Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Zur Soziologie der Architektur
Von PAUL ZUCKER
I.
ZWEIFELLOS: Von den bildenden Künsten ist die Architektur am wenig-
sten populär, — ja, sie wird, außerhalb eines bestimmten Kreises von Fach-
leuten, kaum als Kunst gewertet. Diese Tatsache muß als soziologisches
Phänomen hingenommen werden, eine Änderung oder Entwicklung erscheint
kaum denkbar, vielleicht nicht einmal wünschenswert. Die Gründe hierfür lie-
gen klar auf der Hand. Die Verknüpfung des Formgedankens mit dem Ge-
brauchszweck einerseits, Bedingtheit durch Konstruktion und Material anderer-
seits ist so kompliziert, für den Laien so wenig durchsichtig, daß die geson-
derte Betrachtung des rein künstlerischen Momentes eine außergewöhn-
liche Intensität der Einfühlung in die jeweilige Bauaufgabe erfordert.
Merkwürdigerweise steht aber nicht nur der Laie den Problemen der Archi-
tektur hilflos gegenüber, besser gesagt, er erkennt sie nicht einmal als künst-
lerische Probleme an, sondern auch der ganze offizielle „Kunstbetrieb“ nimmt
von der Architektur als solcher kaum Notiz. Besprechungen von wesentlichen
Neubauten in Tageszeitungen fehlen fast vollkommen, — in den gleichen
Tageszeitungen, die über den banalsten Tanzabend als künstlerisches Ereignis
spaltenlange Berichte bringen. Wird eine aktuelle Architektur aber doch ein-
mal erwähnt, „besprochen“, so bleibt es fast stets bei einem kurzen Ge-
schmacksurteil über die Fassade. Die jährlichen Kunstaustellungen räumen
der Architektur überhaupt keinen Platz ein, geschieht es einmal ausnahms-
weise, so sind mehr oder weniger effektvolle graphische Blätter als Perspek-
tiven, gelegentlich vielleicht auch einmal ein Modell zu sehen, — alles Hilfs-
mittel der Darstellung, die über den räumlichen, also eigentlich architek-
tonischen Charakter des Bauwerks so gut wie nichts aussagen.
Zwar existieren eine Unzahl von Fachzeitschriften für Bauwesen, die aber
eben nur von Architekten und Bautechnikern gelesen werden, wobei das Wort
„gelesen“ noch von einem besonderen Optimismus ausgeht, denn Architekten
sehen sich erfahrungsgemäß zwar mit großem Interesse Abbildungen, Grund-
risse und Schnitte an, der begleitende Text wird kaum jemals studiert. Einstel-
lung Und Leserkreis dieser Fachjournale ist ein so spezieller, daß sie mit dem
übrigen Kunstschaffen der Zeit ungefähr in dem gleichen innigen Zusammen-
hang stehen, wie die Fachzeitschriften für Fleischergewerbe und Lokomotive
führer. Die großen Kunstzeitschriften, die sich an ein allgemeiner kunste
interessiertes Publikum wenden, nehmen bekanntlich von der Architektur
überhaupt kaum jemals Notiz.
Und doch! Daß der Stilwillen einer Zeit ein einheitlicher ist, daß Architektur-
formen weder willkürlich erfunden werden noch nach den Dogmen einer nun
doch endgültig überwundenen Ästhetik rein aus Material und Konstruktion
heraus entstehen, braucht an dieser Stelle wohl kaum auseinandergesetzt zu
werden. Die Einheitlichkeit des Formwillens in Malerei, Plastik und Architek-
tur ist evident zu jeder Zeit, ebenso selbstverständlich wie die Unterschiede
im Tempo der Entwicklung. Gegenüber der Malerei, die, unter den bildenden
Künsten die leichtest bewegliche, manometergleich die geistige Spannung der
Zeit aufweist, ist die Architektur schon aus rein materiellen Gründen gleichsam
am dickflüssigsten, schreitet am langsamsten zu Umbildungen und Weiter-
entwicklungen. Gerade diese Unterschiede der Dynamik sind für den immanen-

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