Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Neidelbtrgrr Zeilung.

Kreisverküiidigmgsblatt fiir den Krcis Heidelberg und amtlichcs Verlündigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gcrichtsbezirke Hcidelbcrg nnd Wicsloch und den Amtsgerichtsbezirk Ncckargemünd.


Freitag» 2« April

18««.

* Rede des Hrn Prof. Dr. Wundt
von Heidelberg.

(Gehalten in Offenburg am 15. April.)

Wir haben bereits vor einigen Tagen über
den Verlauf der in Offenbnrg stattgefundenen
badischenVolksversammlung berichtet und inKürze
wenigstens derjenigen Reden gedacht, welche als
die bedeutendcren hervorzuheben waren. Unter
allen wurde jedoch diejenige unseres Mitbür-
gers, des Hrn. Dr. Wundt, von der Ver-
sammlung mit dcm grösttcn Beifalle ausgenom-
men und rief, wie schon mitgetheilt, allgemcine
Begcisterung hervor. Cs freut unS, daß wir
anßer manchen vom Volke anerkannten Cory-
phäen auch jüngere Männer in unserer Musen-
stadt zählen. welche neben .ihrem Berufe zu
wissenschaftlicher Thätigkeit noch ein Herz und
Sinn haben für die großen Fragen, wclche
unser dcutsches Vaterland bewegen und gegen-
wärtig in Aufrcgung erhalten. Um so mehr
dürfte es für unsere Leser von Jnteressc sein,
jene Nede unseres Mitbürgers kennen zu ler«
nen, die wir nachstehend folgen lassen:

„Der AuSschuß hat Jhnen cine Nesolution
vorgcschlagen, in wclcher ein Parlament auf
Grundlage des Neichswahlgesetzes von 1849
gefordert wird. Der ncue Parlamentsvorschlag
der preußischen Negierung ist in dieser Reso-
lution mit keinem Wort envähnt. Jch glaube,
diese Fassung unsereS Satzes bezeichnet sehr
richtig den Standpunkt, den wir jenem Vor-
schlag gegenübcr einzunehmen haben. Wir kön-
nen ihn vorerst nur ignoriren. Von einem
Annehmen odcr Ablehnen, des BiSmarck'schen
Parlaments läßt sich noch gar nicht reden. Der
preußische Antrag von; 9. April ist zunächst
nicht mchr und nicht weniger als cin gegen die
österreichische Note vom 31. März und gcgen
die Antworten der deutschen Regierungen auf
die preußische Circulardepesche gerichteter Schach-
zug. Dem Oesterreich und den Mittel- und
Kleinstaaten gegenüber, die an die bestehende
Bundesverfassung appelliren, beruft sich Preu-
ßen einfach auf den Volkswillen, der langst
diesc Bundesverfassung als eine ungenügende
bezeichnet hat. Die Karte der Bundesreform,
die sich der Graf BiSmarck seit langc zurück-
gelegt, hat er jetzt ausgespielt, um sich aus
eincr vielleicht sehr fatalen Verlegenheit heraus-
zuziehen. Wir sollten uns wohl hüten, auch
nur durch ein halbeS Entgegenkommcn ihn in

Ein Srief von Ahlands Mutter
an den Dichter, welchen die Wiener „Presse" mit-

redten, äußerlich lebhaften und glatten Menschen.
Er hielt sick, als rr ben nachstehenden Brief eM-
pfing, in Paris auf. „Tübingcn, 30. Zuni 1810.
Gottlob, lieber LouiS, daß veine Briefe tmmcr so
gut lauten, sowohl in Ansehung deiner Gesundhett,
als auch, daß bu deine Zkit so angenrhm zubrin-
gen kannst und, wie ich hoffe, auch nützlich. Jch
bin beruhigt, da ich dir so gute Grundsätze zu-
traue, daß beine Moralität durch keinen bösen Ein-
fluß leiden werbe. Vergiß nur nie, daß du einen
allwissenven Zeugen ob dir hast, der einst Rechen-
schaft aller deiner Handlungen fordern wird, so
wtrst du detne Tage ruhtg, zubringen, und jedes
Vergnügkn, daS du unschuldig genteßest, wirst du-
doppelt fühlen, wrtl dich dte Erinnerung daran
niemals schamroth machen wird; jeder Züngling
darf fich so seiner Jugrnd sreuen, und so gönne

dem Sattel zn befestigen, der, wie es scheint,
ebcn zu wanken anfängt. Versetzen wir ihm
vielmehr, wenn möglich, den Stoß, der ihn viel-
leicht vollendS zu Boden wirft, indem wir er-
klären: von dem Parlament des Grafen Bis-
marck will daS deutsche Volk nichts wissen.
Darin, daß die preußische Regicrung es jetzt
gerade für gut findet, mit dem Hcreinwerfen
des Bundcsreformprojects die Situation noch
trüber zn machen, als sie schon ist, liegt ja
noch nicht der entfernteste Beweis, daß es mit
jenem Project auch nur ernstlich gemeint ist.
Der Graf BiSmarck gehört zu jener Diplvma-
tenschule, sür die Verträgc, Vorschläge, Gesetze
Hilfsmittel sind, die man zur Hand nimmt,
wenn man sie gerade braucht, und die man
wieder weglegt, wenn sie unnütz geworden sind.
Was können wir von einem Ministerinm er-
warten, deffen tägliches Mittel die Lüge, dessen
erste Regierungsmaxime der Mcineid ist? Eben
erst hat diese Regierung kein Hehl daraus ge-
machl, daß sie nicht abgeneigt wäre, sich mit
der alten Reactionsmacht Europas, mit Oester-
reich, zu verbinden, um den einzigen, wahrlich
gemäßigten Meinungsausdruck, den die deutsche
Nation im Augenblick bcsitzt, den Sechsund-
dreißiger-Ausschuß zu beseitigen. Und jetzt bie-
tet man uns ein Parlament dar, das doch
sicherlich eine ganz andere Bewegung in Deutsch-
land hcrvorrufen müßte, als jener Sechöund-
dreißiger-Ausschuß es vermochte. Welche Wider-
sprüche! — Wenn wir glaubten, mit Bismarck
für kurze Zeit zusammcngehen zu können, um
ihn gelegentlich bei Seite zu werfen, so dürften
wir uns leicht bitter getäuscht finden. Für das
Volk sind die krummen Wege der Diplomatie
nicht gemacht. Für das Volk ist der gerade
Wcg der Wahrheit immer auch der Weg der
Klugheit gewesen. Wo daö dentsche Volk biSher
zusammenkam, da hat eS seine Slärke nicht in
der physischen Macht, sondern darin gefunden,
daß cs allein dem Gefühl deS Rechts und dcs
sittlichen Gewissens einen Ausdruck gab. Wenn
wir diesem Grundsatze untreu werden, so sind
unscre Ncden Spreu vor dem Winde. — Daß
ein deutsches Parlament, so lange diese Negie-
rung in Preußen das Nuder führt, ohne jede
Wirksamkeit bleiben müßte, das hat uns die
Geschichtc des preußischen Abgeordnetenhauses
hinrcichcnd gezeigt. Wenn wir dies nicht aus-
drücklich in unsern Resolutionen hcrvorhcben,
sondern es dem preußischen Volk überlassen zu

tch eS dir von Herzen. Jck will ganz aufrichtig
gegen dich sein und dir zeigen, vaß ich mit deincm
inneren Gehalt, ber mir daS Vorzügltchste tst, zu-
frieden bin; aber tch vermiffe sehr das Aeußerliche
an dtr, das zwar Nebensache ist, aber, um fort-
zukommen, einmal erwartet wird. Du mußt mich
abcr nicht mißverstehen; ich will nichts Schmeichle-
risckeS, deine Denkart soll durchaus ihre Reinheit
behaltcn, nur meine ich, du solltest, was in dir
ist, auch Anderen ohne Prahlerei mehr zeigen kön-
nen, auS Gcfälligkeit gesprächiger sein. Diese
Außenfeiten wirst du von den Franzosen ablernen
können. Nur mußt du keine so geschwätzige Ge»
sellschaft fuchen, mit -K. und H., vie vor Zwei

Kurz, detne äußere B'ldung soll auf der Retse ge-
winnen. DaS Oekonomische wirst du von deinem
Vat^r hören, skin Plan ist, tausend Gulden auf
dich zu verwenden. Er meint, du wirst damit biS
zum Jänner oder vielleicht etwas länger ausreichen.
Würde vann abcr kalte oder schlimme Witterung
einfallen, kann man eS nicht aus acht oder zehn
LouiSd'or errathen. Nach einiger Zeit wirst du
selbst sehen, wie DaS geht und kommt — wie Krau

erklären: vor Allem fort mit diesem Ministe-
rium und dann ein Parlament! — so geschieht
dies nicht, weil wir hier weniger alS in Preu-
ßcn von dcr Wahrheit dieser Erklärung über-
zeugt wär en, sondern weil die Existenz oder
Nichtexistenz des Ministcriums BiSmarck allein
in der Hand des prcußischen Volks liegt. Hof-
fen wir, daß daS preußische Volk seine Pfiicht
thue! Wir aber können nur aussprechen: nicht
weil, sondern obgle ich BiSmarck vom Par-
lament redet, halten wir fortan die. Fahne des
deutschen Parlaments hoch."

* Politische Umfchau.

Heidelberg, 19. April.

* Jn der politischen Lage Deutschlands ist
in den letzten Tagen keine sichtbare Veränder-
ung eingetreten; die Krisis hat keine weiteren
Fortschritte gemacht, doch dauert die Spannung
unvermindert fort. Viel zur Verhinderung
eines offenen Ausbruchs der Feindseligkeiten
mag einerseits die Bemühung Baierns, den
Frieden zu erhalten, beigetragen haben, ander-
seits aber die wirkliche oder angebliche Erkrank-
ung Bismarcks. Baiern soll die gleichzeitige
Nücknahme der militärischen Rüstungen von
Seite der beiden Großmächte angeregt haben.
Uebrigens rüstet Baiern von allen Mittelstaaten
für eventuelle Fälle zugleich selbst im umfas-
sendsten Maßstabe und gedenkt eine Armee von
120,000'Mann aufzustellen, wozu 12—15Mil-
lionen Gulden erforderlich sind. Viel hängt
von der Aufnahme der ungewöhnlich lange
ausstehenden preußischen Depesche auf die letzte
österreichische Note ab. (Diese Antwort des
preußischen Cabinets ist jetzt endlich erfolgt,
zwar nicht herausfordernden, aber doch unbe-
friedigenden Jnhalts.) Was Herrn Bismarck
betrifft, so sind in den letzten Tagen ziemlich
anhaltend Gerüchte von seiner Entlassung und
Ernennung des Herzogs von Ujest zu seinem
Nachfolger im Gange gewesen. Es waren die-
ses aber — wie gesagt — eben nur Gerüchte.
Uebrigens hat die kriegerische Situation ihren
acuten Character verloren und ist zu einer
förmlichen chronischen Krise geworden, was na-
türlich in politischer und volkswirthschaftlicher
Beziehung nur seine größten Nachtheile hat. —
Keine der beiden Mächte will zurückweichen;
jede scheut sich aber auch, den äußersten ent-
scheidungsvollen Schritt zuerst zu thun.

Eine Volksversammlung in Königsberg wurde

Conz sagt. Jn.Stuttgart war tch überrascht, dcn
Kerner im Thcater zu sehen. Er ist noch der alte
gute, doch seine Bilvung hat grwonnen. E» schrieb

dein Brstf an ihn unterwegs. Hast du einmal Ge-
lkgenhett, dem Lrsisle etwas von Paris zu schicken,
so thue es. Ste getraute sich nicht, dir Französisch
zu schreiben, das Nächstemal aber soll fie eS doch
thun. Deine treue Mutter Eltsabeth llhland." —
Das 14jährige Schwesterchen, eben daS erwähnte
„Luisle", setzt diesem Briefe bei: „Du bist und
bleibst auck in Paris immer noch der alte trockene
Vetter, schreibst mir immer von Btbliotheken, Mu-
seen u. s. w., Sachen, dte mich ganz und gar nicht
interesfiren. SLreibe lieber auch von den Pariser
Mäbchen, was fie sür Kletdrr anhaben, wie fie
gemacht sind u. dgl. Auch von der Kaisertn uud
ihrem Anzug möchte ich viel wiffen, waS freilich
sür dich bltnden Hrß schwere Kragen find. Doch
sür waS hast du deine Brille? Auch von der Koche-
rei möchte ich hörcn.-"
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