Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Heidtlbtrgtr Ztilung.

Krcisverkündigungsblatt für den Kreis Heidelberg und amtliches Vcrkündigungsblatt für die Amts^ und Aints^
Gerichtsbezirke Hcidelberg und Wicsloch und dcn Auitsgerichtsbezirk Neckargemünd.


Donnerstag, » Zanuar


18««

Befiellungen auf die „Heidelberger
Zeirung" nebst Beilage „Heidelber-
ger Familienblätter" für das mit I.
Januar 1866 begonnene 1. Quartal
werden fortwäkrend angenommen.

DLe Expedition

, * Politische Rundschau.

I.

Der bestchenden Uebung gcmäß, halten wir
a,uch dieSmal mit Beginn des nenen ZahreS
eine Umschau über die denkwürdigsten Ereig-
nisse, die im Laufe deS nun dahingeschiedenen
JahreS sich zugetragen haben. Fassen wir hie-
bei unser Gesammtvaterland zunächst in'S Auge,
so stoßcn wir hier leider auf nicht viel Tröst-
lichcs. Die für unS brennendstc aller Fragen,
die deutsche, ist immer noch ungelöst. Deutsch-
land bildet heute noch, wie vor einem Jahre,
ein bunteS Durcheinander von Gemeinwesen
ohne Gemeinsinn, von Trümmern eincr vergan-
genen Herrlichkeit, zu. deren Neubau sich der
rcchte Baumeister noch nicht finden wollte. Die
Anzahl derjenigen, welche noch ein Heil von
dem sich Bundestag benennenden Gesandten-
congreß erwarten, ist, nach den in der SchleS-
wig-Holsteinischen Sache gemachten Erfahrun-
gen beinahe Null. Die wachsende Ucberzcugung,
daß nur die Kraft der Nation selbst Deutsch-
land von einem geographischen Begriffe zu cinem
europaischen Großstaat erheben kgnn, bildet fast
den einzigen Gewinn, welchen das deutsche Volk
aus dem letzten Jahre. dem Jahre der Gastei-
ner Convention, alö seine Errungenschaft be-
zeichnen kann. — Jn Oesterreich hat aber
diescs Jahr cinen neuen Staatsstreich gebracht.
Die Zurücknahme dcS Februar-PatentS hat allc
die verschiedenen historisch-politischen Jndividua-
litäten deS Kaiserstaats neu entfesselt, und auS
dem unseligen ChaoS ragt momentan nur Un-
garn, zu dessen Gunsten jencr gewagte StaatS-
act hauptsächlich geschah, alS cin großcs Ganzes
hervor. — Jn Böhmen wüthet der alte Kampf
zwischen Czcchen und Deutschen stärker als je
zuvyr, und in den meisten übrigen Kronländern,
mit AuSnahme etwa des glaubensseligen Ty-
rols, hat die SuSpension der Februarverfassung
den Einfluß gehabt, daß die Volksvertreter auf
den Landtagen Proteste und Vetwahrungen
wider diesen Act eingejegt haben. Jn äußerer
Beziehung hat die Allianz mit Preußen, die

gleich von Anfang an nur den Charakter einer
zweideutigen Geschäftöfrcundschaft an fich trug,
trotz der anscheinenden Besiegelung zu Gastein
auf Kosten. Schleswig-Holstrins und Deutsch-
lands, trotz her gemeinsamen, so viel Aüfsehen
erregenden Action gegen die freie Stadt Frank-
fnrt, einen gewaltigen Riß bekommen, und es
hat in den letzten Tagcn deS verflossenen Jah-
res dagegen von Seiten OesterreichS eine An-
näherung an Frankreich stattgefunden, wcnn
auch die Nachricht von einem förmlichen Bünd-
nisse zwischcn beiden Staaten als verfrüht und
voreilig betrachtet wcrden muß.

Die zweite deutsche Großmacht, Preußen,
bildet, wie schon seit einer Reihe von Jahren
daS Bild eines fortwährenden RücklaufS der
innern Politik; eS wird hier die Reactionsfluth,
trotz so mancher Mißerfolge deS Hrn. v. Bis-
marck in der Lußern Politik, immer größer.
Die Kammern sind in unwürdiger Weise nach
Hause geschickt worven, die versuchte Corruption
des Richterstandes hat in dem Gutachten der
Kronsyndici (in der SchleSwig-Holstein. Sache)
und auch sonst bereits Erfolge der traurigsten
Art erzielt; das freie Gemeindeleben ist viel-
fach untergraben worden, auf den völligen
Ruin dcr unabhängigen Presse wird mit Be-
harrlichkeit hingearbeitet. Ob es der imstaufe
dieses Monats (Januar) zusammentretenoen
VolkSvertretung gelingen wird, an dieser kläg-
lichen Sachlage etwaS Erhcbliches zu ändern,
ist nach den früher gemachten Erfahrungen lei-
der sehr zu bezweifeln.

* Politifche Umfchau.

Fünfzig evangelische Geistliche in Württem-
berg haben eine Versammlung auf den 3. Za-
nuar nach Stuttgart ausgeschrieben, zur Be-
rathung der Mittel und Wege für Einsührung
einer Landessynode — zu Verwirklichung der
verfassungsmaßig garantirten Selbstbestimmung
der evangelischen Kirche.

Wie der „Fränkische Curier" schreibt, wird
demnächst auS den drei Städlen Nürnberg,
Fürth und Augsburg die Deputation abgehen,
welchc dem König Ludwig II. die Lage und
Stimmung des Landcs schildern soll.

Der sächsische Gesandte in Päris, wirkl.
Geheimrath v. Seebach, ist in den Grafenstand
crhoben worden.

Die „Gazetta ufficiale del Regno" meldet
unterm 1. Januar: Gestern empfing Se.

Majestät der König Victor Emanuel den Gra-
fen v. Hompesch, dev. seine Beglaubigungs-
schrciben überreichte stnd im Namen des Kö-
nigs von Bayern dessen Wünsche für das
Glück Sr. Maj. und der königlichen Familie,
sowie für die Wohlfahrt Jtaliens auSdrückte.
Der König Victor Emanuel sprach dieselben
Wünsche für Bayern auS und sagte: Sie
werden mich immer zu Allem bereit finden,
waS zur Befestigmkg der Bande dienen kann,
die zwischen zwei Staaten, welche in Freund-
schaft mit einander zu leben berufen sind, wie«
der angeknüpft wurden.

Das Zournal de St. PeterSburg dementirt
"die Gerüchte über eine angeblich beabsichtigte
Jntervention der Schutzmächte in Griechenland,
konstatirt aber die Unfruchtbarkeit der biS-
Herigen Bemühungen zur Schlichtung der dor-
tigen Wirren. Eine Action, heißt es, müsse
eiye rein moralische sein; möglicher Weise
könnte eine eiumüthige Manifestation dcr
Schutzmächte Heilsamen Einfluß üben durch
'Gruppirung gesunder Elemente um den Sou-
verän. Dies wäre der einzige Zweck, den daS
diplomatische Concert verfolgen könnte.

Korrespondenzen aus Petersburg behaupten,
daß der Czar und Fürst Gortschükoff unter
keinen Umständen in die Annexionspläne des
Berliner Kabinets willigen, ja daß Rußland
sich nöthigenfalls einer Koalition gegen Preu-
ßen anschließen würde, die mit allen Mitteln
deri territvrijchen Gebietserweiterung desselben
entgegenzutk^en hätte.

ä)eutfchl.rnd.

Amtmaun Otto Flad bei dem vezirkSaml KarlSruhe,

KarlSruhe, 1. Jan. DaS am 30. Dec. eischienene
ReM. Nr. 'KO cnthält: Der bei der k. fr. Präfectur in
Straßburg ' atMchirtr Generalsecretar, Graf Guernon-
Ranville erbiekr'ddS Rilterkreuz mit Eichenlaub und der
Medicinalrath Fink- das .Ritlerkreuz des OrdenS vom
Zährinqer Löwen. Der «vang. Hauptlehrer Joh. Fehrle
in ^ochsheim, dec Mdtische Baumeister Mar Kieferle

Die Erlanbniß zur AnnahMe stemder Orden erbielten:
Geh.-Raih Prof. Dr. Bunsen in Heidelberg für den
russischeii St. Anna-Orden 2. Kl.; der Geh.-Raih Prof.
Dr. Helmholtz in Heidelbrrg für den russischen Sl.

taniSlauS-Orden 2. Kl.; Hoirath Dr. Kirchhoff in

Eine Tkierbändiger Scene.

Dteuze gegebenen Production vorfiel und dasPublt-
kum mit Angst erfüllte. Die junge Frau des Thier-
bändigers wäre, als fie fich in den Zwinger zweter
Leoparden verfügt hattc, beinahe von den Bestien
zerrissen worden, welche sich untcr blutdürstigem
Geheul auf dte Frau warfen. Iedes Wort ist zu
schwach, um die entsetzliche Wirkung dieses Schau-
spielS zu schildern, vas volle drei Minuten, lang-
sam verstreichend, wie drei Iahrhunderte, währte.
Ein grostkr Theil des AntlitzeS der Frau war nur
eiye klaffende Nunde; von ihrcm völltg zerfleisch-
ten Hals floß daS Blut in Strömen. Der Thier-

wurde gleichfalls schwer verletzt, und setne junge
Gattin wäre gewiß ein Opfer der Wuth der zwei-
ten Leopgrdin geworden, wenn nich^eiy herkulifcher
Bewohner von DieuzH Herr Eoriot, den Sckwanz
tes Thieres, als er fich Uställig durch die Gttter-

stäbe des Käfigs schob, erfaßt, um seine Faust ge- i
schlungen und wie in kiner Eiscnklammcr gebalten >

und wand sich, um aps dieser Haft loszukommen ^
— allein vergeblkch) und Frau Trave;s konnte den
Zwinger verlaffen — leider in einem schrccklichen "
Zustande.

Stuttgart, 26. Dec.^ Das Befinden des von
dem Löwen Mustapha am 22. d. M. schwer ver-
letzten Besitzers des hiesigrn zoologischcn Gartens,
ves Cafetier Gustav Werner, ist verhältnißmäßig
gut. Gestern wurde dcr erstr Verband abgenom-
men und follte zur Einrichtung des fast ganz zer-
malmten SchulterblatteS geschritten werden. ES

einen steifen Arm davontragen wird, waS daS ber-
beiführen muß, waS die Frrunde Werner'S längfk
vergebenS von ihm zu erlangen suchten, daß er
nämlich die Productionen der Thiere mit Ererci-
tikn und das Eintreten in ihre KLfige ausgibt.
Zudem hat Werner dies gar nicht nöthtg und seine
Mcnagerie verliert dadurch in keiner Wetse an In-
teressr.

In Sckleswig tst kürzlich ein jungeö Mädchen
vvn der Polizei angehalten wHiden, welches der
deutschrn Sprache nicht mächtig war und auch keine
Legitimationspapiere hatte. Bei der Untersuchung
stellte sich heraus^ daß fie eiNe Amerikanrrin ist,
welche in der UnionSarmee während des lctzten
Kricgcs alS Trompeter iw cinem Reiterregiment
gedient hat, nach dessen Auflösung sie iu Newyork
eine Stelle als Kellfierin annahm. Als solche ver-
liebte fie fich tn einen jungen Deutscken, der aber
sein ihr gegrbeneS Versprechen nicht erfüllte, son-
dern fich auS dem Staube machte. Die verlassene
Braut, ohne Mittel, die Kahrt nach Europa zu.
bezahlen, zieht Schiffskleidung an und geht als
Schiffsjungc an Bord der „Allemannia". Ünter-
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