Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Neue amerikanische Baukunst
Mit vier Abbildungen auf zwei Tafeln Von PAUL ZUCKER
ES ist alles ganz anders! Die Suggestion der Schlag worte, der geprägten
Formulierungen, der klicheehaft erstarrten Begriffe ist ja leider auf den
Gebieten kulturellen und geistigen Lebens noch gefährlicher als im Wirt-
schaftlichen und Politischen. Je kleiner der Kreis der an den einzelnen
Problemen Interessierten, desto schwieriger die Korrektur an der Wirk-
lichkeit!
Also sprach der Fachmann: Amerikanische Baukunst sei rein konstruktiv,
mehr Leistung des Ingenieurs als des Architekten, das dekorativ Formale,
wenn überhaupt vorhanden, lediglich eine schwächliche Nachahmung klas-
sischer europäischer Stile. Dieser Stempel ist nun einmal geprägt und die
Kunstberichterstattung der Tageszeitungen — von jeher auf architekto-
nische Fragen wenig eingestellt, und gerade aus dieser Fremdheit gegen-
über der Materie nur allzu leicht geneigt, das Technische zu überschätzen —
betet diese Formulierung ahnungslos nach. Natürlich ist, wenn auch nicht
gerade das Gegenteil richtig, so doch die ganze Situation, die Verknüpfung
der Probleme so viel komplizierter, daß derartige Pauschalurteile unbedingt
irreführen müssen. Keineswegs gestaltet drüben, traditionsfrei und natur-
burschenhaft unbekümmert, der Ingenieur, keineswegs ist dort Frank Lloyd
Wright, in Deutschland bekannter als drüben, der einzige künstlerisch Ge-
staltende. Deswegen ist die doktrinäre Bezugnahme bestimmter deutscher
Architektenkreise auf die Schöpfungen dieses sicherlich sehr fein empfin-
denden Künstlers, der Wille, ihn als repräsentiv für das Bauschaffen eines
ganzen Erdteils anzusehen, eine maßlose Überschätzung.
Die Ausstellung neuer amerikanischer Baukunst in der Aka-
demie der Künste in Berlin hat zunächst den Vorteil, daß sie nicht Lite-
ratur und subjektive Impressionen gibt, sondern konkrete Photographien,
Zeitungsausschnitte, Pläne von Kommunalverwaltungen und Statistiken. Das von
Geheimrat Schüler gesammelte Material bietet einen wesentlicheren Überblick
und eine klarere Einsicht in das Wesen der amerikanischen Baukunst, als die
Reiseerinnerungen mehr oder weniger dilettantischer Amerikafahrer, die zufäl-
lige Eindrücke einer Vier-Wochentour fachmännisch verallgemeinern.
Gerade im Bauwesen ist Amerika (das bedeutet zunächst immer die Ver-
einigten Staaten) keineswegs so „neu“, so modern, wie es uns immer dar-
gestellt wird. Die gleichen Probleme, die uns beunruhigen, werden auch dort
durchdacht, nur werden sie mit einer großartigen und erschütternden Kon-
sequenz bis zu Ende, man möchte beinahe sagen bis zur Vollendung,
weitergedacht, mit einer Konsequenz, die bei uns in Europa unerreichbar und
unvorstellbar ist. Unerreichbar zunächst aus materiellen Gründen, aber
nicht nur aus diesen. Jahrhunderte, deren Gewesensein und Wesentlichkeit
übrigens auch der Amerikaner keineswegs zu vergessen gedenkt,
belasten uns noch stärker, sind mit unserem Boden, unseren kulturellen Atmo-
sphären doch immerhin so verwachsen, daß wir dem Auftrieb der Struktur
nicht mit gleicher Unerbittlichkeit und Präzision folgen. Die innere Konse-
quenz der konstruktiven und formalen Einstellung wird bei uns immer wieder
durch Assoziationen umgebogen: entweder in traditionellen Eklektizismus
oder, was keineswegs Fortschritt bedeutet, ins intellektuell Doktri-
näre. Jugendstil — Werkbündextreme — Bauhaus! Und das ist das Be-
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