Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Dienstag, 3 Zuni


^ Der Bischof von Mainz und die
badifche Erste Kammer

Bischof v. Ketteler, welcher vor drei Monaten
die bekannte, gcgen den Hrn. Staatsrath Lamey
gerichtete Schrift: „Jst das Gesetz das öffent-
liche Gewissen?" vom Stapel gelasscn (s. un-
scrn Leitartikel in Nr. 52 d. Bl.), ist so eben
mit eincm neuen Schriftchen unter dem Titel:
„Die Vcrhandlungen in der Ersten Kammer
,dcr Stände zu Karlsruhe am 17. März 1866
nber das Gewissen" vor dic Oeffentlichkcit gr-
treten, worin er den Herren Lamey, Stabel^
Bluntschli und dem Präsidenten der 1. Kammer,
Sr. Durchl. dem Hrn. Prinzrn Wilhelm, die
Ehre seines Angriffs erwiesen hat. Der Herr
Bischof findet es unangemessen und unparla-
mentarisch, daß man seine Schrifr bei Gelcgen-
heit der bekannten Jntcrpellation des Fürften
von Löwenstein über deü fraglichen Ausspruch
des Staatsrathes Lamey znm Gegenstande einer
Besprechung in der 1. Kammer gemacht habe,
und er glaubt dies nnr aus einer „sehr leiden-
schaftlichen Voreingenommenheit" erklären zu
können. Abe.r daß er sich selbst unberufener
Weise in die Angelegenheiten deö badischen
Volkes, seiner Vcrtrcter und Regierung mischt;
daß er sich zum Wortführer dcr gegen das.neue
Schulgesetz agikirenden ultramontanen Partei
in Baden macht, und daß er namentlich eine
die Katholiken Badcns gcgcn ihre Ncgierung
aufhetzende Schrift geschrieben hat, die durch
das Ansehen und die kirchliche Autoritäl ihres
Verfassers die, wenn auch nicht genannte, Ver-
anlassung und Grundlage jener Jnterpellation
geworden ist; daß er endlich in einer zweiten
Schrift die Verhandlungen der Ersten badischen
Kammer zum Gegenstande feindseliger Augriffe
macht und dabei abermals nicht nur zwei hoch-
achtbare Minister, sondern auch ein Mitglied
dcs badischen Fürstenhauses, den durchlauch-
tigen Präsidenten der 1. Kammer, einer „lei-
denschaftlichen Erregtheit" beschuldigt und ihnen
„ruhiges und richtiges Denken" abspricht —
das findet der Hr. Bifchof Alles ganz ange-
messen und in der Ordnung. Jm Uebrigen
begegnen wir in diesem Schriftchen wieder den-
selben sophistischen Verdrehungen, denselben
Uebertreibungen und Unwahrheiten, wie in dem
früheren." Es ist hier wieder „fast das ge-
sammte katholische Volk", welches sich durch
däs Schulgcsctz in scinem Gcwiffen beunruhigt
fühlt, obgleich man in dcm katholischen Volke
und den katholischen Volksvertretern nirgends
derartige Gewissensscrupel bemerkt, sondcrn nur
eine verhältnißmäßig kleine, der untersten Volks-
fchichte angehörende, aber von vornehmen Je-
suiten verhetztc Pa.tci sich zu einem in seinen
Endzielen von ihr selbst nicht erkannten Peti-
tionSsturme mißbrauchen läßt. Das angebliche
Recht der Katholiken, sich gegen das Staats-
gesetz aufzulehnen, unterstützt der christliche
Bischof durch die abscheuliche und strafwürdige
Verdächtigung, daß es ihnen „unsittliche Zu-
muthungen mache", und diese Verdächtigung
würzt er noch durch die pharisaische Exclama-
tion: „Welche Gesetze sind schon in der Welt
erlaffen, welche Unstttlichkeiten, welchc Schänd-
lichkeiten sind schon durch Gesetze den Menschen
befohlen worden! Durch Gcsetze hat man die
Menschcn gezwungen, ihre Knie vor Bildsäulen
zu beugen, Menschenopfer zu schlachten, die
eigenen Kinder zu morden." Und damit man
ja nicht vergeffe, daß zwischen deu hier 'geschil-
derten abscheulichen Gesetzen gottloser Tyrannei
und dem badischen Schulgesetze ein innerer Zu- -
fammenhang oder eine geistige Verwandtschaft
bestehe, so fügt der edle Bischof, der sich noch j

das Ansehen geben möchte, als ob er „das ba- ,
dische Land liebe, das badische Volk hochachte
und die badische Regierung ehre", die htnter-
listige Bemeriung hinzu: „Die Wächter dieser«
Gesetze könnten mit Hrn. Lamey sprechen: das
Gesetz ist das öffentliche Gewiffen, und mer
über und neben demselben ein Privatgewiffen
haben will, muß ebcn zahlen." Um nebenbei
auch der badischen Staatsverfaffung einen Hieb
zu versctzen und gleichzeitig das Proletariat,
woranf cs die jesuitische Agitation vorzugswcise
abgesehen hat, durch cine osptstio bonevolentinv
zu gewinneu, uuterläßt de'r Hr. Bischof nicht
zu insinuiren, daß im badischen Lande „kaum
zwei Procente zu den Privilegirten gehören,
ans dcnen dic 63 Mitglieder der zwciten Kam-
mer gewählt werden," daß mithin „die Geld-
männer uns die Gesetze geben,". welche dann
das gauze übrige christliche Volk die Pflicht habe,
als scin eigenes Gewiffen zu verehren. Und
damit diese Jnsinuatio'n noch pikanter werde,
darf dcr erläuternde Zusatz nicht fehlen: „Die
Macht des Geldes ruht in den Händen der
Juden und vieler Cbristen, die dem Christen-
thum noch fremder sind, wie gläubige Juden."
Und doch stellt sich noch dieser Bischof, als sei
ihm großes Unrecht geschehen, wenn Hr. Staats-
ralh Lamey ihm vorwarf, er habe den badischen
Slaat als „religions- und gottlos" dargeftellt.

— Wir verzichten darauf, den weiteren Jnhalt
des Schriftchens» zu verfolgen, dcsien anfrichre-
rische Tendenz am besten aus der Stclle her-
vorleuchtet: „Wir hörcn jetzt den auf Geldwerth
gegründeten Staat des Bürgerthnms als Jdeal
preisen und versichern, er ruhe auf einem aus
Jahrhunderten herausgewachsenen Felsen (Worte
Lamey's); wir hörcn aber schon immer lauter
die Stimmen der großen Masfen des Volkes,
der Arbeiter, fich erheben, die sich auch als
Theil^ „dcs Volkcs" melden und auf einem
ganz anderen Felien ihren Staat aufbauen
wollen." Die geistlichcn Herren werdcn sich
ohne Zweifel sehr täuschen. wcnn sie meinen,
in den von ihncn seithcr sür unwürdig crklär-
ten „Maffen des Volkcs" die Verbündeten für
ihrc hierarchischest Zwccke zu finden!

* Potttische Umschau.

HeLdelberg, 4. Juni.

* Wenn sonst Thronreden bekannt wurden
aus München, Stuttgart, Dresden u. s. w.,
so fanden sie selten Wiederhall in deutschen
Herzen. Heute war dies anders: die Worte
solcher Thronreden erregten Aufmerksamkeit und
Beifall. Der Grund ist einfach: in Zeiten,
wie die heutige, kommt es hauptsächlich auf
sittliche Entscheidungen an. Nicht Oester-
reich gegen Prenßen, nicht Habsburg gegen
Hohenzollern stehen zur Frage, sondern zur
Frage steht: „Soll deutsches Recht sicher sein
vor Bismarck'scher Gewalt? Soll deutscher
Frieden gehalten werden in Deutschland? Und
deutsche Treue geg'en Schleswig-Holstein?" Für
so eminent sittliche Entscheidungen gibt es einen
sichern, obersten Führer: das ist der im Kleinen
zuweilen trügliche, im Großen und Ganzen un-
trügliche Jnstinct der Massen. Jn der jetzigen
Krise hat er gegen das Unrecht, gegen die
Gewalt entschieden, und jenen staatlichen Acten

— worin das Recht vor Allem betönt war —
Beifall gespendet. Möchte man auch in Berlin
dies beherzigen, möchte man dort — nachdem
durch die letzte Bundestagsverhandlung in
Frankfurt ein geeigneter Anlaß gegeben ist —
die wirkliche und eigentliche Rechts- und Frie-
densformel finden: Rückkehr zum Nechte, Auf-
geben aller Gewaltsprätentionen. Eine solche

, Niederlage der Bismarck'schen Gewaltspolitik
wäre der schönste, herrlichste Sieg für Preußen
. selbst.

Das „Memorial diplomatiqüe" veroffentlicht
ein Telegramm aus Wien vom 1. d., wonach
die Antwort Oesterreichs auf die Einladung
zum Congreffe am 3. dieses Monats übergeben
werden wird und im Wesentlichen Folgendes
enthält: Da Oesterreich keine territoriälen Ver-
änderungen verlange, so hege es den Wunsch,
daß die anderen Staaten ebenso thun möchten;
wenn aber die Großmächte im Jnteresfe des
Friedens sich für die Opportunität territorialer
Veränderungen entschieden, so werde Oesterreich
eine freie uno loyale Discussion üb'er die Rechts-
titel der Einen und die Prätentionen der An-
deren annehmen.

Die Frankfurter „Europe" erhielt eine De-
pesche aus Paris vom 31. Mai, wonach die
Türkei in Botschaften an die Mächte hartnäckig
die Donaufürstenthümer zu besetzen forderte.
Die Mächte, besonders Frankreich, antworteten
telegraphisch: die Besetzung könne der Türkei
verhängnißvoll werden. Man hofft, der Divan
werde dem abenteuerlichen Plane entsagen.

'Die Wiener Abendpost vom 2. glaubt nicht
an einen Erfolg der Pariser Conferenz.

Die kurhessische Ständeversammlung ist auf
den 11. Juni einberufen.

Dem Vernehmen nach soll die holsteinische
Ständeberufung noch im Laufe dieses Monats
erfolgen.

Nach der „Pall-Mall Gazette" würden Frank-
reich und England auf der Conferenz folgen-
den Vorschlag bezüglich Venetiens machen:
Oesterreich soll die Donaufürstenthümer zum
Austausch für Venetien erhalten, Nußland (zur
Beschwichtigung seiner Bedenken) eine Rectifi-
cation der russisch-moldauischen Gränze; die
Donaufürstenthümer sollen mit Oesterreich als
neutralisirtes Gebiet, damit sie auch ferner dem
Defensiv-Jnteresse der Türkei dienen, vereinigt
werden; Jtalien, welches Venetien erhält, ent-
richtet eine Entschädigung von 20 Millionen
Pfd. St. an die Türkei, welche auf die Donau-
fürstenthümer zu verzichten hätte; diese Summe
soll in zehn Annuitäten von je 2 Millionen
Pfd: S1. aus den Erträgniffen Venetiens be-
zahlt werden, welche dafür in Hypothek unter
Garantie der italienischen Regierung bestellt
werden.

D e u t f ch l 6 n d.

* Heidelberg, 5. Juni. Die „Landcs-
base" tritt unsrcr Ermiederung in Nr. 126
neuestcns in einer-Weise entgegen, daß wir sie,
trotz der geistrcichen Redactionsbemerkung, kurz
abfertigen können. Wir haben auch Bessereö
zu thun als uns mit Mohren abzugcben, die
wir doch nicht weiß waschen können. Wenn
der hiesigc Correspondent -der „Bismarckerin"
keinen andern Beleg für unsern Ucbertritt ins
österr. Lager anzuführcn vermag, alS die von
uns gebrauchten Worte Freese's, so müssen wir
dessen Fassungskraft bedauern und ihn
jedcnfalls für unfähig halten, ein rich-
tiges politisches Urtheil zu fällen. Was die
Klarheit der Anschauung betrifft, so bleibe man
uns doch von Scite der „Landesbase" vom
Halse, deren politische Anstchten sich ändern
wie eine Krebshaut. Wir erinnern nur an
dic hundertfachc Aufsorderung der„Landesztg." an
das deutsche Volk zur Vertheidigung der Rechte
des Herzogs von Augustenburg, heute schwärmt
sie dagegen für Bismarck. Jn der neuesten
Nr. vom 3. Zuni schließt ein Artikel in der
Landeszeitung: „Aus diesem Land (nämlich
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