Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Terrakotten des Statius
von Düren in Dänemark
Ein Beitrag zum Kunstexport Lübecks im 16. Jahrhundert
Mit vier Abbildungen auf einer Tafel Von ALFRED ROHDE-Hamburg

NOCH heute ist in der St.-Knuds-Domkirche zu Odense der große Schnitz-
altar des Claus Berg ein Kronzeuge lübischen Kunstschaffens. Ein Meister-
werk jenes vielfigurigen norddeutschen Altartyps des beginnenden 16. Jahr-
hunderts, wird er hier nicht als Fremdkörper empfunden sein, sondern er war
schon damals vorgeschobener Posten deutschen Kunstwollens von werbender
Kraft. Und er war einst nicht der einzige Kronzeuge in der fünischen Haupt-
stadt. Wer in früheren Jahrzehnten von der Domkirche kommend, über den
Marktplatz gehend, in die Overgade einbog, der sah gleich linker Hand ein
Haus liegen, das seine mit einer langen Reihe langweiliger Fenster versehene
Breitseite der Straße zuwendete (Abb. i). Über die ganze Fassade waren in
gleichmäßigen Abständen zwischen den Fenstern des ersten, zweiten und
dritten Stockwerkes 32 Terrakottaplatten verteilt, die aus der Werkstatt des
Statius von Düren in Lübeck stammten. Die Geschichte des Hauses berichtet
uns, daß dieses 1683 unter dem Ratsmann und Zöllner Kristen Westesen in
seinem Bau fertig war, da es in diesem Jahre in der Grundtaxe als höchst-
bewertetes Anwesen der Stadt aufgeführt wird. 1728 erwarb Oberst Günther
Didrich von Finecke, der 1729 starb, das Haus. Dieser an sich belanglose
Besitzwechsel — die Witwe verkaufte das Haus schon 1733 an den Apotheker
von Westen und seitdem beherbergte es die Löwenapotheke — ist deshalb von
Wichtigkeit, weil Finecke 1722 den großen Hof „Dallund“ bei Odense erworben
hat und auch an dem Wohnhause dieses Gutes Statius von Düren-Terrakotten
eingebaut sind. Der damals schon zerstreute Besitz an Terrakotten läßt den
Schluß ziehen, daß sie alle von einem gemeinsamen älteren Hause stammen,
und daß wir in der Fassade von Overgade 8 ebenso wie in Dallund lediglich
vorbildliche Beispiele zu erblicken haben, wie man in vergangenen Jahrhun-
derten aus einem historischen Sinn heraus die Denkmäler der Vorfahren als
geschichtliche Urkunden verwertete. Der Architekt verwendete für sein Haus
in Odense nur 32 Steine, die übrigen mag er beiseitegelassen haben, und aus
diesem Bestände hat sich Didrich von Finecke ausgewählt, was er für Dallund
brauchte. Vor 1683 gehörte das Grundstück der Familie Bager und 1580 führte
der Kaufmann Oluf Bager hier ein Haus auf, das auf dem Grunde von Over-
gade 8 und 10 stand. Und in diesem Bauherrn haben wir wohl den Mann zu
erblicken, der die Terrakotten aus Lübeck bezogen hat.
Oluf Bager, der von 1521 bis 1602 lebte, war der größte und einflußreichste
dänische Handelsmann seiner Zeit, der bei dem dänischen König Frederik II.
eine ähnliche Vertrauensstellung genoß wie Anton Fugger am österreichischen
Hof. Und um ein Dokument seiner Geldmacht zu geben, hat sich an ihn auch
eine ähnliche Sage geknüpft wie an den großen Augsburger: der König habe,
so wird erzählt, ihn einst besucht und habe gesehen, wie er seinen Kamin mit
Kaneelrinde heizte. Als der König sein Erstaunen über die Verwendung eines
so kostbaren Brennmaterials ausdrückte, da habe Oluf Bager geantwortet, er
könne noch kostbareres Brennmaterial verwenden, er habe daraufhin den
Kamin mit den königlichen Schuldbriefen weiter geheizt.
Seine internationalen Handelsbeziehungen werden ihn sicher zu wieder-
holten Malen nach Norddeutschland, insbesondere nach Lübeck, geführt

Der Cicerone, XVIII. Jahrg., Heft 3

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