Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Karthagische Kunst
Mit fünf Abbildungen auf zwei Tafeln Von V. MÜLLER

DIE Römer haben Karthago gründlich zerstört. Nur ganz spärlich an Zahl
sind karthagische Kunstwerke dem Erdboden wieder entstiegen. Allerdings
liegt dies auch an dem verwendeten Material. Nicht, daß die reichen orienta-
lischen Handelsherren den Luxus nicht geliebt hätten, im Gegenteil, aber sie
teilten nicht die Vorliebe der Ägypter und Griechen für Stein, sondern prunkten
mit Gold, Silber, Kleinodien und statteten ihre Tempel und Häuser mit kost-
baren Möbeln und gewirktem Behang aus, alles Dinge, die leichter zu rauben
und vergänglicher sind als ägyptischer Granit oder pentelischer Marmor. Als
Semiten haben sie auch ihren Toten kaum Beigaben mitgegeben, so daß man in
ihren Gräbern die köstliche Kleinplastik der Ägypter oder die Fülle schönster
griechischen Vasen und Terrakotten vergeblich sucht.
Es ist daher erlaubt und geboten, auch einmal ein Werk handwerklicher Kunst
heranzuziehen, wenn es eine Vorstellung von der Eigenart karthagischen Stils
bietet. Es sei eine Terrakotta besprochen, die die neuen Herren von Karthago,
die Franzosen, jüngst gefunden haben (Abb. i1). Sie ist dadurch ausgezeichnet,
daß sie etwas größer ist als gewöhnlich Terrakotten, nämlich 33 cm hoch, und
die ursprüngliche Bemalung noch vortrefflich erhalten zeigt. Sie mag eine Göttin
mit einem Tamburin darstellen oder eine Sterbliche, die den Toten durch Musik
und andere Reize erfreuen sollte. Sie ist dem Stil nach archaisch, gehört also
etwa ans Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus.
Schon die plastische Formung ist bezeichnend. Die Figur ist nicht in dem
Sinne rund plastisch, daß alle Seiten in gleicher Weise ausgeführt wären und
gesehen werden sollten, sondern sie ist nur für die Vorderansicht berechnet; die
Rückseite ist hohl. Es gibt im Orient eine Art Terrakotten, bei denen die Figur
auf eine Platte gesetzt ist, so daß sie ringsherum von einem Rand umgeben ist.
Etwas von diesem Typus hat auch unsere Terrakotta bewahrt, denn die beiden
Streifen, die seitlich von den Hüften bis zur Basis herablaufen, sind Reste eines
solchen Randes. Sie sind hier benutzt und umgedeutet, um in das Gewand ein-
gewebte Borten wiederzugeben; da diese in Wirklichkeit seitlich liegen, müßten
sie eigentlich in Seitenansicht und verkürzt erscheinen, sind also in die Vorder-
ansicht umgeklappt. Dadurch erhält die Form etwas zwischen Rundplastik und
Relief Schillerndes. In der griechischen Kunst wäre etwas Derartiges unmöglich;
auch aus der ägyptischen läßt sich nichts vergleichen, denn der Rückenpfeiler
bleibt, wenn er breiter ausgebildet ist, Hintergrund, vor dem die Figur in voller
kubischer Dreidimensionalität steht.
Weiter fällt die Zusammengeschlossenheit der Figur auf; es geht ein einheit-
licher ungebrochener Kontur um die Figur herum; nirgends finden sich heraus-
springende Ecken. Die breite Masse des Haares füllt die Lücke zwischen Kopf
und Schulter; die Ellenbogen stehen nicht hervor, sondern die seitlichen Borten
bringen den Unterkörper auf die Breite des Oberkörpers. Die spezifische Eigen-
art des weiblichen Körpers mit seiner Herauswölbung von Brust und Hüften
ist nicht wiedergegeben; auch die Beine verschwinden vollständig unter einer
starren Hülle, aus der nur unten die Fußspitzen hervorsehen. Da bildet die
1 Veröffentlicht ist sie von A. Merlin in der Fondation Piot. Monuments et Memoires
XXIV, rg2o mit farbiger Tafel, Der Text ist an sich gut, aber bei weitem nicht
erschöpfend.

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