Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Ueidklbi'rgi'r Irillmg.

KreisverkiiiidigMgsblatt für den Kreis Heideiberg unü amtlichcs Verkünüiguiigsblatt für üic Aints- und Amts-
Gerichtsbczirke Heidelbcrg und Wiesloch und den Auitsgerichtsbezirk Ncckargcmünd.


Samstag, 3 März

18««.

" Auf die „Heidelberger
Zeitung" kann man sich
noch für den Monat
März mit 21 Kreuzern abonniren bei allen
Postanstalten, den Boten und Zeitungsträgern,
fowie der Expedition (itzchiffgasse Nr. 4).

^ Bifchof Ketteler und das öffent-
liche Gewiffen.

Es ist kcine angenehme Pflicht, von einem
Erzeugnissc der Presse sprechcn zu müsscn, wcl-
ches seiner Gehaltlosigkeit und Verschrobenheit
wegen es kaum verdient, daß man sich mit ihm
beschästigt; dessen verwerfliche Tendenz aber,
die VolkSmasse durch fromm klingende Nebens-
arten zu berücken und sic gegen gesctzlich ge-
ordnete StaatSzustände und achtungswerthe
Staatsmänuer zu fanatisiren, es nothwcndig
macht, ihm die verhüllende Larve vom Angesichte
zu reißen. Wir sprechen von dem jüngstcn, in
Baden durch den ultramont. Beobachter colpor-
rirten, Broschürchen deSBischofsv.Kctteler: „Jst
das Gesctz daS öffcntliche Gewissen?" wclches,
wie schon die Uebcrschrift andeutet und der
Verfasser selbst es unverhohlen auSspricht, cs
aus eine Verunglimpfuug dcs Staatsrathes.
Lamey und der badischcn Negierung und Kam-
mer abgesehen hat. Um den durch das ganze
Pamphlet sich hindurchzichenden Gedanken, daß
der moderne Staat, für dessen Repräsentant der
badischc gilt, „gott- und religionSlos" sei, mund-
gerecht zu machcn, wird dcr bekanute und ganz
richtige, dem auf das religiöse Gewissen sich be-
rufcnden aufrührerischen Trciben dcs Pfaffen-
thuMs entgegengesetzte Auöspruch Lamcy's, daß
das verfassungsmäßig zu L>tande gekommcne
und somit das NechtSbewußtsein des Volks aus-
drückende Staatsgesetz das „öffentliche Gewissen"
sei, durch welchcö das Verhalten dcS Staats-
bürgerö sich zu bcstimmen habe, so lange auf
die pfäffische Jnqnisitionsfolter gespannt, bis
er zu einer Carricatur vcrrenkt und verzerrt er-
scheint. Diescm öffentlichen Gewissen gegeu-
über wird das durch die hierarchische Jnflucnza
irre geleitetc und gegen die StaatSordnung, die
in der h. Schrift als eine göktliche Ordnung
bezeichnet wird, fanatisirte Privatgcwissen eines
verblcndcten Pöbels für „unser höchstes Gut"
ausgegeben; ja diese Ausgeburt subjcctiver Ge-
dankenverfinsterung wird mit „Gewisscnhaftig-
keit", sogar mit „christlicher Sittlichkeit" für

gleichbedeutend gehalten. Daß, um die Gott-
losigkeit und Widerchristlichkeit der badischen
Zustände recht einleuchtend und handgreiflich
zu machen, zu den frechsten Entstcllungen und
Unwahrheiten gegriffen wird, ist man von der
ultramontanen Partei längst gewohnt, denn
nur im Bunde mit dem Lügengeiste kann sie
hoffen, einige Erfolge zu crzielen. So soll die
Kirche in der badischen Schule nur noch „Fach-
Lehrerin" sein „in dem Umfange, wie der
Staat eS ihr vorläufig gestattet"; währcnd doch,
wie Jedermann weiß, ihr das ganze Neligionö-
gebiet ungeschmälert eingcräumt ist. So soll
ferner „die unermeßliche Mehrzahl der Katho-
liken" gcgen die neue Schulorganisation prote-
stiren, ja die Protestirenden sollen sogar die
Ansichten des „gesammten Volkeö" oder der
„gesammten katholischen Kirche" vertreten, wäh-
rend es in Wirklichkeit nur einzclne verhetzte
Haufen sind. Doch genug von diesen lügen-
haftcn Expcctorationen, dje jeden rechtlichen und
wahrhaftigen Menschcn mit Ekel erfüllen. Wcnn
aber der Mainzer Blschof seine Schmähschrift
mit den drci billig klingenden Fordcrungen be-
schlicßt: „man achte das christliche Gewissen
des Volkcs; man beschränke die StaatSgewalt
auf ihr eigenthümlicheS Gcbiet; man achte über-
haupt die Neligion;" so könncn wir dem Hrn.
Bischofe zum Troste sagen, daß, sofern er nicht
Religion mit Pfaffenthum und christlicheS Ge-
wissen mit fanatischer Verblendung verwechselt,
seiuen Forderuugen in keinem Staate mehr
Rechnung getragen wird, als in dem badischen.
Jenen drei Forderungen wollen wir aber zum
Schlusse diese drei anderen gcgenüber stellcn:
„man achte dcn in dem Staatögcsetze anöge-
sprocheuen Willen des Volkes und die Negie-
rung als die Vollzieherin dieses Volkswillens;
man verhindere die Priester an Ucbcrgriffen in
das ihnen nicht zuftändige Staatsgebict; man
mache nicht die Neligion zum Deckmantel pfäf-
sischer Herrschergelüste."

* Politifche Umschau.

Heidelberg, 2. März.

* Der Graf von Flandern hat, wie voraus-
zuschen war, die auf ihn gefallcne Wahl eines
Fürsten von Rumänicn abgclehnt. Diejenigen,
wclche den Fall Cusa's herbeiführten, wußten
gar wohl, daß dcr belgischc Prinz, eine stille,
beschauliche Natur, dazu mit dem orleans'schen
Familienübel dcr Schwerhörigkeit behaftet, kcin

Candidat für die moldau-walachischeHospodaren-
' stelle sei. Wie konnte eS auch für diesen Prin-
zen.einen Neiz haben, das wohlgeordnete Bel-
gicn, wo er der nächste Thronagnat ist, mit
den zerrüttdttzn, halbrvhcn Verhältnissen Nu-
mänicns zu vertauschen, und ein Vasall deS
SultanS zu werden? Man hat offenbar durch
die einstweilige Vorschiebung des Grafen von
Flandern nur Zeit gewinnen wollen, um all-
mälig auf deu wirklichen Candidaten Rußlands,
den Hcrzog von Leuchtenberg vorzubereiten, mit
dem man schließlich ohne Zweifel noch heraus-
rücken wird. — Jnzwischen haben die Verwick-
lungen, zu denen die Vorgänge in Bucharest
nothwendig führen mußten, mit einem Proteste
der hohen Pforte begonnen, die sich in ihrem
Souveränitätsrecht auf die Donaufürstenthümer
durch das Vorgehen dcr Numänen gekränkt
sieht. Diesem Proteste wird zunächst ein sols
cheb ans den Tuilerien folgen, wo man in
That und Wahrheit durch den jähen Sturz
Cusa's sehr überrascht und unangenehm bcrührt
ist, so schr man sich anfänglich auch nach der
bckännten Ausredc des Fnchses von den sauern
Trauben, dcn Anschein gab, als härte man in
PariS den Fürsten Cusa selbst fallen laffen.
Man ließ eben dort fallen, waS nicht mehr zu
halten war.

Eine Correspondenz des „Hamb. Corresp."
auS Schleswig bezeichnet eine RccrutenauS-
hcbung in Schleswig gerüchtsweise alS Reise-
zweck deS Hrn. v. Manteuffel nach Bcrlin.

Die gestrigen Berliner Morgenblättcr mel-
den übercinstimmcnd, daß man am 28. Febr.
im Ministerrathc über die Herstellung eineS
Definitivnms in dcn Herzogthümern bcrathen
und Beschluß gefaßt habe.

Die italienische Kammcr verhandelte vorge-
stern über den Antrag des Abg. Mancini auf
Veranstaltung einer parlamcntarischen Nnter-
suchuug übcr die Staatsvcrwaltung in den
Jahren 1859 bis 1865. Die Negicrung er-
klärte ihre Zustimmung.

Der Dtiniftcrpräsident hat dem spanischen
Congreß einen Gesctzentwurf vorgelcgt, wonach
die Höhe des dieSjährigen Armeebcstandes auf
85,000 M. bcstimmt ist.

Nachrichten ails PeterSburg zufolge darf der
Bcsuch dcs KönigS von Prcußcn bei der am
28. April daselbst stattfindcndcn Feier dcr sil-
bernen Hochzeit dcs Kaiserpaarcs erwartet
werden.

-j-* Ernst Moritz Arndt.

Vortrag von Herrn Airchenrath Or. Schenkel.
(Schluß.)

thenden Reaction, die selbst die französischen Bon-
nen und die Tertiancr mit politischcn Processen
nicht verschontc und die in jedem unschuldigen Cau-
didaten der Tbeologie einen Mörder mit dem Dolch
im Gewande wttterte. Durch die KarlSbader Be-
schlüsse nmrden die Uuivorsitäten in Belagerungs-
zustand rrklärt und die Presse gcknebelt. Ein Uni--
verfitätslehrer, der aus politischer Mißliebigkeit
irgendwo entfernt worden «ar, durfte in ganz
Dcutschland nicht mehr angestellt werden.

3n Mainz wurde etne CentraluntersuchungScom-
mission niedergesetzt, welche die Verschwörer überall
aufspüren sollte und vor der kein Mensch mit cinem
frischen muntern Gesichte sicher war.

Gegen Arndt hatte dic Untersuchung nicht daS
Geringste herausgebracht, eben darum war cr ein
ungeheuer schlauer Verschwörer und der Gefähr-
lichsten Einer, und so wurde er 1820 vop der Cen-

alle Bitten, alle Schreiben an den König halfen
nichtS. — Ueber drei Iahre' dauerte die Unter-
suchung, welchc zwet ganz absonderlich und völlig
unwisscnde Menschen, RamenS Pape und Dam-
mer, zu leiten hatter. Man hatte sie absichtlich
gcwLhlt, weil ein Profcssor nur durch Zgnoranten
richtig inquirirt werden könne.

Die Anklage lautete: Arndt.gebrauche in seinen
Vorlesungen aufrcgende Ausdrücke, er stche mit
vielen vornehmen, abcr auch verdächtigen Persvnen
in Verbtndung, er verführe die Jugcnd und habe
vtelc entsctzliche Dinge geschrieben.

Die Akten der Untersuchung füllen zwei Bände;
von dem Geiste, in dem fie geführt wurden, nur
einigc Probcn.

Arndt hatte einmül tn rinem Briefe geschrteben:
„daS ist über metner Sphäre", dte Richter verstan-

schen Lcxtkon, Spdärr bedeute „Ball". ZnS Proto-
koll kam nun, Arndt habe die höchst vrrdächtige

Ball! — Arndt.schreibt einmal an Reimer: „Ich

geht mir etwas im Kopf herum", der Richter:
waS ging Jhnen damals im Kopfe herum? Arndt:
Zch weiß es nicht mehr. Richtcr: „Es war also
etwas Heimliches, etwäs Verdächtiges. — Reimer
wird vorgeladen und gefragt, ob er wisse, was
damals Arndt im Kopfe herumgegangen sei? —

Sache wurde dadurch nur immer verdächtiger.

Der Ricbter Pape war im Uebrigen ein gut-
müthigcr Mcnsch,.und wenn Arndt ihn nach lan-
gen Erörtcrungen wirklich brruhigt hatte, so trank
er wohl mit ihm ein Glas Wein und aß cin But-

So ward drei Jahre untersucht und heraus stellte
fich nichts, als die ganz ungewöhnliche Albernhcit
deS Untersuchungsrichters. Arndt mußte freigespro-
chen werden, aber seine Lehrerwirksamkeit erhielt
er nicht wieder, und bei drr ersten Rcgung wurde
ihm Vcrbannung angrdroht

Arndt hat sich von der ^olter deS ZustandrS, zu
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