Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Krcisvcrküiiöigungsblatt fßr ücu Kreis Hcidclbcrg unü a!ntliches Zerkünüigungsblatt für öie Aints-- unü Amts-
Gerichtsbczirke Heidekbcrg und Wicsloch unü dcn AuitsgerichtSbezirl Neckargemünd.

N» I«- Tamftag, 20. Zanuar 18««

* Politische Umschau.

* Die Eröffnungsredc desPräfiden-
ten Grabom im prcuß. Abgeordnetenhause
zeichnete sich im Verhältnisse zu seincr vorjäh-
rigen durch Kürze und Entschiedenheit, vbwohl
strcnge innerhald der gehörigen Grenzen auS.
Auf eine Detailberathung deS Budgets wird
auch in dicscm Jahre cingegangen wcrdcn.
Sowohl deßhalb, als auch aus andcrn Grün-
den, wird dicse Session des LaudtagS — wenu
nicht besonderc Umstände odcr störende Zwischen-
fälle eintreten — eine ziemlich laugc werdcn.
Außcr dem Budget sind angcküudigt: ciu Ge-
setzcntwurf wcgen definitiver Vertheilung und
Erhebung der Grundstcucr in den 6 östlichen
Provinzen, ein solcher wegcn Nufbesserung der
Beamtengehalte, wegen Eisenbahnvorlag^n, wc-
gen Erweiterung dcs Wirkungskreiscs dcr prcu-
ßischen Bauk, wegen Gewährung des Coalitions-
rechts an die Arbeiter, mehrerer Handels-, Zoll-
und SckifffahrtSverträge, wegen Verstärkung
der Marine und AuSführung des Nord-Ostsee-
Kanals. Hiezu kommen voraussichtlich noch
andere Vorlagen, die, wie dics häufig geschieht,
erst während der Session hervorgcrufen und
zur legislatorischen Behandlnng reif werden,
endlich die Auträge vom Hausc selbst, die nach
Lage der Diuge an Zahl und Jnhalt nicht
unbedeutend sein wcrdekl.

Nach dcr „A. Allg. Ztg." hat Gcheimerath
Wclcker zu Heidelberg einen Preis von 1000
Gulden ausgcsetzt sür die bcste „staatswissen-
schaftliche Begründuug rechtlicher und in unseren
deutschcn Zustäuden wirksamer Mittel zn einer
nicht revolutionären Beseitigung der Vcrwal--
tung solcher Negieruugen, welche die Vcrfas-
sungsrechte zum Schutz gcgen Mißverwaltung
wirkungslos machtcn nnd die ihncn auvertraute
Staatsregjerung für,Necht unv Ehre des Lan-
dcs verderblich verwalten". Die Frist, inner-
halb welcher die Lösung dieser Prcisaufgabe cr-
folgen muß, ist auf scchs Monate gcstellt.
Preisrichtcr sind die juristische und staatswissen-
schaftliche Facnltät dcr Universität Tübingen.

Bei dcr Präsidentenwahl im preußischcn Ab-
geordnetenhause wurde Grabow mit der beden-
tendcn Majorität von 192 gegen 24 Stimmen
gewählt, Unruh mit 162 Stimmen zum ersten,
und Bockum-DolffS mit 165 Stimmen zum
zwcitcn Viccpräsidenten.

Die preußische Thronrede wird in einer

Neihe Pariser Blättcr nichts weniger als schmei-
chclhaft beurthcilt.

Die neueste Wiener „Presse" bringt eincn
heftigcn kriegerischen Artikel gegen Preußen,
dcssen Prätensionen in der Herzogthümerfrage
zu ernstlichem Auftretcn herauöfordcrten, Dcutsch-
land sei von Prcußen, nicht von Frankreich be-
droht.

Ein bereits vor einigen Tagen aufgetauchtes,
jevoch wenig glaubwürdigcs Gcrücht macht heute
durch verschiedcne Blätter dic Runde. Hier-
nach soll eine ncue Art September-Convention
festgcsetzt werden, die sichHdießmal indeß auf
Benetien bczöge, um diese Frage durch einen
Compromiß vom Schaupiatz verschwinden zu
machen. Venedig (dieß werde beabsichtiat) sei
bestimmt, einc „freie Stadt" nach Art Ham-
burgs zu werden; Jtalicn dürfe sich ciuen Lheil
deS südlichen venetianischen Königreichs anne-
riren, während das FestungSviereck und die
übrigcn österreichischen Besitzungen an der ita-
lienischcn Küste in deu deutschen Bund
einträten und der Zürichcr Vertrag alSdann
auf diesen Grundlagen ciner Revision unter-
zogen werden könnle. Von diesem Augenblicke
an könnte Oesterreich Jtalien anerkenncn und
beide Negiernngen würden die so lauge unter-
brochenen freundschaftlichen Bcziehungen zu bei-
derseitigem Vortheil wieder aufzunchmen im
Slande sein

Briefe aus Nom vom 10. d. theilen mit,
Hr. v. Moutagnac, Secrelär deS KriegSmini-
sters Nandon, sei dort angekommen, um die
Angelegenheit bczüglich dcS EintrittcS franzö-
sischer Soldaten in päpstliche Dienste zu rcgeln;
die kaiserliche Negieruug sei bercit, 6000 Mann
mit den erfordcrlichen Officiercn dem Papste
zur Verfügung zu stellen; dicser aber habc biS
jctzt dcren nur 1000 biö 1200 angenommen;
sie sollen denselben Sold und dieselbe Pcnsion,
wie in der französischcn Armce, beziehcn.

Auö Bern wird dem Pariser „Moniteur"
gemeldct-, daß Volk nnd Kantone die Vorsckläge
zur Ncvision der Bundcsvcrfassung, mit Aus-
nahme der die Judenemancipation betrcfienden
Artikel, verworfen habcn.

Der Ort Zalamea, an welchcm nach dcm
Pariscr „Moniteur? die'Znsurgenten dic pvr-
tugicsische Grcnze übcrschrittcn haben sollen, ist
wie die „N. F. Z." meint wvhl kein andcrer. als
Zalamea de la Sercna (bekannt durch Calde-
rons Drama „dcr Alkadc von Zalamca"), daS

aber keineswegS an der portugicfischen, sondern
im Gegentheil an dcr östlichcn Grenze von
Eftremadura, gegen Cordoba gelcgen ist, nicht
weniger alS, etwa 1.50 Kilometer von der por-
tugicsischcn Grenze eutfcrnt. Damit würde die
Vermuthung bestätigt, daß es Prim zu ver-
suchen scheine nach dem Süden, namentlich
nach Andalusien zu dringen, denn der Marsch
von Villanueva nach Zalamea hat ihn der
portugicsischen Grenze nicht genähert, sondern
davon entfernt.

Jn Nord-Carolina hat die Bcvölkerung mir
19,977 gegen 1940 Stimmen die Aufhebung
der Trennungsacte, und mit 18,527 gegen
3696 Stimmen die Aufhebung der Sklaverei
beschlossen.

Deutfchlrrnd.

Karlsruhe, 19. Ian. Seine Königliche
Hoheit der Großherzog haben sich gnädizst
bewogen gefunden, den durch den Verkauf deö
Hüttenwcrks Kandern verfügbar gcwordencn
Vorstand dcr Hüttcnverwaltung dasclbst, Hüt-
tenverwalter Küm m i ch, unter Vorbehalt seiner
anderweiten Wiedcrverwendung, einstwcilen in
den PcnsionSstand zu.versetzen; dem Oberein-
nehmer Gangloff in Hornberg die Obcrcin-
nehmerci Schwetzingen zu übertragen; den
Hauptamts-Kontrolcur Montanus iu Ueber-
liygcn zum Nevisor bci der Stcuerdirection,
den Ncvisor Schäfer bei dicser Dirrction zum
Hauptamts-Kontroleur bci dem Hauptsteucramt
Ueberlingen zu ernennen; dcm Bezirkssörster
Fischer in Freiburg die BezirkSforstci Wend-
lingen mit dem Wohusitz iu Frciburg, dem
Bezirköförster Schabinger iu St. Leou die
BezirkSforstci Wicsenbach, dem Bz'zirksförfter
Maler in Neustadt die Bczirksforstei Kenzin-
gen, dem BezirkSsörster Lnbberger in For-
bach die BezirkSforstei WolfSboden in St. Bla-
sicu, dem Bczirkssörster Hofmann in Hucheu-
feld die Bezirksforstei Pforzheim, dem BezirkS-
förster Müller in Blumberg die Bezirköforstei
K^rltenbronn mit dcm Wohnsitz in Weißenbach,
dem Bezirksförstcr Bach in Moöbach die Be-
zirksforstei Freiburg, dem Bezirksförstcr Zip-
perlin in Hardheim die Bezirköforstei MoS-
bach, dem Forstpractikautcn Karl Hamm von
Ocschclbronn die BezirkSforstci St. Leou, dem
Forstpractikanten Karl Könige, Dienstverwe-
ser in Freiburg, die Bczirkö'forstei Hucheufeld
mit dem Wohnsitz in Psorzheim, dem Forst-

Stadt-Theater in Hcidelberg^

/t. Der Leiter unserer Dühne hat durch die Auf-
führung von Mosenthal's „Ptctra", die am ver-
flossenen Mittwoch tn Scene ging, aUcn Freunden
der höheren dramatischen ^Zorsie zu Danke gehan-
delt. Pietra ist wie „Nomeo nnd Iulie" cine Lie-
bestragödie in cminenter Bedeutung des WorteS.
Die schöne, tiefsittliche Grundidee dcs Stückcs ist
dte Vcrherrlichung jenes aümächtigcn GesühleS,
das üder ticfcingewurzelten Haß, übcr die verjähr-
i.1ksten Vorurthrile hinweg zwri Herzen durch eiue
wunderbare und gehkimnißvolle Kraft aneinander
kcttet. Mosenthal's Dicktung erhebt sich im Ein-
-elnen zu wahrhaft ergreifender Tragik. Sowohl
drr finstere, mit dem Gift von Rachegedanken groß-
gezogrne Haß, alS die zu jedcm Opfer bereite Liebe
sind in concreten und lebrnsvollen Gestalten ver-
körvrrt. Die Sprache glänzt trotz einzelner mrtri-
scher Härten durch — wir möckten sagen — lyrischen
Schwung. tzs frhlen auch nicht erschüttcrndc und
gleichwohl ohnr gckünstelte Veranstaltungen herbei-
geführte Effccte. So ist die GrbetSscene am Ende
des dritten Aktrß, ver Auftritt im Kloster, rndlich

psychologische Motive begründen gewaltige tragische
Eonflicte und Katastrophen unstr'eitig viel befrie-
digender. Beachtung verdient auch, daß Moscnthal,

schildert, dstsmal, indcm cr einen Helden und zu-
gleich ein Heldenweib darstcllen wollte, tnsofcrn
geirrt hat, als er Pietra allzuschnell an dem Ge-
licbten zweifrln läßt. Diamantene Naturen, wie
die ihrige, bedürfen stärkcre Angriffe, wcnu ihr

wie Hk. Marr, Tiefel,. v. Strrnwalbt, Albinus
und Hagen und Fr. Steinecke vortrefflich. Fräul.
Brand, die sehr viele, sehr schöne Momrnte batte,
schien unS den Eontrast, den der wilde Haß und
später dte glühendste Liebe in daS Wesen der Pictra '

hineinlegt, auf der ersteren Seite nicht sckarf gcnug
auszuprägen. In dcn ersten Akten hätte sie etwas mchr
Mannweib sein sollen. — Lortzing's .Wildschütz"
mit seinen einfachen, natürlichen, anspruchs'osen,
aber zum Herzen sprechendrn und volksthümlich
gefärbten Melodien und seinem humortstischen Terte
fand durch gute Brfttzuug der Hauptrsllen (Frl.
Pichon, Hr. Pichon, Hr. Wrede, Hr. Simon) und
rin srhr g»t einstudirtes, orchestralcs wie sccnischeS
Ensemble vielfachen Brifall. Bet dem Birch Pfeif-
fer'schen „In der Heimath" hat sich das alte Sprüch-
wort „alle guten Dinge find dret" einmal glänzrnd
bewäbrt. Es wurde am Sonntag bei geräumtem
Orchester gegebcn. Fr. Steinrcke und Hr. Tiefel
erntkten wie biSher den Löwenantheil der Applause.
Dienstag sahen wir zu Hrn. Freimüller's, Yes Viel-
beschäftigtcn und stets Gerngesehenen Benefiz Ray-
mund's „Alpenkönig und Mrnschenfeind". Das
Haus war sehr gut bcsetzt. Außer drm Benrstzian-
ten, ber seine in mannlchfacher Hinsicht schwierige
Parthie tn durchaus charakteristischrr Auffassung
gab, leistrten vorzüglich die Herren Tiefel und
Albinus, wie dic Damcn Frl. Adrian uud Frau
Strinecke Verdienstltches. — Mit großer Spannuvg
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