Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Kreisverkülldigmigsblatl für üen Kreis Hcidelberg und aiÄliches Äerkünüigllngsblatt für üie Amts- nnd AmtS-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wicsloch nnd dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargeoiünü.

M 8S


Mittwoch. 18 April


L8««.

* Politifche Umfchau.

Heidelberg, 17. April.

Man schreibt der „A. Z." auS Wien: Die
BundeSregierungeu (alle?) sind darüber einig:
dem Beginn der Berathungen über den Parla-
mentsantrag müsse eine Einigung über den
dem Parlament vorzulegenden Bundesreform-
Entwurs vorangehen.

Die „Magdeb. Ztg," meint über die Parla-
mcntsfrage: „Wir würden an dem praktischen
Sinne der Deutschen und an ihrer politischen
LebenSfähigkeit izänzlich verzweifeln, wenn wir
glaubten, ihre. Feindseligkeit gegen eine Person
könnte sie verleiten, einen Gedanken zurückzu-
weisen, der, einmal von mächtiger Hand in
unser deutsches Chaos geschleudert, dem Elende
Deutschlands ein Ende machett könnte, sobald
das deutsche Volk Hand und Hcrz in Bcwegung
setzte, um ihn zur Wirklichkeit zu gestalten."

Die „Nordd. Allg. Ztg." widerlegt das Ge-
rücht von eincm Handschreiben des KaiserS von
Oesterreick an den Konig von Preußen, sowie
die Gerüchte übcr den Rücktritt des Grafen
Bismarck.

Eine von Schaffrath und Wigard nach Dres-
den einberufene Volksversammlung sprach sich
für das Sclbstbestimmungsrecht der Elbherzog-
thümer, für die revidirte Reichöverfassung, den
Wiederzusammentritt derjenigen Parlamentsmit-
glieder aus, welche ihr Mandat nicht niederge-
legt haben. Jn Betreff deS Bismarck'schen Re-
formprojektes, den Gruners Antrag zum
Gegenstande hatte, wurde aus des Referenten
eigenen Wunsch, als der deutschen Nation un-
würdig, weil von solcher (Bismarck) Seite
kommend, zur TageSordnung übcrgegangen.

Nach der „Kreuzzeitung" leitet der preußi-
sche Ministerpräsident nicht blos am Fuß, son-
dern an ciner allgemeinen rheumatisch-nervösen
Angegriffenheit, die cr sich durch seine anhal-
tende und angestrengte Thätigkeit während der
lctzten Monate zugezogen, so dcrß die Aerzte
ihm unbedingte Ruhe nnd Enthaltung von den
Geschäften anempfohlen haben. Die Hoffnung,
daß dicse Enthaltung von den Geschäften eine
dauernde sein merde, wird zwar in Berlin viel-
fach geäußert, doch hat sich diesclbe bis jetzt
noch nicht erfüllt.

Bezüglich der Kandidatur des Prinzen von
Hohenzollern für das Fürstenthum in Numä-
nien erklärt die „Nordd. Allg. Ztg., daß die-

selbe in keiner Weise ein Akt der preußischen
Staatspolitik, sondern lediglich eine Angclegen-
heit des Fürstenhauses sei.

D e u r f ch 1 a n d.

-s-Baden, 16. April. Vergangenen Sam-
ftag war für die hiesigen Arbeitsleute der ge-
wöhnliche Zahltag. Ein aus Gochsheim gebür-
tiger Maurer bekam mit einem Burschkn in
einer Wirthschaft Streit, vor derselben auf der
Straße stieß der Maurer seinem Gegner ein
Messer in den Hals, aus der Wunde quoll ein
Blutstrom. Der Verletzte ist noch nicht außer
Gefahr, den Thäter hat man verhaftet. Der
Stoß mit dem Messer war so heftig, daß sich
der Letztere selbst nicht unerheblich an der Hand
verwundete.

Aus Baden, 10 April, schreibt der „S.
M.": Als eine der wichtigsten Bestimmungen
in dem demnächst zur Vorlagc gelangenden Ent-
wurf eineS Schulgesetzes wird eS bezeichnet, daß
der Mehraufwcmd für Lehrergchalte rc. von der
Staatskaffe übernommen wird oder wenigstenS
übernommen werdcn kann; daß aber in diesem
Fall die GeMeinde uach und nach mittelst Um-
lagen einen Schulfond zu bilden hat, ourch
dessen Erträguisse nach Ablauf einer gewissen
Anzahl von Jahren die Hauptbednrfnisse der
Schule bestritten werden könncn. Auf diese Weise
bildet sich dic Schule nach und nach zu ihrer
eigentlichen Bestimmung alS Gemeindeaustalt
heran, und wird fret von allen unberechtigten
Einflüssen und Abhängkeitsverhältniffen.

Aus Baden, 11. April. Die seit einiger
Zeit erwartete Vorlage über den Besuch der
Gewerbeschulen dürfte wie der große Entwurf
über den Elementarunterricht selbst in den
nächsten Tagen zu gewärtigen sein. Die erste
Frage hat bekanntlich nicht allein die Gewcrbe-
treibenden, sondern auch die wissenschaftlichen
Kreise in hohem Grad beschäftigt. Der Zwang
zum Besuch der G.ewerbeschulen dürfte nach
den angeordneten Erhebungen nicht wohl auf-
recht erhalten werben; in Fölge dcs Gewerbe-
gesetzes bestehcn die hiefür nöthigen AnhaltS-
punkte aus der Zunftvcrfassung nicht mehr.
Es bleibt also wohl kaum ein anderer AuSweg
als jener, den freiwilligen Bcsuch der Gewerbe-
schulen nach Kräften zu fördern und in diesem
Sinn auch eine Bestimmung in das Polizei-
strafgesetz aufzunchmen. durch welche Meifter,
welche ihre jugendlichen Arbeiter widerrechtlich

Stadt-Theater in Heidelberg.

jährige Saison ihren Abschluß erreicht. Leider war
Refcrcnt durch eine Reise verhindert, den letzten
VorsteUungen, die durch daS Gastspiel deS Herrn
Delcliseur eine ganz besondere AnziebungSkraft
erhalten haben, beizuwohnen. Er constatirt jedoch
mit Vergnügen dte allgemeine Anficht urtheilsfähi-
ger Theaterbesucher auS seiner Bekanntschaft, daß
Herr Delcliseur der großen Beliebtheit, die er früher
hier besessen, durch sehr erfreuliche Fortschritte im
Indivivualifiren der verschiedensten Charakter- und
komischen Gestalten eine feste neue Grundlage ge-

wöhnlichen Begabung und Entwicklungsfähigkeit
dte ersten Volksbühnen Deutschlands in Bälde gern
willkommcn heißen. Bei dem Rückblick auf die Ge-
sammtgeschehnisse unsercS Theaters wollen wir zu-
nächst der unermüdlichen Thätigkeit deS Hrn. W i d-
mann in rühmenher Weise gedenken. Ein mit
Einsicht zusammengrstelltes Repertoire, gelegentttche
Gastspiele erster Kräfte, vie Verwendung der Mit-
glieder deS hiefigen PersonalS in Angemessenhett

zu ihren Fähigkeiten, vie sorgsame Inscenirung
neuer Stücke, die tactvolle Leitung deS Ganzen —
alleS das erwirbt dem Herrn Director daS vollste
Anrecht auf eine woblwollende Anerkennung feiner
dornenvollen Wirksamkeit. Das Erperiment, neben
dem recitirenden Drama auch das mufikalische ein-
zuführen, ist trotz der Befürchtungen vieler Schwarz-
seher vollkommen gelungen. Gerade die Opernvor-
stellungen waren im Allgemeinen am besuchtesten.
Die Fräul. Pichon und Muckhardt und die Herren
Pichon, Simon und Wrede genügten in ihren Lei-
stungen den Ansvrüchen, die man unter den hie-
sigen Verhältniffen erheben kann, speciell Fräul.
Pichon bewährte fich alS die eigentliche Stütze un-
serer Oper. AuS dem Personal für das Schauspiel
heben wir die Herren v. Sternwaldt, AlbinuS,
Marr, Tiefel, Hagen, Freimüller, die Damen
Steinecke, Brand, Wibmann, Altmann, Eisenrich-
ter hervor. Alle Genannten haben in einzelnen
Rollen TüchtigeS, zuweilen GediegeneS geboten,
und eS sollte unS vaher freuen, wenn der nächste
Winter uns manchen der uns licbgeworbenen Dar-
steller unter der glcichen obersten Leitung wieder !
zuführen würde.

an dem Bejuch der Gewerbeschule hindern,
straffällig werden. (S. M.)

c? Aus Baden, 15. April. Unsere Ae
Kammer hat als eine der wenigen im jetzigen
Angenblicke versammelten politischen Körper-
schaften (tn Deutschland) es als eine Nothwen-
digkeit angesehen, in dem für die Geschicke des
Gesammtvaterlandesso entscheidenden Zeitpunkte
nicht unthätig zu sein. Die Bismarck'sche Re-
form- und Parlamentsfrage ist zur Berathung
gekommen, und die Mitglieder der Kammer
habeu beschlossen, an die Regierung den Antrag
zu stellen, auf die preußischen Vorschläge, denen
schon mehrere Mittelstaaten beigetreten sein
sollen, einzugehen. Man ging dabei von der
Ansicht aus, daß die Nation kein Recht habe,
die Berathung über die Einigung, wie sie durch
die Berufung eines Parlaments angebahnt wird,
blos deshalb abzulehnen, weil sie oom Grafen
Bismarck ausgeht. Die möglicherweise schlimme
Absicht, in welcher diese Berufung geboten wird,
soll somit keinen Grund abgeben, den Zusam-
mentritt zu einer Versammlung vou vornherein
abzulehnen, in welcher, wenn sie zu Stande
kommt, jedenfalls der Geist des Volkes vertre-
ten sein wird, und seine Stimme abgeben kann.
Es ist als maßgebend erkannt worden, daß
es nicht darauf ankommen soll, wer die na-
tionale Jdee wieder auf die Tagesordnung der
deutschen Verhältnisse stelle, sondern vielmehr,
daß sie üderhaupt wieder auf dieselbe gestellt
und nicht mehr so leicht zu entfernen sei. Das
ist eben das Große und Gewaltige jener Jdee,
daß sie selbst die, welche nur widerwillig oder
zum Schein Hand daran legen, entweder in
ihre Strömung fortreißt, oder ohnmächtig bei
Seite wirft, und über sie hinweg ihren Weg
geht.

* Offenburg. 16. April. Ucber dic auf
geftern anberaumte Volksvcrsammtung. welche
von Nah nnd Fern zahlreich desuchl war, theile
ich Ihnen noch Folgcndes mit: Es waren ins-
besondcre 15 Mitglieder der bav. Kammer an-
wesend, und sie nahm eineu würdigen, ernsten
und imposanten Verlauf. Nachdcm Hr. Bür-
germeister Schaiblc im Namen der Stadt die
Verfammlung begrüßt und auf die drohende
Gefahr, in wclcher gegcnwärtig das deutsche
Vaterland schwcbt, hingewiesen, schlug er den
Hrn. Landtagsabgeordneten Eckhard zum Lci-
tcr der aus ca. 1500 Männern aus dem
Lande Baden bestehenden Versammlung vor.

wurde ein unbekannter Herr N. N. im Gasthause
zum Pflug in Wieblingen mit einem daselbst hal-
tenden Droschkenkutscber einig, Letzterer wolle ihn
für einen gewissen Lohn nach Edingen fahren.

Herr unter dem Vorgeben, kein Geld mchr zu be-
fitzen, den bestimmten Lohn auSzuzahlen; wolle ihn
aber der Kutscher auch nach Seckenheim fahren, so
sei ihm der Fuhrlohn bis dorthin ficher, da er dort
Geld zu erhalten hofft. — Der Kutscher, kurz be-
sonnen, that, als wollte er dtesem Verlangen ent-
sprechen, hieß denselben zu sich hinauffiyen, lenkte
dann abrr, statt nach Seckenheim zu fahren, um
und fuhr zu feineS Nachbarn Leidwesen wiever nach
Wieblingen und brachte den Herrn N. N. fofort
wieder wohlbehalten zu dem AbfahrtSorte zurück.
Auf dem Rückwege, und zwar nahe bei Wieblin-
gen, soll jedoch der Kutscher durch Hin- und Her-
reden seinen Lohn von demfrlben erhalten haben,
fand fich aber natürliL nicht mehr bewogen, umzu-
kehren. Daß drr vermeintlich betrogene Hcrr seincm
Arrgcr durch gewisse leidenfchaftlichc AuSdrucke Luft
zu machen suchte, daran konnte ihn Niemand hindern.
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