Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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SAMMLER UND MARKT

STATTGEHABTE
VERSTEIGERUNGEN
LONDON
Henry Percy Hörne, dessen bekannte
Stichsammlung am 22., 23. und 24. Juni bei
Sotheby zur Versteigerung gekommen ist,
war Zeit seines Lebens von einer leiden-
schaftlichen Vorliebe für Mezzotinten er-
füllt. Als er in den sechziger Jahren seine
lange Sammlerkarriere begann, da war diese
Graphikform freilich recht wenig geachtet,
ja sogar die Kustoden des Britischen Mu-
seums pflegten sie über die Achsel anzu-
sehn. Wie sehr ihr Ansehn bei den Samm-
lern seitdem gewachsen ist, bewiesen die
bei Sothebys erzielten Preise. Für die drei
„Cries of London“, nach Wheatley, hatte
er je eine Guinee bezahlt. Die dafür auf der
letzten Versteigerung bezahlten Preise be-
trugen £ 175, £ 185 und £ igo. Das Porträt
des „Master Richard Edgcombe“ von Dik-
kinson nach Reynolds war von ihm für
£ 16 erworben worden und erzielte iS?70;
„Lady Hamilton as a Bacchante“, vonj. R.
Smith, gleichfalls nach Reynolds, 'brachte
£ 100 ein und war für £4 10 s. gekauft wor-
den. Weitere Preise sind in der dem Heft
beigelegten Liste der Versteigerungsergeb-
nisse notiert. Bodmer.
PARIS
Aquarelle von Gavarni erzieltenbei einer
Versteigerung am 2. Juli im Hotel Drouof
überraschend hohePreise. Ein Blatt „Koket-
terie“ kam auf 35000 frs., ein anderes, „Die
Pfeifer“, auf 34000 frs. Für eine Folge von
20 Aquarellen zur „Kameliendame“ wurden
von einem Buchhändler 87400 frs. gegeben.
Solche Preissteigerungen sind charakteri-
stisch für unsere Zeit. Man schätzt immer
mehr an Gavarni Dinge, die uns abhanden
gekommen sind: Gemütlichkeit, Beschau-
lichkeit eine Art Spott, der, jeder Schärfe
bar, eine Mischung aus Eleganz und Bon-
homrnie ist. Dr.
AUS DER SAMMLERWELT
UND VOM KUNSTHANDEL
AMSTERDAM
In Amsterdam (Rokin, 117) ist vor kurzem
eine Niederlassung der Berliner Kunsthand-
lung F. Rothmann, Neue Wilhelmstraße
Nr. 9—ix, eröffnet worden, deren Leitung
der russische Kunsthistoriker Dr. V. Bloch
übernommen hat. Zur Zeit sind holländi-
sche und flämische Meister des 16. und
17. Jahrhunderts ausgestellt sowie einige
Italiener und Primitive.

AUGSBURG
Hofrat R ö h r e r in Schondorf hat seinerzeit
seine interessante Sammlung von Werken
des Münchener Barock und Rokoko an die
Stadt Augsburg verkauft, die jetzt in der
ehemaligen Dominikanerkirche eine Art
Barock- bzw. Rokokomuseum eingerichtet
hat, in dem zwar die Zick, Desmarees, Ed-
linger pp. vortrefflich vertreten sind, wo
aber die Augsburger Schule fast völlig fehlt
mit Ausnahme von Joh. Er. Holzer.
BERLIN
In der Galerie Nierendorf soll vonMitte
August an als 200. Ausstellung dieses Un-
ternehmens Das Gesicht von Berlin 1926
gezeigt werden, in der sich die besten deut-
schen Maler der Gegenwart um die künstle-
rische Intensivierung dieses neuen arbeiten-
den Berlins von 1926 bemüht zeigen.
COLMAR
Nach dem Tode von Andre Waltz, dem
langjährigen Direktor des Unterlinden-Mu-
seums ist jetzt dessen Sohn J. Jacques
Waltz, bekannter unter demNamen „Hansi“,
dessen giftige Karikaturen die stärkste Ver-
unglimpfung Deutschlands darstellten, als
Nachfolger seines Vaters, zum Hüter des
Isenheimer Altars bestellt worden.
LONDON
Der berühmte Kaiserteppich, den die
österreichische Regierung zur Gewinnung
von Krediten hat verkaufen müssen und
der solange die Wand des Treppenhauses
im Kaiserschloß von Schönbrunn ge-
schmückt hat, ist zur Zeit in London aus-
gestellt. Man bemüht sich, den Teppich für
England zu behalten und für das Victoria
und Albert-Museum zu erwerben, aber der
Erfolg steht noch dahin, da der geforderte
Preis angeblich 100000 Pfund beträgt. Der
Teppich zeigt auf einem Grunde, der in
der breiten Umrahmung glänzend grün, in
der davon durch einen gelben Streifen ge-
trennten großen Mitte purpurrot ist, eine
Fülle von Ranken, Vögeln und Tierkämp-
fen ■— in diesen Bildern von Löwen, Ka-
melen, phantastischen Vögeln wird der Ein-
fluß der chinesischen Kunst sichtbar. Der
Kaiserteppich, der in die Mitte des 16. Jahr-
hunderts datiert wird, führt seinen Namen
als Geschenk Peters des Großen an den
Kaiser Leopold I. von Österreich. Der rus-
sische Zar hatte den Teppich seinerseits
als Geschenk des Schahs von Persien erhal-
ten.

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