Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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NEUE KÜNSTLER

I.
Luciano Baldessari
Mit vier Abbildungen auf zwei Tafeln
IN diesen Tagen soll bei Karl Nierendorf eine Ausstellung eröffnet werden,
die den Titel trägt: ,,Das Gesicht von Berlin 1926“. Fritz Gurlitt zeigte ein
halbes Jahr vorher in der Potsdamer Straße Variationen zu diesem Thema, die
ein gebürtiger Italiener verfertigt hatte, der in Rovereto geboren, seit ein paar
Jahren in Berlin lebt. Daß ausgerechnet dieser noch junge Italiener in seiner
Sprache, die die Mittel der Aquarelltechnik bevorzugt, von Berlin zeugt, gibt zu
denken, nicht weil es sonst nicht genügend gute Maler gäbe, die heute die Ve-
duten der Reichshauptstadt — die ungerechnet aller Entartungen in architekto-
nischer Beziehung einmal eine der imposantesten Städte des Kontinents sein
wird — motivisch verarbeiten (etwa in Menzels, Liebermanns und Lesser Urys
Spuren wandelnd), sondern weil diesem Italiener Baldessari mehr als manchem
Deutschen von dem wirklichen Gesicht Berlins eingegangen ist, das in seiner
rauschenden Hast dennoch den Zauber einer bezwingenden Schönheit in sich
verschließt. Sind diese rasch hingetuschten Aquarelle aber nur Illustrationen?
Dann wären sie wert, sobald als irgend möglich vergessen zu werden. Sie sind
mehr. Sie sind künstlerisch — zwar mit den Mitteln impressionistischer, leicht-
flüssiger Technik auf Papier geschrieben — Sinnbild neuzeitlicher Bewegung,
die der Odem der Großstadt schlechthin ausstößt. Sie sind, malerisch gesehen,
Romanzen in Farben, die die Zufälligkeit des Motivs beinahe vergessen machen.
Indem sie das Gegenständliche zu besitzen glauben, werden sie typisch für den
neuen Geist dieses, unseres Jahrhunderts, das in Bewegung kreist, wie etwa
das vorhergegangene Säkulum die von der Technik noch nicht berührte Ruhe
der Kontemplation besaß. Ihre Bedeutung liegt in der malerischen Qualität;
Berlin ist Nebensache und der Potsdamer Platz ein Nichts, sobald es sich nur
um das künstlerische Element handelt. Trotzdem, so will mir scheinen, hat
dieser Italiener zutiefst die Seele dieser Stadt erfaßt und bewiesen, daß auch
ein Stück von der Spree so viel sein kann wie ein Turner oder Kokoschka an
der Themse. Es gilt darum, ihn vorzustellen; vielleicht daß sich sein Format
einmal weiter ausrundet, vielleicht daß diese Begegnung einmal nicht mehr als
flüchtige Reminiszenz sein wird. Was wir aber damals sahen, war Hoffnung,
sogar sehr starke und begründete Hoffnung. Georg Biermann.
II.
Ernst Fritsch
Mit zwei Abbildungen auf einer Tafel
DIE Bilder von Emst Fritsch schildern meist ganz unbedeutsame, alltäg-
liche Erscheinungen der Wirklichkeit. Eine Binnenseelandschaft mit vor-
überziehenden Segelbooten und promenierenden Figuren; Haus, Hof und
Garten kleiner Leute, oder einen Tisch mit achtlos herumliegenden Dingen
darauf; verschrumpfte Provinzstadtgassen in festlichem Fahnenschmuck oder
mit einem zufällig in das Blickfeld geratenen Wägelchen; einen Herrn, der
sich eben vom Stuhl erhoben hat und nun, die Hände in den Hosentaschen,
dasteht, als ob es um eine Momentphotographie ginge usw. Landschaften,

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