Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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RUNDSCHAU

Sammlungen
DIE WITT-LIBRARV IN LONDON
Ein begeisterter Kunstfreund von feinem
Geschmack und gründlicher Kenner der
älteren und neuen Kunst, Sir Robert Witt,
Trustee der National Gallery in London,
hat sich ein edles Ziel im Interesse der
Kunstforschung gesteckt. In seinem schö-
nen Heim hat er in aller Stille aus eigenen
Mitteln in angestrengter Arbeit, in welche
sich seine Gattin, Lady Witt, geteilt hat,
ein kunsthistorisches Institut eingerichtet,
welches sich ausschließlich auf Reproduk-
tionen von Gemälden und Zeichnungen er-
streckt und den Kunstbeflissenen von nun
an jeden Montag und Freitag in liberalster
Weise geöffnet ist. Sir Robert Witt hat das
geschaffen, was in London eigentlich
fehlte, ein kunsthistorischer Apparat von
Bedeutung für den Forscher. Der Wissens-
durstige kann sich auch, dank der über-
sichtlichen Anordnung binnen weniger Mi-
nuten orientieren und das ihm bereitwillig
zum Studium vorgelegte Material für seine
Zwecke prüfen. In einem stattlichen Bande
von 238 Oktavseiten veröffentlichten bereits
1920 Sir und Lady Witt ein alphabetisches
Verzeichnis jener Künstler, die durchNach-
bildungen ihrer Werke in der von ihnen
gegründeten Witt Library vertreten sind
mit jeweiliger Angabe der Nationalität des
betreffenden Künstlers, ferner des Geburts-
und Todesdatums. Diesem ersten Band
folgte nun ein zweiter, noch stärkerer Band
von 266 Seiten, welchen die Verfasser be-
scheiden als „Supplement“ bezeichnen1).
Aus dem Vorwort ersieht man, daß die
Sammlung binnen fünf Jahren mit nicht
weniger als 100000 bereichert wurde, sc daß
die Zahl der gegenwärtig vorhandenen Re-
produktionen bereits die stattliche Höhe
von 250 000 erreicht hat, wobei in den bei-
den Bänden 13000 Künstlernamen figurie-
ren. Eine willkommene Verbesserung des
Supplementbandes ist, daß dieAutoren eine
strenge ethnische Scheidung durchführten,
indem z. B. die Schweizer Künstler nicht
mehr als „German“ bezeichnet werden. Die
bulgarischen, polnischen, rumänischen,
tschecho-slowakischen und ungarischen
Künstler figurieren als solche und sind
nicht mehr anderen Nationen zugeteilt wie
im ersten Bande. Erwähnt sei noch, daß

1 Sir Robert W itt and Lady W itt, Supplement
of the Catalogue ofPaintings and Draughtsmen
represented in the Library of Reproductio ns
of Pictures andDrawings formed bySirRobert
and Lady Witt. London. Privately printed. 1925.
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auf einer Anregung des Sir Robert Witt
und mit Hilfe einer weitausgebreiteten prak-
tischen Organisation unter der Leitung von
Mrs. Helen C. Frick, in Verbindung mit
der berühmten Sammlung ihres Vaters, der
bekanntlich seine Kunstschätze der Stadt
Neuyork vermachte, die „Frick Art Re-
ference Library“ entstanden ist, die mit der
Zeit gleichfalls zu den brauchbarsten In-
stitutionen dieser Art gehören und ein wich-
tiges Seitenstück zu der Photographien-
sammlung des Metropolitan Museums bil-
den wird.
In dem zweibändigen Wittschen Werke,
welches als Manuskript gedruckt wurde,
aber im Buchhandel nicht erschien, doku-
mentiert sich die zielbewußte Arbeit von
zwei vielseitigen und kunstverständigen
Leuten, denen das Studium der Kunstge-
schichte und ihr Fortschritt am Herzen
liegt, die ihr gestecktes Ziel mit eiser-
ner Ausdauer durchführen, um nicht nur
ihren eigenen Landsleuten, sondern allen
Nationen, die die Kunst hoch halten, einen
wahren Dienst zu leisten: Dieses edle Stre-
ben zu unterstützen ist ein Gebot der Pflicht
und Notwendigkeit, und so ist zu hoffen,
daß ein jeder Kunstfreund, ein jeder Kunst-
gelehrte, ein jeder Sammler, ein jederKunst-
händler durch Beiträge mit Freuden dem
beisteuern wird, die Witt-Library durch
willkommene Geschenke zu vermehren,
denn je umfangreicher und kompletter sie
wird, desto mehr dient sie den hehren
künstlerischen und wissenschaftlichen Zie-
len. Wir beglückwünschen Sir Robert und
Lady Witt zu der mit so vielem Verständ-
nis und Liebe durchgeführten Arbeit.
G. v. Terey.
MADRID
Dem Prado-Museum ist wieder ein-
mal ein Vermächtnis zugefallen, durch das
sein an sich schon überwältigender Kunst-
besitz aufs neue durch vier wertvolle Ge-
mälde bereichert wird: drei Goyas und ein
Van Dyck. Die Bildnisse stammen aus dem
Nachlaß der im vorigen März verstorbenen
Gräfin de Niebla und sind schon bei dem
früher erfolgten Tod ihres Gatten durch
dessen Testament für die Madrider Samm-
lung bestimmt worden.
Den ersten Rang unter den vier Bildern
nimmt wohl das Porträt von Dona Tomasa
Palafox y Portocarrero ein, die Tochter
eines bekannten Generals gleichen Namens
war und durch ihre Heirat mit Don Fran-
cisco de Borja neben verschiedenen ande-
ren Titeln den der 12. Marquesa de Villa-
franca führte. Ihre Mutter war die Dich-
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