Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Christian Rohlfs: „Rothenburg“

Von WILLI WOLFRADT

Mit einer farbigen Tafel

DIE Bürokratie der Stilbegriffe versagt vor der flammenden Malerei des alten
Rohlfs, die das Atmosphärische der Erscheinungen anfacht zu kreisendem
Sturm und wehender Glut, den flimmernden Tanz des farbigen Lichtes zu
bacchantischen Schwirren und Lodern steigert, die durchaus sinnenhaft ist, doch
den Eindruck überschürt, zerwirbelt, auflöst bis an die Grenzen rhythmischer Ab-
straktion, abgründig flutend, breit leuchtend, im Takte pulsend wie das Meer.
Diese Kunst fügt sich in keine Rubrik der Entwicklungsgeschichte, weil sie den
Wandel in sich zusammenfaßt; und zwar nicht durch Kompromiß der Gestal-
tungsprinzipien, sondern aus dem Impetus lebendigen Übergangs heraus. Sie
offenbart in der oft hinreißenden Schwungkraft ihres Wesens geradezu die Kon-
tinuität, deren Strom Neoimpressionismus und absolute Malerei verbindet. Sie
ist phänomenales Mittel zwischen van Gogh und Nolde. Und ein Bild wie die
Straße aus Rothenburg, das auf der vorjährigen Rohlfs-Ausstellung der National-
galerie in seiner sonnenbunt flackernden Frische besonders in die Augen sprang,
erreicht den Scheitelpunkt einer höchsten Möglichkeit auf dem Wege, den man
von hier aus rückwärts überblicken mag bis zu Manets „rue de Berne“ und vor-
aus zu den prismatischen Gefügen Feiningers. Reichweite ist Reichtum.
Dies Temperabild aus dem Jahre 1921, gemalt immerhin von einem Zweiund-
siebzigjährigen, bedeutet in seinem dionysischen Pleinairismus freilich einen
Sonderfall im Rahmen des sonst bei aller Farbeninbrunst meist tiefer und ver-
haltener klingenden, mystisch durchglommenen Werkes. Rohlfs ist hier heller,
tagfunkelnder, leichter denn je. Sonst ein dämmerungsvolles Lasten der Dächer,
ein wankendes Aufwachsen traumumspülter Türme in moosig verfilzte, schwer
ineinandergeschobene Luft, — nicht das schattenlose Strahlen, nicht das froh-
lockend Unmittelbare, nicht die reigenhaft schwingende Bewegung. Sonst zu-
meist ein dumpfes Wallen des Raumes, eine flutende Unruhe, eine oszillierende
Dunkelglut, — während diesmal die leuchtende Klarheit selbst gleichsam bunt
aufgespellt erscheint zu hüpfendem Wimpelschwall, dessen gelbe, blaue, rote
Flecken in losem Durcheinanderblitzen die gleißende Luft über der Straße fest-
lich illuminieren. Ein wippendes Geplätscher der Farben, das die Giebel tanzen
macht und das Pflaster wellig kräuselt: als seien im bunten Zerspringen des
reinen Glanzes aufrührende Energien freigeworden.
In dieser farbgeborenen Rhythmik aber ist Rohlfs ganz unverkennbar, und
nichts seinem Malen eigentümlicher als der sphärische Charakter. Wie Schatten
von hundert Schilfhalmen oder Zweigen fällt es über seine Bilder, die dadurch
eine Magie des Gleitenden gewinnen wie Waldboden und Wasserfläche. Wie
Schwalbenflügelschlag geht es darüber hin, wie Fischlein springen die welligen
Pinselzüge. Ein netzhaftes Geäder huschender Konkavformen verbindet sich
mit dem Schindelwerk breit und doch schwebend gesetzten Pigments zu flockiger
Marmorierung. Das eine Mal ist es, als trieben Farbschollen mit leisem Schau-
keln auf dem hell durchscheinenden Spiegel der Leinwand, dann wieder ist alles
ein züngelndes Blühen und pulsendes Bluten. Immer aber ist ein konkaver
Grundrhythmus spürbar bei Rohlfs, und alle seine Bilder sind durchflochten und
übersponnen von einem System bogiger Kurvaturen. Das Konkave buchtet den
Pinselschlag, zeltet die Umrisse, läßt die Tupfen wie bunte Federn sich wiegen
auf der Fläche. Es ist wie Lassos ausgeworfen oder zieht nur die leisen Kreise
eines Erschauerns, es doldet elastisch die gesamte malerische Struktur oder ver-


'Der Cicerone, XVIII. Jahrg., Heft 13

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