Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Gebrauchsmöbel von David Röntgen
Mit sieben Abbildungen auf drei Tafeln Von HANS HUTH


RÖNTGEN, ohne Zweifel der erste Ebenist und Mechaniker des Jahr-
hunderts“, so kündigte Baron Grimm 1783 der Kaiserin Katharina die
bevorstehende Ankunft des berühmten Herrnhuters an. Ein halbes Jahrhun-
dert später wußte man nichts mehr von der Persönlichkeit dieses Mannes,
lediglich auf Grund einiger Stücke seiner Spätzeit, auf denen sich die Signatur
„David“ befand, hatte sich die Kenntnis eines Ebenisten „David“ erhalten.
Unter diesem Namen stellte dann 1865 der vierte Marquis von Hertford — einer
der Gründer der Wallace-Collection — einige Möbel auf der retrospektiven
Ausstellung der „Union centrale des arts decoratifs“ aus. So kam der Ebenist
David in die Literatur; vollendet wurde die Verwirrung, als 1875 im „Art
Journal“ und bei Pollen die Bezeichnung „David de Luneville“ auftauchte,
weil David aus „Niewied“ bei Luneville stamme. Zwar hatte Davillier schon
1870 einige Notizen über Röntgen gebracht, diese blieben jedoch zunächst Un-
beachtet. Erst die Arbeiten von Mantz, Zais und Champeaux, durch welche di©
Persönlichkeit David Röntgen wieder festgelegt wurde, erregten die allgemeine
Aufmerksamkeit. So wurde Röntgen wieder bekannt als der Verfertiger jener
künstlichen Kabinettsschränke, die am Vorabend der Revolution das Ent-
zücken aller Höfe Europas gebildet hatte. Auf Grund dieser bekannten Werke
wurde nun hier und da ein Röntgenmöbel bestimmt, ja allmählich wurde im
Handel der Begriff Röntgen zu einer konventionellen Bezeichnung einer ganz
bestimmten Gattung von Möbeln der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts.
Neben diesen marktgängigen Stücken, die den Meister in der französischen
Literatur die Bezeichnung „trocken und arm“ eingetragen hatten, waren in
den letzten Jahren auf Grund verwandter Motive in der Marketterie Möbel be-
kannt geworden, mit geschweiften Grundformen, die offenbar einer früheren
Periode angehören mußten. Diese Möbel reihte kürzlich Adolf Feulner in einer
Arbeit über die Frühwerke Röntgens (Münchener Jahrbuch 1924, S. 275) nicht
nur in das Röntgenwerk ein, sondern bereicherte es auch infolge seiner syste-
matischen Forschungsweise auf das Glücklichste durch die Einfügung einer
Reihe bisher unerkannt gebliebener Arbeiten; Archivalien, die ich seither auf-
fand, bestätigten seine stilkritischen Bestimmungen der Münchener Stücke.
Neben den erwähnten Arbeiten fehlte bisher die Kenntnis von einfachen
Gebrauchsmöbeln der Röntgen-Werkstatt. Daß Röntgen neben den großen
Arbeiten die einzelne Kräfte seiner Werkstatt auf Jahre hinaus beschäftigten
— wie etwa Rümmer bei den „Tapeten“ für Erzherzog Carl —, nebenher auch
Durchschnittsware verfertigte, die dem Gros seiner Gehilfen Arbeit gab und
den Geschäftsgang flüssig hielten, hätte nicht erst der ausdrücklichen Bestäti-
gung gebraucht, die sich durch die von Feulner veröffentlichte Geschäfts-
anzeige ergab. Welcher Art sind nun die Gebrauchsmöbel? Naturgemäß
werden sie schwer zu bestimmen sein, da z. B. etw'a Stuhlmodelle und dgl.
sehr bald nach ihrem ersten Auftauchen — durch Modejournale verbreitet -—
ihre Wanderung durch die Werkstätten antraten. Immerhin werden einzelne
durch die besonders charakteristische Arbeitsweise festzustellen sein. Von den
in der Anzeige erwähnten Schreib- und Toilettentischen aus „Mahagoney ohn-
eingelegt mit Englischen schlossern, und im Feuer verguldten Zierathen und
Anschlägen versehen“, befindet sich einer (Abb. 1) im Berliner Kunsthandel
(Flatow & Priemer). Er zeigt die Charakteristik der erwähnten Gattung von

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