Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Weidelbkrger Zeitung.

Kreisverküildigungsblatt für dcn Krcis Heidelberg und aintliches Berkündigungsblatt für die Amts- und Aints-
Gerichtsbczirke Hcidelberg und Wicsloch und dcn Amtsgerichtsbezirk Ncckargcmüiid.


Dienstag, SL April


I8«6.

Auf die „Heidelberger
eitung" kann man sich
)ch für die Monate
Mai nnd Iuni mit 42 Kreuzern abonniren bei
allen Postanstalten, den Boten und Zeitungs-
trägern, sowic der Erpedition (Schiffgafse Nr. 4).

* Politrsche Umsctiau.

Heidelberq, 23. April.

Laut einem Telegramm der Weserzeitung
vom 20. wäre auch der letzte bayerische Ver-
mittelungsvorschlag, auf gleichzeitige Ab-
rüstung gehend, erfolglos geblieben.

Dic „Weser-Ztg." meldet aus Berlin: Die
preußische Negierung hält an den Bcdingungen
fest, daß Oesterreich mit der Abrüstung beginne
und alle seit dem 13. März angcordncten Maß-
regcln contreniandire; ferncr schlägt Preußen
vor, daß die beiderseitige Abrüstung biS den
1. Mai vollendet sci.

Das „Dresdner Journ." stellt die Nachricht
in Abrede, daß das Wiener Cabinet ein von
Bayern und Sachsen vereinbartes Bundesre-
form-Programm genehmigt habe, und erklärt,
daß dem Wiener Cabinette keine Vorlagen von
Sachsen und Bayern zugegangen seien. —
Dasselbe Blatt veröffentlicht ein Telegramm
aus Wien, demzufolge die Antivort Oesterreichs
am 19. nach Berlin abgegangen ist. Pieselbe
soll sachlich und formell friedlich lauten nnd
einen nahen Termin für die gegenseitige Ab-
rüstung vorschlagen.

Die „Bciycrische Zeitung" meldet unterm
21. d. officiös: Die KriegSgcfahr ist bescitigt.
Oesterrcich hat die Rücknahme der beiderseitigen
Nüstungen in einer Modalität vorgeschlagen,
wetchc Prcnßen angenommen hat.

Dcr ivürtembergische „Staats-Anz." schrcibt,
daß Cinigung zwischcn Würtemberg, Bayern
und Baden in allem Wesentlichcn feststcht.

Es gibt, meint dcr „Schw. M.", wcnn die
Lösung der dcutschen Frage aus friedlichem Wege
weiter geführt werden soll, nur Einen, freilich
sehr schwicrigen Weg, den Weg der Verständi-
gung zwischen Prenßcn und Oesterreich. Will
män den Krieg nicht — und iver in ganz
Deutschland will ihn? — und kommt auch cine
solche Verständigung nicht zu Stande, so bleibl
eben in Deutschland Alles beim Alten, oder
vielmehr es wiederholen sich die Krisen, wie
wir eben dcren eine erlcben, immer aufS Neue
und führen am Ende doch den großen Umstnrz
aller bestchcndeu Verhältnisse herbci, nach dessen

ein. Das „Journal" nennt ihn Ossip Jwanow, oer
-Jnvalide' bagegen Oisip Iwanowitsch Komissarow.
Derselbe ist, dem „Inval." zufolge, r:n jungkr
Mann von 25 Iahrkn, grborkn im Dorfe Mol-
witino, Gouvernkment Koslroma. Einige Zeit im
Dtkiiste drs B-sitzers jenrs Dorfes, dks Barons

die Hutmacker - Profrssion erlernte und biS zum
grstrigkn Tage als Gcselle arbkitete. Er tst mit
etner Bäucrin verhciratbct und Vater einer Tockter
von acht Monaten. Gcstern — so erzahlt ber „In-
valide" wetter — war scin Namenstag, wcßhalb
er sich nach der PcterSburger Sitte in eine Capelle
hrgebcn wollte, um dort zu beten. Beim Marmor-
palast an ber Newa angrkommen, bcmerkte er, daß
dte Brücke abgenommcn wurde und er an dieser
Strlle nicht über den Fluß kommcn konnte. Er
kchrte daher um; als er beim Sommrrgarten vor-

Ende entweder ein neues Deutschland oder
auch— kein Deutschland mehr sein wird. Die
Versuche, den DualiSmuS mit der Trias, oder,
wie man sich schon aüsgedrückt hat, den Zwie-
spalt mit dem „Trispalt" zu kuriren, werden
die gesuchte friedliche Lösung schwcrlich bringen.

Die „Weimarische Zeitung" bemerkt, Graf
MenSdorff habe sich vei dem Empfange der
letzten preußischen Note in versöhnlichem Sinne
geäußerl.

Die „Nordd. Allgcm. Ztg." sagt: Soll der
Reformantrag Erfolg haben, so muß zunächst

der Termin der Pcrrlamentsbcrufung festgesetzt

werden. Jeder entgegenstehenbe Antrag ist als
der BundeSreform feindlich anzusehen.

Deutschland.

Karlsruhe, 21. April. (Neunte öffentliche
Sitznng der Ersten Kammer.)

Unter dem Vorsitz deS durchl. Präsidenten
Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Wilhelm von
Baden.

Auf der NegierungSbank: Staatsminister Dr.
Stabel und die Staatsräthe Dr. Lamey und
Mathy, sowie Ministe'rialrath Muth.

DaS durchl. Pxäsidium eröffnet die Sitzung.

Prälat Holtzmann: Durchlauchtigste, hoch-
geehrteste Herrcn! Sie Alle werden die Kunde
vernommen haben von einem Vyrgang, durch
welchen das Leben Sr. Maj. dcS Kaisers von
Nußland bedroht war, eineS Monarchen, wel-
cher ganz besonderS erfüllt ist von dem Stre-
ben, die freiheitlichc Entwicklung seineS Volkes

dem erhabenen Fürstcn gewacht und zugleich
daS gefährdcte Leben einer Prinzessin unsereS
großh. HauseS, der Gemahlin unseres durchl.
Präsidenten, gnädig bcschützt, von dcrcn freund-
licher Huld und Gnade ivir schon so manche
Beweise erhalten haben. Die Nachricht von die-
ser Nettung hat gewiß Aller Hcrzen frcndigst
bewegt, und ich crsuche Sie, Jhre innige Thcil-
nahme und Jhrcn Dank der gütigcn Vorsehung
durch Erheben von den Sitzen kund zu geben.

Das ganze hohe Haus erhebt sich.

Das durchl. Prasidium spricht seinen tiefge-
sühltestcn und wärmsten Dank für die Theil-
nahme des hohen Hauses auS, mit dc; Ver-
sicherung, daß dicsc Gesinnungen das Lheurrste
Kleinod seiner Erinnerungen wie.seiner Zu-
kunft sei.

Geh. Nath v. Mohl ist durch Berufsge-

beikam, sah er am Eingange zu demselben cine
Equipage stehen, welcke von vielen Leuten umstan-
den war. Auf die Nachricht, daß es der Wagen
dcs KaiserS sei, blieb er ebenfalls stehen, um Se.
Majcstät, welcher im Garten promenirte, bei seiner
Rückkehr auS bemselben zu s.hen. Bald kam der
Kaifer, welcher mit einem Ueberrock chekleidet war
und eben vor dem Wagen den Mantel umzuneh-

vor, nachbem er dtes bereitS vorher mehrfach ver-
gebknS versucht hatte. Kaum aber war Jener in
die Nähe deS Kaisers gclangt, welcher noch mit
dcm Anziehen deS Mantels brschäftigt war, als
Kommiffarow bemerkte, daß rr auS dem Palktot
ein Pistol zog und dass.lbe auf den Kaiser anlegte.
Da versktzte er ihm einen derben Schlag untrrhalb
des EUenbogenS, der Arm mit der Pistole wurde
dadurch in die Höhe gehoben, der Schuß ging loS,
abrr die Kugel flog in bie Höhe. Der Verbrccher

fast ohnmächtig hinsank. Sogleich nach dcm Ereig-
nisse, von dem sich dte Nachricht blitzschnell durch
die Stadt verbrritete, bksuchte der Kaiser die Ka-
thedrale, worauf cr sich erst in setnen Residenzpalast

schätte gehindert, heute zu erscheinen. DaS Se-
cretarial theilt die eingegangencn Petitionen mit,
die thcils Eisenbahnbau, theilS die obligatorische
Civilehe bctreffen; in tetzterm Betreff werden
ebenso Eingaben von den Frhrn. v. Andlaw
und v. Stotzingen angezeigt. Abg. Dennig
zeigt einen druckfertigen Budgetbericht an; Abg.
Artaria entschuldigt den Grafen v. Berli-
chingen wegen UnwohlseinS. ^

Dcr Tagesordnung gemäß folgt die Begrün-
dung der Motion dcs Frhrn. v. Andlaw,
eine Beschwcrde gegen den Präsidenten deS gr.
Ministcriuins dcs Jnnexn wegen AmtSmiß-
brauchS und VerfassungSbruchs.

Dcr Motionssteller glaubt seinen Antrag mit
einem umfangreichen Actenfaszikel bclegen zu
müssen. und nach Verlesung von 356 angebli-
chen Fällen des Amtsmißbrauchs denselben be-
gründet zu haben. Dcr Schlußantrag geht da-
hin, die hohe Kammer wolle in Erwägung aller
diescr Fälle durch eine Abresse an Se. Königl.
Hoheit den Großherzog ihre Beschwerde über
Staatsrath Dr. Lamey auösprechen.

Abg. Faller gibt der allgemeinen Stimmung
des LandeS Ausdruck in ihrcm vollen Zutraucn
in die jetzigo Regierung.

Staatsrath Lamey: Warum trete jetzt erst.
die WeiSheit in dem Hausc ans7 nachdem wir-
2 Jahre geschwiegen. Als er die TageSord-
nung gelesen, sei er aus die Straße gctreten,
um zu sehen, wie groß die Aufregung im
Lande sej.

Er habe sich auch gefragt, wie ihn wohl die
Mcnschcn, sclbst Herr von Andlaw beurtheilen
würden, was er überhaupt für ein Mcnsch sei;
nicht habe er dagegcn gcforscht, wclch' cin
Mcnsch Hcrr von Andlaw sei. Er habc nur
daö Strasgesctzbuch genommen und nach dem
VerfaffungSbruch gcforscht. DaS habe ihm
keinen Anfschluß gegeben. Da habe er sich
gefragt, waS man depn persönlich gegen ihn
habe und nirgcnds habe er gefunden, daß er
irgend Jemanden zu nahe getreten. Er fordcre
Hcrrn v. Andlaw auf, ihm cin einziges Moment
von Unrcdlichkeit und Vcrfolgungssucht in seinem
gauzcn Leben nachzumeisen. Ob cr als Vcrthci-
diger wohl berechtigt sei, auch scinePräsumtionen
gegen H.errn v. Andlaw aufzusteüen? Da habe
cr gcfunden, daß der betreffende Hcrr eine AnS-
nahmsstcllung von jchcr für sich in Anspruch
genommen. Wcnn man diesen Staalsrath
Lamey fortschaffe, ob wohl etwaö Bcsscres,

nochmalS in die Ktrchk zurück. Zm Palais hatten
sich inzwischkn die kaiserliche Familte und die Wür-
denträgrr drs ReichS, sowte vor demselben eine un-

Retter vorgestcllt wurde, umarmte er deufelben nnd
sagte ihm: „Ich mache Dich zum Gbelmann," wor-
auf er, sich an die Umstrhenden wendcnd, hiuzu-
fügte: „Was meinen Sie dazu, meine Herren?"
Der Kaiser mußte fich sodann auf dem Balcon ber
versammclten Menge zeigen, die ihn mit Iubel
empfing, worauf er sich tn das Smolna-Kloster
begab, beim Hin- wie beim Rückwrge von enthu-
siastischen Zurufen unv Glückwünschen begleitet.
So wie der Abend einbrach, wurden alle Straßen
der Stadt festlich erlruchtct. Zn allen Theatern
wurde die Nattonal-Hymne grsungen. Den Ver-
brecher bczeichnct daS „Iournal" als ein Inbivi-
duum, drssen Kleiduug „einrn Mann aus dem
Volke" anzeigte^ ohne jedoch seinen wahren Skand
angcben zu können. Er selbst behauptet, ein Ruffe
zu sein. _
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