Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Peruginos „Assunta“ in der Sixtinischen
y 1 “I Von PAUL SCHUBRING
Mit einer Tafel

BEKANNTLICH wurde Perugino 1479 nach Rom gerufen und hat dort als
erstes Werk das Fresko in der später abgerissenen Apsis des Chors von
St. Peter gemalt, das wir aus der Zeichnung Giacomos Grimaldi kennen (abgeb.
bei Schmarsow, Melozzo Tafel XI und bei Bombe, Perugino S. 6). Es zeigt
eine Madonna als Halbfigur in Wolken schwebend, von einer Engelsglorie um-
geben; auf der Erde fünf stehende und kniende Heilige. Im Jahre darauf über-
nahm er die Oberleitung beim Schmuck der unteren Wände der Sixtinischen
Kapelle; er war der Capo dieser umfangreichen Unternehmung und hat wohl
selbst dem Papst Sixtus IV. Vorschläge gemacht, welche Künstler aus Florenz
und Umbrien berufen werden sollten. Selbstverständlich reservierte er sich
selbst die besten Plätze; sein Ehrgeiz ging vor allem dahin, mit Botticelli zu
konkurrieren. Der beste Platz war natürlich das Fresko über dem Altar; hier
hat er eine Assunta gemalt neben zwei anderen Fresken, die alle drei 1534
heruntergeschlagen wurden, als Michelangelo die ganze Wand für das Jüngste
Gericht brauchte. Die Wiener Albertina besitzt nun eine Zeichnung nach dem
verlorenen Assunta-Fresko (abgeb. bei Bombe, „Perugino“ S. 18), die merk-
würdigerweise von Wickhoff (Z. f. bild. K. 1884, S. 56 ff.) für einen Original-
entwurf Pinturricchios gehalten wurde, in Wirklichkeit ein schwaches, auch für
Pinturricchio zu schwaches Blatt nach dem Fresko ist. Wir haben aber einen
besseren Anhalt, uns das alte Bild vorzustellen, durch eine Tafel im Dom von
Neapel, die Anderson jetzt endlich photographiert hat (Nr. 2517g) und die in
der Komposition bis auf wenige Veränderungen mit der Zeichnung in Wien
übereinstimmt.
Die Neapler Tafel zeigt die Assunta in ganzer Gestalt, auf Wolken stehend
und von 14 Engelsköpfchen in der Mandorla umschmeichelt; wichtiger sind die
zehn großen Engel, mit Geige, Mandoline, Harfe, Flöte und Tamburin, die die
hohe Stunde verkünden. Zwei jubelnde Engel in der höchsten reinlichsten Zelle
halten stolz die Krone, von der Marias nun entbundener Virginitätsgürtel flattert.
Die einzelnen Engel sind zierlich und fein, mit zum Teil entblößten Schenkeln,
die selig und glücklich ihre Festsymphonie aufführen. Überall schimmern weiße
Wolken, Licht glänzt in der Glorie, wie weicher Rasen breitet sich der Wolken-
teppich.
Darunter liegt die schönste, stillste Seelandschaft; Lago Trasimeno, von den
sanft rhythmisierten nackten Höhenzügen behütet. Kein Windhauch, kein Vogel;
stillste Stunde. Auch im Vordergründe schweigt es; sechzehn fromme Menschen
schauen entrückt die Vision der Höhe. Die Mitte bildet, wie auf der Wiener
Zeichnung, die kniende Figur des Johannes; seitlich je sieben Gestalten, die
übrigen Apostel, Paulus und ein heiliger Bischof, der den knienden Donator
empfiehlt. Dieser ist kein Geistlicher, sondern ein Patrizier, vielleicht ein Caraffa,
die ja für den Neapler Dom soviel gestiftet haben — leider fehlt das Wappen.
Natürlich hat Peruginos Fresko als Stifter den Papst Sixtus IV. porträtiert;
den erkennt man sofort in der Wiener Zeichnung. Auch sonst sind in den
Einzelheiten zwischen Wien und Neapel manche Unterschiede, aber zugunsten
der Neapler Tafel. Die Figuren der Wiener Zeichnung sind bäuerisch und derb,
die unserer Tafel elegant, schlank und echt peruginesk. Gebärden heben an,
werden weiter gereicht, enden im Verklingen. Von den verzückten Gesichtern

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