Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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SAMMLER UND MARKT

UM FEUERBACH
In Heft 13 des letzten Jahrganges hatte der
Cicerone erstmalig eine Anzahl von angeb-
lichen Bildern Feuerbachs veröffentlicht,
die gestützt auf die an der gleichen Stelle
publizierten Gutachten eines nicht genann-
ten Feuerbach-Kenners nachgerade zu einer
Plage am deutschen Kunstmarkt geworden
waren.
Dieser ersten Liste ist kürzlich ein wei-
terer Nachtrag gefolgt (Heft 8 des laufen-
den Jahrganges) anschließend an das in
Paris entdeckte Jugendwerk Feuerbachs,
das aber nur z. T. eigenhändige Arbeiten
des damaligen Couture-Schülers enthalten
dürfte.
Die Absicht dieser wiederholten Veröf-
fentlichung ging dahin, den deutschen
Markt aufzuklären und von zweifelhaften
Werken zu bereinigen. Wenn auch seiner-
zeit der Name jenes ,,Kenners“, von dem
die Gutachten stammten, nicht genannt war,
SO' waren sich die Eingeweihten idennoch
klar, daß es sich nur um Herrn. Uhde-Ber-
nays handeln konnte. Bei der Minderwer-
tigkeit des vom Cicerone veröffentlichten
Materials muß es einigermaßen überraschen,
daß Herr Uhde-Bemays nun erneut die Kri-
tik herausfordert, indem er in einem Auf-
satz im Juliheft von „Kunst und Künstler“
einen Beitrag über „unbekannte und un-
veröffentlichte Bilder Anselm Feuerbachs“
veröffentlicht, auf den wir im einzelnen erst
zurückkommen, wenn auch der angekün-
digte Schluß dieser „Reihe“ vorliegen wird.
Die Art dieses Artikels kennzeichnet sich
für jeden unbefangenen Leser durch den
hier unternommenen Versuch, von dem
eigentlichen Kernpunkt der vom Cicerone
angeschnittenen Frage abzulenken, indem
sein Verfasser von dem Unterzeichneten
angebliche kunstkritische Entgleisungen
und andere Märchen erzählt, die sich vor
rund 20 Jahren etwa ereignet haben sollen.
Wer mit solchen Mitteln arbeitet, scheidet
in einer sachlichen Polemik, die dem Werk
Feuerbachs gilt, als seriöser Gegner von
selbst aus. Jedenfalls denke ich nicht daran,
diese seltsame Methode einer Rechtferti-
gung durch Verunglimpfung der Gegenpar-
tei zu übernehmen. Im Gegenteil, ich nehme
zur Ehre von Herrn Uhde-Bernays an, daß
seine Gutachten nicht durch merkantile In-
teressen veranlaßt wurden, sondern daß ihm
einfach das Gefühl für die Handschrift
Feuerbachs abgeht.
Biermann.

LUZERN
Am 24. und 25. August kommt in der Ga-
lerie Fischer, Hotel National, Luzern, das
gesamte Inventar des Wiener Palais P. zur
Versteigerung. Es fehlt nicht an bemerkens-
werten holländischen Gemälden, an gewähl-
ten Porträtminiaturen und an farbenschönen
Tapisserien vom signierten Stück des frü-
hen 17. Jahrhunderts bis zum Tenierstep-
pich und der stattlichen spätem Verdüre.
Im ganzen aber hat man weniger eine
Sammlung vor sich (die vielleicht einige
Spezialisten interessieren würde), als die
Einrichtung einer Wohnung großen Stils.
In diesen Rahmen gehören: Möbel mit Be-
zügen aus Bauvais- und Aubusson-Tapisse-
rien, mit flämischer Tapisserie und mit
Petit-Point-Stickerei. Vom sechsbeinigen
Sofa, vom ausladenden Ohrenfauteuil bis
zum Mignonsessel sind mannigfache Typen
vertreten. Ferner finden sich zahlreiche
Kleinmöbel, Liseusen, Chiffonieren und
Tischchen von Louis XV. bis Empire, dann
Kommoden des 18. Jahrhunderts, zum Teil
paarweise, signierte französische Stücke,
Prunktische, Ruhebetten, Vitrinen, meist in
barocken Formen. Aber auch eine Möbei-
gamitur in feinem Wiener Empire muß er-
wähnt werden. Zu diesem Fonds gewählter
Möbel gehört ein glanzvolles Schmuckwerk
von Antiquitäten aller Art, Uhren in Gold-
bronze für Cheminee und Wand, Leuchter-
appliquen der Louis XV.- und Louis XVI.-
Zeit; Figuren, Tassen und Gefäße aus Wie-
ner Porzellan, Silber mit Dutzenden von
Schalen, Bechern, Dosen, Kannen. Dann
Aubusson- und Perserteppiche, Vorhänge,
viele Decken und Kissen aus alten Bro-
katen und Samten, insgesamt Hunderte von
guten Objekten, die der Katalog gewissen-
haft verzeichnet.
BERLIN
Vor einigen Monaten tauchte in einer
Berliner Kunsthandlung eine überlebens-
große holzgeschnitzte, dem Stil nach früh-
italienische Madonnenfigur auf, die, als
Original des Giovanni Pisano vorgestellt,
bald die Aufmerksamkeit von Fachleuten
und Kunstfreunden erregte. Es wurde ein
exorbitanter Preis für diese Figur verlangt
und der Ankauf derselben für das Kaiser-
Friedrich-Museum von vielen Seiten warm
befürwortet. Dieser allerdings scheiterte
weniger an dem Preis als an dem Wider-
spruch eines Abteilungsdirektors, der ge-
wichtige Gründe gegen die Autorschaft

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