Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Krcisverkündigungsblatt ftir den Kreis Heidelberg und amtliches Verkündigungsblatt für die Aints-- und Autts-
.Gerichtsbezirle Hcidelberg und Wicsloch unü dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

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Samstag. ««> F-ebruar -"'"1SL7L

18««

* Politische Umfchau.

* Von gewisser Seite her werden — auch
in manchcn Organen der Presse — bereits die
Folgen ins Auge gefaßt, welche ein wegen Mexi-
kos und Frankreich entbrennender Krieg für
den europaischen Continent haben müsse. Von
einer „Localisirung" desselben, wie bei den seit-
herigen Kriegen dcs 2ten Kaiserrcichs, könne
— so meinen jene — dann keine Rede sein.
England könne hier unmöglich neutral bleibcn,
und mit scinem Eintritte in den Kampf müß-
ten auch die übrigen Seemächte sich an dem-
selben betheiligen, wobci sehr wahrscheinlich
Rußlaud nicht auf europäischc Seite treten'
würde. Rußland findet es bekanntlich sehr in
seinem Jnteresse, mit der großen transatlan-
tischen Republik Freundschaft zu halten. Es
hat diese kein Jnteresse, ihm (Rußland) die
Herrschaft überKonstantinopelstreitig zu machen,
und, wenn sie auch in Amerika keine Monar-
chie nebcn sich dulden mag, ftndet sie es am
Ende gleichgiltig, ob in Europa der Cäsaris-
mus Napoleons, oder dcr cäsarische Papismus
des Czaren die Oberhand hat. Jm gegebenen
Falle mag nun eine Allianz Rußlands mit der
nordamerikanischen Union ihr Gefährliches
haben, besonders da der Czar in Europa auch
nicht isolirt bleiben wird. Doch stnd dies alles
mehr Thatsachen, die noch im Hintergrunde
der Zeiten liegen, und ihrem, wenn auch un-
aufhaltsamem Gange, erst entgegenrcifen. Heute
ist ihre Zeit noch nicht gekommcn, und dic
Union kann vorcrst in Mexiko zu ihrem Ziele
kommen, ohne nöthig zu haben, dcn förmlichen
Krieg an Frankreich zu crklärcn.

Jn dem Fürstenthum Waldeck, desscn dritte
Jnstanz und in Schwurgerichtssachcn den Cassa-
tionshof der höchste Gerichtshof in Berlin bil-
det, beabsi'chtigt man in Folge des berüchtigten
Obertribunalsbcschlusses eine Petition in Um-
lauf zu sctzen, worin Regierung und Landtag
um die Kündigung dicses Verhältnisses und
um die Wahl eines andern Oberappellatious-
gerichts ersucht werden.

Nach einem Telegramm der „Hamb. Nach-
richten" aus Paris haben die Deputirten von
der Opposition beschlossen, die Regierung wegen
Mexiko nicht in Verlegenheit zu setzen. Herr
Thiers hatte gerathen, die Angelegenheit fallen
zu lassen. Hr. Rouher wird übrigens die Be-
antwortung jeder diese Angelegenheit betreffen-
den Jnterpellation verweigern, um nicht die

Nothgedrungene Erklärung in Verj'en.

Ein Gedicht unseres berühmten JdyllendichterS
I. H. Voß fand in diesen Tagen ein Altonaer
Arzt in dem Nachlasse eines kürzlich verstorben'en
Landpredigers. Dasselbe ist mit der Bemerkung
verseben, daß es wohl nock nie gedruckt sei. Wir
bringen es unseren Lesern mit der von dem Pre-
digcr geschriebenen Erklärung: Der Fürstbischof
von Eutin batte dem dortigen bamaligen Rector
und Dichtcr Voß einen Garten geschenkt, wovon
vorher ein RathSherr der Befitzer war, mit der
Anzeige des Fürsten an den Dichter: er könne nur
den Schlüssel zum Garten von dem Rathsherrn
holen lassen. Dieser hatte aber noch verschiedene
Fuder Dünger knrz vorher in den Garten bringen
laffen, wofür er besondere Vergütung verlangte,
widrigenfalls er den Scklüssel auszuliefern fich
wetgerte. Auf solche peremtorisch abschlägige Ant-
wort schrieb Voß folgendes Billet an den ersten
Minister des Fürsten, den Grafen Wollmar, wor-
auf dann natürlich sogleich dte Auslieferung des
Schlüssels erfolgte.

obschwebenden Verhandlungen zu compromit-
tiren.

Der „Schlesw.-Holst. Ztg." zufolge hat Hr.
May dem Magistratsgericht in Altona einen
Protest gegcn die Competenz deS Perlebcrger
KreiSgerichtcs zu Protocoll gegeben und jedes
weitcre Eingehcn auf die Sache abgelehnt. Der-
selben Zeitung geht anS Kiel die Mittheilung
zu, daß die dortige Landesregierung die Ein-
gabe der Ständemitglieder nunmehr zurückge-
sendet habc, indem sie deren Ueberreichung an
den Statthalter ablehnen müsse.

Uebereinstimmenden Nachrichten auS Berlin
uud Wien zufolge ist aus Veranlassung einer
vor wenigen Tagen ergangenen stiote des Grafen
Bismarck an den österrcichischen Gesandten zu
Berlin, Graf Karolyi, eine sehr ernste Span-
nung zwischen Oesterreich und Preußen einge-
treten. Graf BisMarck's Note soll nach der
„N. F. Z." einem Ultimatum nicht ganz un-
Lhnlich schen und Forderungen aufstellen. die
über die Gasteiuer Convention weit hinaus-
' gehen. Jn dem Ministerrath zu Pefth soü,
wie man sagt, eine mesentlich ablehnende Ant-
wort an Preußen beschlossen sein.

Jn Bcrlin sind nach dortigen Blättern einige
Directoren von Schweizer Eisenbahnen einge-
troffen, um mit Ministern und Landtagsmit-
gliedern wegen der Betheiligung PreußenS bei
dem Bau ver St. Gotthardbahn zu verhandeln.
Baden hat eine Conserenz der deutschen Staa-
ten bcantragt, um über die Vertheiluug des
auf Deutschland fallenden Beitrages zur Er-
richtung jener Bahn eine Vereinbacung zu
treffen. Von Seiten des k. italienischen Han-
delsministeriums stcht eine Denkschrisl in Bezug
der Ertragsfähigkeit jener Bahn in Aussicht.

Dic Nachrichten über eine Spaltung des
linken Centrums im preuß. Abgeordnetenhaus
sind bis jetzt unbegründet und beruhen auf
Mitzverständnissen.

Der „Würtemb. Staatsanz." meldet ofstciell,
daß der König von Würtemberg am 7. d. dcm
Handelsvertrag zwischen dem Zollverein und
dem „Königreich" Jtalien seine Zustimmung
ertheilt hat.

Der verantwortliche Nedacteur der „Wochen-
schrift des Nationalvereins", Hr. Rechtsanwalt
Streit in Coburg, ist auf den 27. Februar
vor das großh. hess. Bezirksstrafgericht in Darm-
stadt geladen, um sich wegen der Anklage wegen
Beleidigung und Verletzung der Amts- und

Der Rathsherr mit dem Dünger
Hält zwiscbem Daum und Ftnger
Den Scdlüffel zu dem Garten
Und spricht: ich könne warten,

Bis ihm die Herrn zehn Thaler
Als redliche Bezahler
Nicht aufs Papier gemalet,

Nein — ricktig ausbezahlet.

Ich bab' ihm sagen laffen
Ganz fittsamlick: wesmaßen
Ich gern den Schlüssel hätte,

Um Petersillen-Beete,

Auch Beete mit Sa^aten,^

Des schönen Wetters wegen
Im Garten anzulegen,

Und — wenn es nöthig wäre,

Jch mich mit Gut ünd Ehre,
Bereit sogar zum Würgen,

Wollt' für das Geld verbürgen.

Iedoch der Herr des RatheS,
Hochweiser noch als CrateS,

Spricht hterauf ganz entfchlossen:
Versprechungen find Poffen,

Jch gab an jenem Orte
Nicht Dunst, nicht leere Worte,
Nein, Dünger in ngtur»!

Und fordre Krast der lur»,

l-

Dienstehre des Ministerpräsidenten zu veran
worten.

Der Landtag des HerzogthumS Lauenburg
wurde am 3. Februar eröffnet. Derselbe hat
einen Antrag wegen Bewilligung von Diäten
an die Lanvtagsabgeordneten mit 9 gegcn 8
Stimmen angenommen. Nach der beftehendcn
Verfassuug muß über diesen Anlrag auf dem
nächstcn ordentlichen Landtagc zum zweiten
Male abgestimmt werden.

Von Wien aus schreibt man dem „Fr. I.",
daß Oesterreich auf Betreiben Frankreichs sich
entschlossen habe, neue Werbungen für Mexiko
zu- gestatten. Napoleon habe als Gegenleistung
dem Wiener Cabinet Eröffnungen machen lassen,
„welcbe im Hinblick auf die politische Sachlage
in Mitteleuropa für Oesterreich von nicht zu
unterschätzender Bedeutung seien."

Jm französ. Senate wird dic Adreßdebatte
Freitag beginnen. Als erster Redner ist der
Marquis de Boiffy eingetragen, über die rö-
mische Frage wird der Cardinal Bonnechose das
Wort ergreifen.

Deutschland.

(-j-) Karlsruhe, 8. Febr. Das Salz ift
bei uns, wie in den meiften Staaten, ein Re-
gale, d. i. der Staat ist allcin zur Bereitung
dieses unentbehrlichen Lebeusmittels. und zum
ausfchließlichcn Verkauf dcsfelbcn innerhalb sei-
nes Gebiets berechtigt. Jndem er daffelbe theu-
rer verkauft, als die Bercitungskosten bedingcn
würden, wird daS Salz ein Gegenstand der
Besteuerung und cine ergiebige Einnahmsquelle
für den Staat. Der Erlrag unserer dciden
Salinen zu Rappenau und Dürrheim bildet
daher auch in seincn Ueberschüssen eincn nicht
unbeträchtlichen Theil unserer gesammten Staats-
einnahmen. Jcner Ertrag ist in stetiger Zu-
nahme begriffen, und beträgt gegcnwärtig nach
dem neuen Staatsbudget bereits elwas mehr
als IVr Million Gulden. Dic Ausgaben für
Verwaltungs- und Belriebskosten erfordern ge-
genwärtig die Rundsumme von 369,000 fl.,
so daß eine Neineinnahme zu Gunsten der
Staatskasse von etwa 1,151,000 sl. für das
Jahr in Aussicht fteht.

Wie schon bemerkt, ist der Salzverbrauch im
Lande in stetig fortschreitender Zunahme be-
griffen. Letztere beträgt seit einigen Jahren
im Durchschnitt nur an Kochsalz ungefähr
10,000 Centner per Jahr. Jm 'Jahr 1862

Daß jener für den Dünger
Die scdönen blanken Dinger,

Die thn so sehr vergnügen,

Und wir — den Scklüffel kriegen?

Ick hoffe — Euer Edeln

Weiß solches einzufädeln. Voß.

(Professor v. Quenstedt und die Tü-
binger Studenten.) In Tübingen ist, wie
die Schw. Volksztg. erzäblt, unter der Studenten-
schaft ein Rumor ausgebrocken, der bereits in
ein«r geharnisckten öffentltcken „Erklärung" der
Tübinger Burschenschaft einen AuSdruck gefunden
hat. Der Hergang ist in Kürze folgender: Wenn
die gegenwärtig in Tübingen studirenden Prinzen
dte dortigen MuseumSbälle besuchen und tanzen
wollen, so engagiren fie nicht, wie andere Men-
scheizkinder, die eine Ablehnung durch eine bereitS
versagte Tänzerin ohne Sckaden für ihre Ehre
riskiren, sondern fie gehen frischweg auf dte Dame
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