Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Utidtlbergtr Ztilung.

KreisvcrMdigungsblatt für den Kreis Hcidclberg und alntliches Berkündlgungsblatt für die Amts^ und Aints-
Gerichtsbezirkc Heidelbcrg und Wicsloch u»d dcn Amtsgcrichtsbezirk Neckargemünd.

N- L. Samstag, 6. Zanuar

BesteÜungen auf die „Heidelberger
Zeirung" nebst Keilnge „Heidelber-
ger Familienblätter" für das mit L.
Januar 1866 begounene L. Quartal
werden fortwälirend angenommen..

DLe Expedition

* Politifche Rundschau.

IH.

Wenden wir unsere Blicke auf die außer-
deutschen Staaten, so finden wir, daß zunächst
in Frankreich die Lage dcr Dinge sür den
Jmperialismus in Folge der drückender. Finanz-
zustände, einzelner AuSbrüche von Unzusrieden-
heit im Jnnern, hauptsächlich aber des riökirlen,
und wie es sich jetzt zeigt, erfolglosen merika-
nischen Feldzugs immer kritischer wird. Für
England brachte das verfiossene Jahr den
Tod dcs letzten Staatsmannes aus der Pitt-
schen Schule, Palmerston; theilweise in indirec-
tem Zusammenhange damil treten die politi-
schen und socialen Reformversuche zum endlichen
Sturze der englischcn Geldaristokratie immer
cntschiedener und umsangreicher hervor, auch
offenbarte sich das immer noch sehr mißliche
Verhältniß, in welchem Jrland zu England steht,
in der Entdeckung der so vieles Aufsehen erregen-
den Fenier - Verschwörung. Jn Schweden
wurde die Abändcrung der veralteten Versas-
sung in zeitgcmäßem Sinne durchgesetzt, eine
Folge hievon, sowie des Auskommens der libe-
ralen und demokratischen Elcmente ist schon jetzt
eine größere Hinneigung zur Verwirklichung
der scandinavischen Jdee, die in dem jetzt zu
einem Kleinstaat zusammengeschrumpften Dä-
nemark selbst viele Anhänger findet. Wäh-
rend in Polcn noch fortwährend die Nuhe
cineS Kirchhofes herrscht, nehmcn in Ruß-
land politische und sociale Resormen, so weit
es die Verhältnisse erheischen und gestatten,
ihren weitern Fortgang. Jn Jtalien thut
allmälig, jedoch so langsam als möglich, die
römische Frage einen weitern Schritt vorwärtö;
doch sind auch hier die Zustände bis zur end-
lichen Lösung dieser Frage nicht äls fertig zu
betrachten. Eine große Finanznoth drückt auch
.das neue Königreich, welches bis zur endlichen
Consolidirung seiner Berhältnisie genöthigt ist.
eine große Ärmee zu unterhalten. Außerdcm
brachte das verflossene Jahr eine Kammerauf-
lösung und ein neues Ministerium. JnSpa- I

nien sind die jetzigen Vcrhältnisie cbenfalls
auf di; Dauer unhaltbar. Wcnn einerseits
dort ein großer Mißstand ist, daß daS stets
mehr oder wcniger dem AbsolutiSmus zuge-
neigte bourbonische Königshaus liberalen und
zeitgemäßen Nesormen nie ganz aufrichtig zu-
gethan sein wird, so ist anderseits nicht zu ver-
kennen. daß auch die verschiedenen politischen
Parteien und ihre Führer nichr immer von
lautern, auf das Wohl des Vaterlandes gerich-
tctcn Absichlcn erfüllt sind, vielmehr oft nur-
persönlichen und eigennützigen Nebcnzwccken
fröhnen. Eine der Partcien trachtet nach einer
Bereinigung mit Portugal, die Königin von
Spanien selbst aber stcht zur Zeit unter dem
Schutzherr allerromanischcn Lande, NapoleonIII.

Jn Belg ien war ein großer Trauerfall das
Eintrcten tzes Todes des' besonnenen und
staatsklugen Königs Leopold. Der neue Kö-
nig hat den Thron bestiegen, ohne daß ge-
wisie, von Seiten Frankreichs zu befürchtende
Annexions - Bestrcbungen bis jetzt eingctreten
sind. — DaS eine Reihe von Jahren hindurch
ruhige und jctzt wohlgeordncte politische Leben
derSchweiz ist im verflosienen in eine mehr
erregte Bewegung versetzt worden durch die
Nevision der Bundesverfasiung und die Alpen-
bahnfrage. — Wendyr wir unscre Blicke von
da nach der großen transatlantischcn Nepublik,
der nord a m erikanisch en Union, so er-
kenncn mir sofort cine Thatsache von wclthisto-
rischer Wichtigkeit, die «och lange in der ge-
schichtlichen Erinnerung fortlcben wird. Es ist
die Besiegnng der großen Jnsurrection der
sklavenhaltenden Südstaaten, und die hierauf
begründete Wiederhcrstellung dcr übersecischen
Großmacht. Mit der Einnahme von Nichmond
mag leicht eine neue Geschichte für den wcst-
lichen Continent erwachsen^, eS wird in der Po-
litik der Zukunft aücm Anscheine nach ein Fac-
tor mitwirken, welcher bisher noch nicht exi-
stirte. An hcrvorragenden Katastrophen war
im Ganzen das Jahr 1865 für Europa nicht
reich (es gilt dieses insbesondere auch' vom
curopäischen und asiatiscben Orient), aber es
fließt der Strom der Geschichtc unter der Ober-
fläche und verkündet nur hie und da durch das
Emportauchen einer Wellc sein Vorhandenscin;
auch ohne hervorragende blendende und impo-
nircnde Ereignisie zu erzeugen, gcht der große
Wandel der menschlichen'Dinge unaufhaltsam,
mächtig vorwärts, und cin aufmerksamer Hor-

cher merkt das leise Rauschen der großen Strö-
mung, welche in der Tiefe langsam, aber un-
widerstehlich dahin waüt.

Der Geist, welcher in der Geschichte webt
und lebt, trägt die Völker oft leise zu ihren
Zielen, und vollbringt große Thaten, von denen
die Zeitgenosien manchmal am wenigsten etwas
sehen und ahnen. AUmälig, unmerklich voll-
zieht sich im Jnnern der Menschen, in ihrem
Glaubcn und Wisien, in ihren Ansichten, Ge-
fühlen nnd Jdeen eine folgenreiche Verände-
rung; die äußeren Formen deS Daseins bleiben
hiebei Jahrzehnte und Menschenalter lang un-
berührt; aber sie werden hohler und morscher,
bis sie eines Tages zusammenbrechen und eine
neue Zeit fcrtig dasteht, scheinbar die Geburt
einer einzigen Slunde, in Wirklichkeit aber die
gercifte Frucht vieler langer Jahre, deren jedes
einzelne, von dcn Zcitgenosicn in der Nähe be-
trachtet, immerhin armselig und dürr erschei-
nen mäg.

* Politische Umschau.

* Man hat sich zwar schon scit einigen Jah-
ren so ziemlich entwöhnt, in den Neujahrsreden
deS Kaisers Napolcon an das ihn beglückwün-
schende diplomatische Corps bedeutungsvolle po-
litische Anspielungen zu sinden. Wenn man
übrigens den Jnhalt der beim letzten Ncujahrs-
empfang gehaltenen Rede in'S Auge faßt, so
muß man gestehen, daß gcrade dicse Nede we-
niger, 'als irgend eine der in den früheren
Jahren gehaltenen geeignet ist, Eyropa aufzu-
regen oder zu beunruhigen. Der Kaiscr sprach
im Grunde nur in allgemeincn Phrasen seine
Frende auS über die Annäherung zwischen den
Dölkern und ihren Rcgierern zu dem Zwecke
des FortichrittS und der Civilisation Hiegegen
wird Riemand etwas haben/ vielmehr Jeder-
mann seine Zustimmung geben. — Je inhalts-
loser und uninteressanter übrigens die Neden
Napoleons werden, dcsto besser stehen die Aus-
sichtcn für Erhaltung des europäischen Friedens.

Nach dem „Moniteur" ist der Senat und
der gesctzgcbende Körper auf den 22. Januar
einberufen.

Aus Pesth wird gemcldet: „Mehr als achtzig
Deputirte gratulirten am Neujahrstag dem
Präsidenten Szentivanyi. Von vort begaben
sie sich untcr Leitung Szentivanyi's zu Deak.
Auf die Ansprache Szentivanyi's erwiderte Deak
unlcr Anderm: „Die Lage ist eine schr ernste

Stadt-Theater in Heidelberg.

Die abgelaufknc Theaterwoche bot deS Be-
friedigenden und selbst Guten viel. Sie eröffnete
mit Offenbach's „Orpheus". Da diese Operette
ffch auf dem Repertoire fast allcr Bühnen schon
sett Jahren eingcbürgert hat, beschränken wir
uns darauf, der Darstellung und der Scenerie
mit einem Worte des Lobes zu gedenken. Wir
fanden die Rollenbcsetzung durchaus angemeffen.
Nur hätten wir dcr Personificatton „drr öffent--
lichen Meinung" etwas weniger Rococo gewünscht.
Es bedünkt uns, trotz unserer durch etn cano-
nisches Alter noch nicht zur Ueberreife gelang-
ten Erfahrung, daß die öffentliche Meinung keine
komische Alte ist, wtr denken fie uns stark, frisch,
stimmkräftig. Eine öffentliche Meinung, die das
Alles nicht ist, halten wir nicht für geetgnet, zu
ffegen und zu herrschen. Besondere Anerkennung
verdient übrigens Herr Albinus, der als „Styr"
wiederholt zu stürmischem Beifall hinrtß, sowie
Frl. Pichon als .Euridice", deren finnige, einfache
und kleidsame Toilette unS noch neben ihrem vor-

i des Birch-Pfeiffer'schen Schauspiels „ip der Hei-
> math" hatte daS Haus bis auf den letzten Platz —
! sclbst im Orchcsterraum — gefüllt. Am Mittwoch
hörten wir Mozart's „Figaro's Hochzrit". Tau-

Die Darstellung war für die hiesigen Kräfte über-
raschend gut. Wir lernten namentlich in Fräul.
Muckhardt eine sehr begabte und gut geschulte

Sie wurde im drittrn Act wiederholt anhaltend ap-
plaudirt. Auch Fräul. Pichyn leistete wie gewöhn-
lich srhr TüchtigeS und fand nach ihrer Arie im
dritten Act rauschenden Beifall. Frl. Atrian als
Page entfaltete den frischesten Humar. Alle übri-
gen Rollen find brkanntlich mehr oder wcniger
Episoden.

Eine amerikanische Criminal-Geschichte.
(Schluß.)

Zwanzig Stunden später fand man diefen Be-
amten, es war der Ermordete, in Voggs' Zimmer.
Weitere Nachforschungen ergaben, daß dersclbe tn
den lrtzten Tagen seinen Cameraden sehr viel Gold
im Bureau sehen lteß und ffch gelegentlich äußerte,
er werde nicht mehr lange hier blciben; auch sah
man ihn häufig in Begleitung eineS ältlichen Man-
nes, den er Wardh nannte, hinzufügend, derfelbe
sei aus Südcarolina.

Die Polizei-Behörbe sitzte ihre geschicktesten Or-
gane in.Brwegung, um BoggS' und Wardh's hab-
haft zu werden. Am nächsten Tage war die vieles
Licht verbreltende Tbatsache constatirt, daß Wardh
einer der beiden Begletter sei, welche mit BoggS
zugleich im Hotel abgestiegen. Vierzehn volleTage
bot die Polizei alle ihre Kräfte auf, um den Anf-
enthalt der Verfolgtrn zu erutren, doch umsonst,
fie sckirnen verschwunden zu sein.

Plötzlich meldete rin Policist: Wardh sei in der
Stadt und wohne in der Ehambresstreet. Mit drr
größten Vorficht wurden die nöthigen Erkundigun-
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