbestand der ganzen Provinz in
seinen wesentlichen Stücken an einen Ort gebracht werden. Was erreicht
wurde, hat selbst hochgespannte Erwartungen übertroffen: Es hat sich ein Reich-
tum an Kunstwerken zusammengefunden, der Schlesien zum erstenmal mit aus-
gesprochener Physiognomie in die Geschichte der Kunst eintreten läßt.
Drei Momente sind es offenbar, die der schlesischen Kunstentwicklung des
Mittelalters die allgemeine Prägung geben: Der Mangel an romanischer Holz-
plastik, das ungeheuere Überwiegen des weichen Stils und die geringe Stoßkraft
um 1500, die der Kunst nicht aus eigenem Impuls die Säfte des neuen Jahr-
hunderts zuzuleiten vermag. Mag das erste und letzte Moment zunächst negativ
wirken — sie werden aufgewogen durch Mischbildungen von solcher Lieblichkeit
und Besonnenheit, daß selbst das eindringende Fremde sich ihrem Reiz oft nicht
entziehen konnte. Gleich der erste Saal enthält ein Stück, das man zum Aus-
gangspunkt der Betrachtung nehmen kann, den Polsnitzer Altar (Nr. 26)1, der
sich mit Hilfe des 1352 datierten Sakramentshäuschens seiner Kirche um 1350
ansetzen läßt (Abb. 1). Schon der Typ ein schlesischer: der von Wiese so ge-
nannte Viereraltar, das heißt ein Altar, in dessen Schrein sich um eine vertiefte
Mittelgruppe die vier schlesischen Landesheiligen Margareta, Katharina, Doro-
thea und Hedwig (statt Barbara) gruppieren2. In dieser Anordnung drückt sich
eine Vertraulichkeit aus, auf die der Schlesier bis ins 16. Jahrhundert nicht ver-
zichten wollte, wie der späte Schrein aus Kroitsch (Nr. 207) beweist. Auf der-
selben Linie liegt die typologische Andeutung, wie sie in der unteren Propheten-
reihe deutlich wird. Auch sie bleibt unentbehrlich für die Zukunft, und wenn
im Giehrener Altar (Nr. 95) die Propheten wie Burgzinnen auf das Gehäuse ge-
setzt sind, so ist die volkstümlichste Form der Biblia Pauperum erreicht. Das
Mittelstück aber bringt die eigentliche Lieblingsdarstellung des schlesischen
Volkes, die Krönung Mariä, und zwar in der frühen Form, daß nur Maria und
Gottvater an der Handlung teilnehmen. Früh aber ist vor allem die Zustands-
form des Aktes: Maria ist gekrönt und verharrt leicht geduckt vor Gottvater,
der nach vollbrachtem Werk die Hand zum Segen erhebt. Dieser Erscheinung
gibt die Stilform den letzten Nachdruck. Noch mit einem Hauch romanischer
Starre behaftet, stellt sich die Szene doch in reiner Silhouette vor den Gold-
grund. Maria im Profil, Christus in der Front—das erst machte die ausdrucks-
volle Rückenlinie der Maria möglich, für die die hohe Gotik seit Jahrhunderten
wieder Empfinden hatte. Eine Generation weiter, und der Aspekt hat sich im
1 Die eingeklammerten Nummern bedeuten die Nummern des von der Ausstellungsleitung her-
ausgegebenen Katalogs. — Aus technischen Gründen wurden die Literaturangaben zu dieser Ab-
handlung auf die wichtigsten Werke beschränkt.
2 Erich Wiese, Schles. Plastik vom Beginn des 14. bis zur Mitte des 15. Jahrh. Leipzig 1923.
Dort auch Abb. der Mehrzahl der hier behandelten Werke.

Der Cicerone, XVIII. Jahrg., Heft 18

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