Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Zur Situation deutscher Architektur
(Die kunstgewerbliche Infiltration)1
Mit 2 Abbildungen im Text und 7 Abbildungen auf 3 Tafeln Von SIGFRIED GIEDION

SETZEN wir die Zeit, in der der deutsche Expressionismus — und in ihm
wieder: die Malerei — den unbedingten Oberton hatte von etwa 19x2—1920,
so gibt das gleichzeitig den Zeitraum, in der — auf deutschem Boden — die
Architektur zu den abseitigen Künsten gehörte. Was soll Architektur, die
Umhüllende des äußern Lebens, wenn der Kardinalruf lautet: Blickt nach
innen, gebt Befreiung von den Dingen, gebt Geist! Malt das innere Wesen,
malt in aufwühlenden Farben unsere mißhandelte Generation, umstrahlt von
den Zuckungen der Unendlichkeit!
Expressionistische Architektur im eigentlichen Sinn gibt es überhaupt nicht.
Architektur blüht nur, wo sie herrschen kann! Es lag im System des deutschen
Expressionismus, daß die Architektur ihm entgleiten mußte. Einzelne Schöp-
fungen Pölzigs könnten — ohne daß wir damit einen Stil umschreiben möch-
ten — Symbole expressionistischer Architektur sein. —
Als der Expressionismus ins Breite floß, tränkte er nicht die Architektur,
sondern das Kunstgewerbe. Von den Bildern stiegen die Farben in die Wände
und Gegenstände.
1925: Viele sehen sich schlagähnlich vor einer verwandelten Situation.
Eine neue Architektur regt sich: unkunstgewerblich, unmodisch. Verwandte
Erscheinungen entstehen von Rußland bis Amerika und mit einer bis jetzt
nicht gekannten Schnelligkeit werden die Landesgrenzen überschritten, da-
mit alle schöpferischen Laboratorien sich gegenseitig befruchten können. Die
„freien“ Künste geraten für eine Zeit ins Hintertreffen, denn die Tatsäch-
lichkeit, allerdings mit utopischem Blutlauf, beginnt zu regieren! Der

1 Anlaß zu den folgenden Bemerkungen gibt die Ausstellung der Mannheimer
Kunsthalle „Typen neuer B a u k u n s t“, die W.Hartlaub, inVerbindung mit G. Platz
und E. Strübing, in den letzten Monaten veranstaltet hatten. Mit Ausnahme eines
kleinen holländischen Anhangs, handelte es sich dabei um „Typen deutscher
Baukunst“, wobei anscheinend das Rheinland eine besondere Hervorhebung erhielt
(Industriegebiet). Wenn auch sehr vieles bereits aus Zeitschriften bekannt war, so er-
hielt man durch die großformatige Ausbreitung und Nebeneinanderreihung verstärkte
Eindrücke. Die Ausstellung war, mit Ausnahme von den zeitrepräsentativen Meistern
Behrens und Poelzig, nach Bautypen geordnet. Dem Stande heutiger Architektur
entsprechend, gehörte der größte Raum den eigentlichen Nutzbauten: Fabriken, Lager-
häusern, Verwaltungsgebäuden, Hochhäusern (ausgeführten und projektierten). Weni-
ger befriedigend war im Anbau das Wohnproblem ausgebreitet. Das hängt wieder mit
dem fragmentarischen Stand dieser für die nächsten Jahre interessantesten, baulichen
Angelegenheit zusammen. — Ganz allgemein fiel uns auf, wie geradezu unerträg-
lich die rembrandtbraunen Schaubilder der Architekten geworden sind, die eine so
präzise Angelegenheit wie ein Bauwerk in eine unsachliche gespensterhafte Schminke
und Pseudomonumentalität hüllen. Schlimmes Überbleibsel des 19. Jahrhunderts, das
der heutigen Unfähigkeit des Laien, sich mit architektonischer Zeichengebung aus-
einanderzusetzen, auf üble Weise entgegenkommt. Man vergleiche damit die Ehrlich-
keit barocker Architekturstiche. Allerdings: damals war Architektur jedermanns Sache!
Heute hat nur die Photographie Berechtigung und —- bei Übersichtsplänen oder Pro-
jekten — die Parallelperspektive, wie sie Gropius oder die Konstruktivisten anwenden,
denn diese gestattet — wenn nötig — mit einem Blik auch das Innere eines Baues
phrasenlos zu erfassen. — Die Abbildungen, die den Ausführungen beiliegen, ver-
danken wir fast ausnahmslos dem Entgegenkommen der Herren Dr. Hartlaub und
Strübing. —

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