Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 18.1926

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Zwei Madonnenreliefs von Giovanni
de Pisa und Domenico Paris
Von PAUL SCHUBRING / Mit drei Abbildungen auf zwei Tafeln

ALS Donatello 1444 nach Padua übersiedelte, Um — zunächst als architek-
A. JL tonischer Berater für den Chor des Santo berufen — hier den großen
Altarschmuck von 23 Großbronzen .bis zum Jubiläumsjahr 1450 für diese Kirche
zu gießen, da nahm er vier Gesellen seiner Werkstatt mit, die ihm zum Teil
schon beim Schmuck der Sakristei von S. Lorenzo geholfen hatten: Urbano
da Cortona, also einen Umbrer, Giovanni da Pisa, Antonio Chellino da Pisa
und Francesco d’Antonio da Firenze; später kamen noch der Dalmatiner Paolo
d’Antonio da Ragusa und der prateser Goldschmied Giacomo die Baldassare
hinzu. Urbanos spätere Tätigkeit in Siena und Perugia kennen wir gut, Antonio
Chellino finden wir 1457 am Triumphbogen König Alfonsos in Neapel; da-
gegen scheint der Pisaner Giovanni in Padua geblieben zu sein, wo sich
mehrere Arbeiten von seiner Hand erhalten haben, vor allem der bronzierte
Tonaltar in der Jacobuskapelle der Eremitani, ein Madonnenrelief ebendort
in der Sakristei und eine Tonstatue der Madonna in Sa Giustina. Berlin besitzt
einen Madonna-Stucco nach dem sechseckigen Marmororiginal in der Ere-
mitani (N 267) und aus der Sammlung von Beckerath das reizende Tonrelief
der Madonna im Tabernakel (N 268), das aus Florenz stammt und wahrschein-
lich noch in der Florentiner Zeit, also vor 1444, entstanden ist. Die sechs
Putten dieses Tabernakels zeigen viel Verwandtschaft mit denen des Verkün-
digungstabernakels von Donatello in Sa Croce, das ja sicher erst nach der
römischen Reise, also um 1435, entstanden ist. Den Altar in der Eremitani
müssen wir nach 1459 ansetzen; damals waren Mantegnas Fresken vollendet.
Er zeigt andere Proportionen als die des Beckerathschen Tabernakels in
Berlin; auffallend langgestreckte, stolze, hohe Gestalten, fast mantegnesk in
Haltung und Geberde. Am schönsten geriet wohl der heil. Cristoforo, der so
freudig heranschreitet und sich zu dem Nachbar, dem eifrig, aber mühsam
heranhumpelnden Antonius Abbas heiter umwendet. Heiter ist ja dieser ganze
Altar, unendlich lustig namentlich die 30 Engelchen, die am Fries musizieren,
tanzen und Tamburin schlagen — ein Echo jener schönen 12 Putten Dona-
tellos am Paduaner Hochaltar, die heute langweilig nebeneinandergereiht sind
und brutal in ihrer Lustigkeit neben dem Pieta-Relief in ihrer Mitte wirken;
einst saßen sie am Fuß der vier Säulen, die das Gehäuse des Altars trugen,
das ähnlich wie Mantegnas S. Zeno-Altar organisiert war. Auch das Ma-
donnenrelief in der Eremitani zeigt diese langen, feierlichen Formen. Ich
freue mich, ein Tonrelief dieses seltenen Meisters diesen Werken noch an-
fügen zu können, das ich neulich bei Herrn Drey in München sah, wo es
ja selten ohne frohe Überraschungen abgeht.
Das Relief ist 82 cm hoch, 48 cm breit und zeigt die Madonna in ganzer
Figur, sitzend auf einem Faltstuhl ohne Rückenlehne. Das schlicht gefaltete
Kleid ist über der Brust gegürtet; ein langes, weich fallendes Tuch rahmt das
Gesicht und fällt dann lose bis zu den Füßen herab. Der Kleine sitzt auf
ihrem linken Schenkel, er stemmt sich gerade aufs linke Füßchen, um an den
Gürtelknoten der Mutter greifen zu können; denn er möchte gern trinken.
Schon neigt sich die Mutter instinktiv etwas vor und drückt das Ärmchen
des Kleinen ermutigend mit der warmen Brust. Da haben wir wieder diese

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