Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Ponte-Molle und Cervaro
Von FRIEDRICH NOACK
Fortsetzung- und Schluß aus Heft 16
DIE Präsidentenwahl am 5.Dezember 1843 fiel auf den jüdischen Maler
Julius Moser, der schon als Adjutant und Kohortenführer an zwei Cer-
varofesten beteiligt gewesen war und später als Schriftführer des Deutschen
Künstlervereins in der von ihm verfaßten Chronik ein anmutiges Denkmal
seiner humoristischen Begabung hinterlassen hat. Jedoch bereits am 15. Ja-
nuar 1844 trat er freiwillig vom Präsidentenamt zurück, und das Volk fand
sofort einen sehr geeigneten Ersatz in dem Aquarellmaler Karl Wer.-!
ner. Er hat vier Jahre hindurch die Cervarofeste angeführt, bis sie durch die
Revolution unterbrochen wurden. Das erste Fest unter seiner Leitung wurde
am 2. Mai 1844 mit 30g Teilnehmern begangen. Der Präsident ließ einen reichen
Ordenssegen über das Volk herniedergehen. Über den Verlauf des Festes
sind wird genau unterrichtet, einmal durch eine Schrift Werners, dann durch
eine 1845 in Rom erschienene Broschüre von Giovanni Boschi „L’Artistica
Societä di Ponte Molle riunita a festa nelle Grotte di Cervaro“. Wir erfahren
daraus, daß der Generalissimus der Kavallerie Matthiä, der ein geschickter
Reiter war, im Beduinenkostüm den Vortrab anführte, daß auf einem als
Schiff gestalteten Wagen eine Marineabteilung saß, die unermüdlich ruderte,
daß der Präsidentenwagen zu seiner sonstigen glänzenden Ausschmückung
mit einer Allegorie der bildenden Künste bemalt war, zu deren Füßen zwei ge-
fesselte häßliche Sklaven saßen, welche die abscheulichen Kunstkritiker dar-
stellen sollten. Zahlreiche bunt bemalte Fahnen wehten über dem Heereszug:
sie zeigten launige Bilder, diejenige einer von dem schwedischen Maler Palm
geführte Kohorte Fußvolk stellte im Schatten einer Palme zwei Reihen Sol-
daten dar, die aus Flaschen gebildet waren, statt der Helme Trichter und statt
der Flinten Pfeifen trugen, mit der Umschrift: „Nunc est bibendum“; die
russischen Künstler hatten eine Fahne, auf der ein als Maler gekleideter Bär
die Schneelandschaft verläßt, um zu den aus der Ferne winkenden Fiaschi
Italiens zu ziehen. Für die Beschwörung der Sibylle von Cervaro hatte Julius
Moser den Text gedichtet mit einer von Karl Eckert komponierten Musik.
Auf die Fragen des Präsidenten antwortete die Sibylle, die Kunst gehe nach
Brot, der P.-M. prophezeite sie Sprachverwirrung und Uneinigkeit; wenn ein-
mal auf keiner Brust mehr der Bajocco glänze, dann gehe auch die P.-M.
unter, und als der Präsident fragte, wer denn nach ihm die Völker führen
werde, erschien als Antwort ein lebendes Bild in der Grotte: Apollo und die
Musen nach Raffaels Fresko in den Stanzen.
Die Weissagung der Sibylle über die Uneinigkeit erfüllte sich bald. Die
P.-M.-Akten berichten: „Nachdem sich Volk und Präsident lange in den
Haaren gelegen hatten, fast sämtliche Beamte abgedankt hatten und von dem
ganzen Staatsgebäude nur die beiden Tribunen noch aufrecht standen“,
wurde eine Neugestaltung vorgenommen, die Stellen des Vizepräsidenten,
der Tribunen und der Hebamme aufgehoben und dem Präsidenten ein Rat
von 6 Männern beigegeben. Diese Beiräte wurden als „Pairs“ bezeichnet, wor-
aus der Künstlerwitz „Bären“ machte und alle 7 zusammen das Siebengestirn
oder den „Großen Bär“ benamste. Es begann in der alten P.-M.-Gesellschaft
zu gären und Neues ans Licht zu drängen. Viele Künstler waren damit unzu-
frieden, daß die Vereinigung die ernsthaften Berufsinteressen der Mitglieder
unbeachtet ließ, sie nahmen auch an einzelnen alten Bräuchen Anstoß und

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