Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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RUND SCHAU

Sammlungen
ERWEITERUNG DES ZÜRCHER
KUNSTHAUSES
Am 5. Dezember wurde das erweiterte
Zürcher Kunsthaus eröffnet. Zur Situa-
tion: Das Zürcher Kunsthaus bestand aus
dem 1910 vollendeten Bau von Curjel & Mo-
ser und einem dahinter liegenden sehr an-
mutenden Patrizierhaus, dem Landolthaus.
Da die Räumlichkeiten sich zu eng erwie-
sen, wurden beide Teile durch den Erweite-
rungsbau aneinandergekoppelt.
Der Bau: Schon der erste Bau von 1910
hält sich heute gegenüber seinen Vorgän-
gern und Zeitgenossen — der Olbrichschen
Wiener Sezession, der Billingschen Mann-
heimer Kunsthalle, dem Kreisschen Provin-
zialmuseum in Halle — mit seiner stillen,
an französisches Maß erinnernden Form-
gebung weitaus am besten, und es war
Moser möglich, ohne eigentliche Abbiegung
des Stils heute den Bau weiterzuführen.Der
größte und schönste Raum, zweistöckig mit
umlaufenden, glatten Galerien und weitem
sachlich eingelassenen Oberlichtfenster,
ist der Lesesaal, der kommunizierend in die
Sammlungsräume verflochten wurde. Nur
Farbe fehlt ihm, Farbe! Die Galerien ver-
langen nach Tönung, und zwar nach ver-
schiedener. — Der zweite monumentale
Raum ist der neue Hodlersaal mit den Stu-
dien zu Marignano, zu dem hannoveraner
Schwur und verschiedenen Großbildern:
Ausgewogen im Volumen. Weiß bis zur
Blendung. Um die starken Farben der Bil-
der nicht zu stören und doch die starre
Helle zu mildern, sollte man den vom Ober-
licht freigelassenen Deckenstreifen dunkel-
grau bis schwarz streichen.
Die Sammlung: Völlig neugeordnet. Ihr
Hauptgewicht bleibt auch heute —- trotz
wesentlicher Ergänzungen durch neue Fran-
zosen und Deutsche — Hodler. Das kleine
Kabinett, das den frühen Hodler zusam-
menfaßt, ist ganz vorzüglich (die Mutter
mit dem nackten Kind und dem fast kon-
struktivistisch gefestigten Hintergrund
wohl eines der bedeutsamsten der ganzen
Sammlung). Den Malern Böcklin, Stäbli,
dem vorzüglichen Rudolf Koller gehört der
alte Hauptsaal. Es ist dafür gesorgt, daß die
zeitgenössischen Schweizer, besonders die
Zürcher, zu ihrem Recht kommen. Neuge-
schaffen ist auch eine Skulpturengalerie,
Säle mit neuen Franzosen, Deutschen und
einem ganzen Kabinett mit Bildern A. Blan-
chets und Rene Auberjonois’, den man in
Deutschland von den Dekorationen zu Stra-

winskys „Geschichte vom Soldaten“ kennt.
Dazu kommen — allerdings ohne weitere
Systematik — die alten Bilder und — noch
nicht endgültig geordnet —- die Schweizer
aus der ersten Hälfte des ig. Jahrhunderts
im Landolthaus. Es ist hier nicht der Platz,
um in Details zu gehn. Wir verweisen auf
den vorläufigen Katalog der Sammlung, so-
wie auf die gesondert herausgegebenen 64
Tafeln, die Wartmann bei der Eröffnung
übergab.
Aufgaben: wichtiger als der museale Be-
stand ist es für das Kunsthaus, daß es ein
gelenkiges Instrument bleibt, um die Ströme
der Zeit durch sich gehn zu lassen! Die Bil-
der sollen nicht an der Wand festfrieren,
sondern gelegentlich enger zusammenrük-
ken und temporären Veranstaltungen Platz
machen. Es ist, wie Heinrich Wölfflin,
dessen Rede bei der Eröffnung des erwei-
terten Hauses souverän in der Mitte stand,
es formulierte, die Aufgabe des Kunsthauses
„die Brücke nach dem Neuen zu schlagen“.
Das heißt, wenn wir recht verstanden,Dinge
auch dann zu bringen, wenn sie noch zur
Diskussion stehn und auch die Möglichkeit
eines gesunden Fehlgriffs besteht. Man för-
dert nur solange wirklich, als die Dinge
noch ungestempelt sind. Zu wünschen
wäre — was wir vor mehr als anderthalb
Jahren vorschlugen — eine internationale
Ausstellung der „neuen Sachlichkeit“, die
inzwischen Hartlaub in Mannheim für das
Sondergebiet Deutschland vorweggenom-
men hat. Zu wünschen wäre endlich eine
Schau der Konstruktivisten, die man nicht
mehr mit einer hochmütigen Handbewe-
gung als Fastnachtsscherz abtun kann.Und
rückblickend, wäre eine sorgfältige Zusam-
menstellung der Schweizer Malerei, Stiche,
Buntdrucke, Ansichten von ungefähr 1760
bis 1850 von großer Wichtigkeit.
Giedion.
LONDON
Unter den Neuerwerbungen des Briti-
schen Museums befindet sich eine
Aschenurne, ein Würk der frührömischen
Kunst (ca. 200 v. Chr.). Das Relief stellt
offenbar eine ritterliche Prozession dar, die
einem Schreine entgegenschreitet, vor dem
ein Schaf geopfert wird. Die Gruppe setzt
sich aus drei Reiterpaaren zusammen und
— ihnen vorausziehend — einem Flöten-
und einem Lyraspieler. Wahrscheinlich
handelt es sich um die Verbildlichung einer
Zeremonie, die jedes Jahr an den Iden der
Quintilis zur Erinnerung an die Schlacht am
See Regillus stattfand.

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