Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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NEUE KUNSTLITERATUR

ITALIEN-LITERATUR
An erster Stelle der Italienbücher, die dem
Deutschen seit langem ein wertvolles Ver-
mächtnis sind, muß diesmal die große illu-
strierte Ausgabe von JakobBurckhardts
„Die Kultur der Renaissance in Ita-
lien“ genannt werden, die im Verlag von
AlfredKr öner, Leipzig,soebenals is.Auf-*
läge unter Beigabe von nahezu 300 Abbil-
dungen und vielen zum Teil farbigen Ta-
feln erschienen ist. Als besonders erfreu-
lich. muß die Tatsache verzeichnet werden,
daß diese Prachtausgabe Burckhardts auf
Grund der Urfassung veranstaltet wurde,
die der Leipziger Ordinarius Dr. Walter
Goetz einer gründlichen Durchsicht unter-
zogen hat. Die Auswahl der Abbildungen
besorgte der Assistent des kunsthistori-
schen Institutes der Universität Leipzig,
Dr. Johannes Jahn, der sich große Mühe
gegeben hat, nicht immer wieder das hun-
dertfach abgebildete alte Material zur Illu-
strierung des Buches heranzuziehen.
Es handelt sich also um eine Neugeburt
in doppeltem Sinn. Erstens können wir nun
Burckhardts berühmtes Werk frei vom
Drum und Dran späterer Bearbeiter in sei-
ner Originalfassung wieder genießen und
zweitens geben die eingestreuten Abbildun-
gen die Möglichkeit, eine ganze Kulturepo-
che auch sogleich in ihren wesentlichen
künstlerischen Niederschlägen zu erkennen.
Man darf den Verlag, der in solcher Form
dem Andenken Burckhardts ein neues Denk-
mal setzt, von Herzen zu seiner schönen
Idee beglückwünschen.
Auf ganz andere, aber auf nicht minder
sympathische Weise ist uns der Ostpreuße
Ferdinand Gregorovius durch den Ver-
lag von Wolfgangjeß in Dresden wieder
nahe gebracht worden und zwar handelt es
sich um eine Neuausgabe von Gregorovius
„Wanderjahre in Italien“ in einer volu-
minösen, aber doch handlichen Dünndruck-
ausgabe in länglichem Taschenformat, die
mit 60 Lichtdrucken nach zeitgenössischen
Stichen (zeitgenössisch im Sinne von Gre-
gorovius) geschmückt ist. Der berühmte
Historiograph des mittelalterlichen Roms
zeigt sich in diesen „Wanderjahren“ von
seiner stärksten künstlerischen Seite und
es überrascht, wenn man bei der Lektüre
vieler Kapitel immer wieder feststellen muß,
wie merkwürdig modern Gregorovius Ita-
lien gesehen hat, in dessen Gesichtskreis
als Brennpunkt immer das Mittelalter
stand. Während Goethe noch achtlos an
den kostbaren Schöpfungen des mittelalter-
lichen Italien vorbeisieht, ausschließlich
antikisch befangen, weitet sich bei Gregoro-

vius fast schicksalhaft der Blick für jenes
große Kapitel, das heute wieder, wie nie zu-
vor, das Interesse des modernen Reisenden
gefangen nimmt. Beiträge wie die über Ra-
venna und Florenz sind daher für die Grund-
einstellung von Gregorovius besonders auf-
schlußreich. Zweifellos aber gehören diese
„Wanderjahre“ zu den besten Büchern,
die jemals über Italien geschrieben sind.
Dr. Fritz Schillmann hat sich mit beson-
derer Pietät dieser Neuausgabe angenom-
men, derselben eine beachtenswerte Ein-
leitung und ähnlich auch ein Schlußwort
angefügt und im übrigen manches ergänzt
und anderes fortgelassen, wofür er im
Schlußwort seine Gründe bekanntgibt. Ge-
rade diese Arbeit des Herausgebers hat we-
sentlich dazu beigetragen, das Buch für
den modernen Menschen so außerordent-
lich genußreich zu machen.
Eine schöne Idee verwirklichte auch der
Verlag von F. Bruckmann, München,
der auf Anregung von Alfred Kuhn
von „Goethes italienischer Reise“
eine illustrierte Ausgabe herausbrachte, die
außer dem Originaltext Goethes 80 Tafeln
nach zeitgenössischen Kupferstichen ent-
hält, unter denen die Piranesischen An-
sichten an erster Stelle stehen. Der Heraus-
geber begründet ebenfalls in einem Vor-
wort den besonderen Sinn dieser Ausgabe,
die sich bald unter den Italienreisenden
allgemeiner Beliebtheit erfreuen dürfte, so
wenig wir heute in wesentlichen Momenten
noch das Land mit Goethes Augen zu
sehen vermögen.
Im gleichen Verlag erschien noch Paul
Hommels „Sizilien“, dem ein Geleitwort
von Hugo v. Hofmannsthal beigegeben ist,
das Goethes Schatten gerade über dieser
Insel nicht mit Unrecht heraufbeschwört.
Im übrigen aber handelt es sich um ein rei-
nes Tafelwerk nach Originalaufnahmen, die
nun, durch meisterhaften Druck der Firma
Bruckmann vervielfältigt und insgesamt
124 an der Zahl, von Landschaft und Kunst
Siziliens einen großartigen Eindruck ver-
mitteln.
Als Gegenstück zu dieser Bild-Monogra-
phie Siziliens möchte ich das kürzlich bei
der Allgemeinen Verlagsanstalt in München
erschienene Werk von Nello Tarchiani
„Das mittelalterliche Italien“ anspre-
chen, dessen deutsche Übersetzung Dr. L.
Zahn besorgte. Das Buch, das 95 Tafeln
enthält, bringt eine ausgezeichnete Zusam-
menstellung der Bauten, die die oben ge-
nannten „Wandesrjahre“ des Gregorovius
trefflich illustrieren könnten und umspannt
— natürlich nur in einer beschränkten Aus-

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