Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Lovis Corinth
Zur Gedächtnisausstellung der Nationalgalerie
Mit sechs Abbildungen auf vier Tafeln Von GEORG BIERMANN

ANGESICHTS der rund 500 Nummern, die der Katalog der Nationalgalerie
jLjl verzeichnet, bleibt als letztes Ergebnis immer nur das Überwältigende der
Gesamtleistung bestehen, ohne daß sich im einzelnen das Bild von dem Wer-
den und Wachsen der Corinthschen Kunst in wesentlichen Punkten verschiebt.
Aber diese Summe an schöpferischer Arbeit, die in den beiden oberen Stock-
werken der Nationalgalerie vereinigt ist, beweist nicht nur, wie sehr im letzten
die Persönlichkeit selbst Träger dieses Schöpferwillens war, sondern mehr
noch, wie diese Kunst von Anbeginn ein Suchen, ein zähes Ringen, ein ewiger
Kampf um letzte Ziele gewesen ist. Was muß Corinth für ein Leben voll
Arbeit hinter sich gebracht haben, wenn man daran denkt, daß vielleicht die
doppelte Zahl der hier vereinigten Gemälde von der Hand des Meisters noch
existiert und wenn man dazu vergleichsweise die außerordentlich lehrreiche
Ausstellung der Zeichnungen in der Sezession heranzieht und weiterhin einen
Blick auf die Fülle des graphischen Werkes wirft, das inzwischen auch in ,der
Akademie zur Schau gestellt wurde. Da bleibt von selbst der Eindruck eines
nicht Alltäglichen zurück, das wie ein ungeheurer Block in die Geschichte
unserer Tage hineinragt und dessen ganzes Ausmaß an schöpferischer Kraft
nur der zu ermessen vermag, der Jahre hindurch das Glück hatte, das Werden
dieser Kunst mit angespanntestem Interesse zu verfolgen. Wie steht Corinth
in all den Jahren seines Aufstiegs bis 1911 etwa doch so fest mit beiden Beinen
in der Wirklichkeit; wie sehr ist er, Antäus gleich, der Scholle der Heimat ver-
wurzelt, die ihm den schweren Pulsschlag seines ostpreußischen Bauernblutes
mit auf den Weg gab und wie wenig berühren ihn während dieser beiden Jahr-
zehnte die Einflüsse des Impressionismus, ein Begriff, der für die Weite des
Corinthschen Schaffens viel zu eng erscheint. Dieser Daseinsbejaher ringt
immer wieder um die letzten Probleme der Form und der Farbe und wenn er
schon mit 20 Jahren in seinen Zeichnungen als ein ungewöhnlicher Könner
erscheint, so erschüttern doppelt die immer erneuten Versuche, seine eigene
bildhafte Sprache zu finden, die auch in den letzten Monaten vor dem vTode
noch nicht zum Stillstand gekommen sind.
Für die Jugendentwicklung ist und bleibt es auch angesichts der großen
Gedächtnisschau, die manches bisher unbekannte und verschollene Werk ans
Licht ziehen konnte, Tatsache, daß Corinth erst sehr langsam zu seiner eigenen
künstlerischen Form durchgedrungen ist, und daß er in den Jahren des ersten
Werdens mehr gesucht, als schöpferisch gestaltet hat. Hätte man für diese
Zeit nicht auch die Zeichnungen als Beleg, würden wohl die wenigsten dem
Meister jene schöpferische Energie vorausgesagt haben, die sich zumal nach
der im Jahre 1901 erfolgten Übersiedlung nach Berlin immer reicher und groß-
artiger durch die Triebkraft blühender Phantasie entladen sollte. Es gibt unter
den Bildern dieser Gedächtnisschau trotzdem ein paar frühe Dinge wie das
Porträt des Vaters Franz Heinrich vom Jahre 1883, das heute Heinrich Hirzel
in Leipzig besitzt, oder die kleine Landschaft vom Gardasee aus dem gleichen
Jahre, die dennoch bereits einen deutlichen Hinweis auf den kommenden
Meister geben, der so oft in seinem Werk bis in die allerletzte Zeit hinein
wieder an die Dokumente seiner Jugend anknüpfte, so daß fast nirgends der

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