Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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LrrcislierkündigMgsblatt für den Kreis Heidclberg nnü amtliches Verkündigungsblatt für die Amts- und Amts-
Gcrichtsbezirke Heidclbcrg und Wicsloch und den Anitsgcrichtsbezirk Ncckargcmünd.

Nk


Mittwoch, « April

18«6.

Beftellungen auf die „Heidelberger
Zeitung" nebst Beilaqe „Heidelber-
ger Familienblätter" fnr das mit 1.
April 1866 begonnene 2. Quartal
werden fortwäkrend angenommen.

Die Expedition

* Pokitifche Umschau.

Heidelberg, 3. April.

* Trüb und voll schwerer Sorgen hat
Deutschland daS eben umflossene Osterfest ge-
fciert. Das Frühlingssest der 2?uferstehuNg,
daS christliche Fest der Nersöhnung droht mehr
und mehr zum baldigen Ausgangspunkte eineS
Bruderkriegs zu werdeu. Ein Bruchthcil der
Nation. der»trotz allcr Wahlmanöver in der
eigenen Volksvertrctung kaum zu einem Zehn-
thcil rcpräsentirt ist, ein Haufen märkischer
Junker, der kaum das winzigste Thcilchen deut-
scher Cultur und Bildung, und den Mangel
alleS PatriotismuS, alles Rechts- und Frei-
heitsgefühls in vollster Fülle repräsentirt —
drängt zu dem Bürgcrkriege, hält alle Zugänge
zum König besetzt, auf denen die Rechls- und
Friedensproteste des VolkeS zu ihm gelangen
können, und hetzt so wild in die Drohungen
pnd Rüstungen hinein, daß die Lage stch schließ-
lich wie von selbft dahin verwickelt, um eine
sriedliche Lösung unmöglich scheinen zu lassen,
während die deutsche Nation den Krieg ver-
flpcht, und selbst das preußische Volk, mit AuS-
nahme- der verstocktesten Großpreußen, sich laut
für den Frieden erklärt. Die Lage wird ernster,
die Nachrichten drohender, und wir wünschen
um so mehr der Friedensagitation im preußi-
schen Volke den besten Fortgang. Es kann
möglicherweise damit wieder gut machen, was
seine VolkSvertretung versäumt hat.

In der gegenwärtigen kritischen Lage, schreibt
der ,/S. M.", bleibt den Bevölkerungen nichts
anderes übrig, als ihre Stellung zu nehmen,
nne die Rücksicht auf das Wohl des Ganzen
ihnen diese anweist. Diese Stellung heißt in
Oesterreich: Festhalten am Frieden bis zum
lezten Augenblicke, und so wird sie in beiden
Staaten von der gesammten unabhängigen
Presse anfgefaßt; in den Mittelstaaten, den
süddeutschen wenigstens, Neutralität, aber eine
solche, welche sich bereit halten muß, jedem
Versuch, diese Neutralität zu verlezen, woher
er kommen moge, mit Gewalt bis zum Aeußer-

lick für Rcchnung des Hauses Block effectuirt wur-
den. Im Spätjabre 1865 gericth dasselbe in Gant,
nackdem vorher schon verschiedene Stockuugen in j

niß des Gerickt/ gekommenen Gläubigern hier und ^
in Hcidelberg war Tabak zum Preise von mehr als
26,000 fl. von dem Angeklagtcn angckauft worbcn, !
die vollständig,in Verlust geriethen. Es stellte sich
bei der Untersuchung heraus, daß mehrerc Tabaks-
sendungen nnter dem Ankaufspretse verk»uft und
anderc unmittelbar nach ibrer Ankunft in Amster-
dam in dcr d^rtigen Bclchnungebank versetzt wur-

Anklage bchauptcte nun, daß Beruheim, obgleich ^
vorgeblich nur Procurist, dennoch Commanditist
drr Handlung Block u. Comp. war, und füdrte
znr Begründung dieser Bchauptung an, daß Bern-
'beim sick ftlbst verschiedcnen Pcrsonen gegenüber !
ausdrücklich alS Tbeilhaber bieser Firma ausgcgeben
habe, daß er auch am hiesigen Platze, an welchem^ >
das erwahnte Rundschreiben nur theilweise verbrei- >

sten sich zu widersezen. Es handelt sich für
Süddeutschlanv insbesondere um seine Stel-
lung zu dem benachbarten Oesterreich.
Wer sagt, daß Oestreich, falls der Krieg ge-
führt werden wird, ihn für das Necht der Her-
zogthümer, des Augustenburgers, der kleineren
Bundesglieder, des Bundes selbst führe, der
bleibt den Beweis schuldig und muß ihn schul-
dig bleiben, da Oestreich in dem ganzen Ver-
lauf'des Streits, der uns bis vor den Aus-
bruch des Bürgerkriegs geführt hat, alle diese
Rechte in gleicher Weise wie Preußen hintan-
gesezt und geradezu verlezt hat. Preußen hat
kein Recht, den Krieg für die Wahrung seiner
Jnteressen in den Herzogthümern zu sühren,
da es diese längst gewahrt haben könnte, wenn
nicht seine junkerliche Negierung die Forde-
rungen auf's Aeußerste gespannt und den rech-
ten Augenblick versäumt hätte. Mit' einem
Wort: Oesterreich und Preußen machen stch
bereit, einen Krieg mit einander zu führen,
der nur aus der alten geschichtlichen Rivalität
dieser beiden Staaten im lezten Grunde ent-
springt, der, wenn Oesterreich siegte, unsere
politische Entwickelung um ein Jahrhundert
zurückwerfen, wenn Preußen siegte, die Karte
von Europa und schwerlich zu Gunsten von
Deutschland verändern würde. Dieser Krieg
würde uns ohne Zweifel in seinem Verlaüs
in seine blutigen Kreise hineinziehen; aber wir
dürfen uns nicht von vorne herein in einen
Handel mischen, worin zunächst gar nicht un-
sere Sache geführt wird.

Auch der Staatsanzeigcr für Würtemberg erklärt
sich mit der Forderung, die Mittelstaalen sollten
sich dcm preußisch-österreichischen Zwistc gegen-
über für bcwaffnete Neutralität entscheiden, voll-
kommcn einverstandcn.

Nach dem „Mem. dipl." ist SchleSwig alS
ein nichtdeutscher Staat zu betrachten und wür-
den daher die Westmächte gegen eine Annexion
desselben durch Preußen ihr Veto einlegen.

Der Wiener „Wanderer" vom 30. März
Abends, bringt als authentisch folgende Mel-
dung: Der König von Preußcn unterzeichnete
vorgestern die Ordre für die Mobilisirung
dreier ArmeecorpS. Gestern schon wurden von
Berlin aus sämmtliche Einleitungen getroffen,
um diese Ordre schleunigst auszuführen.

Nach der „Weserztg." hälten die österreichi-
schen Gesandten die Anweisung erhalten, den
auSwärtigcn Regierungen zu erklären, Oester-

tct war, allgenrein als solcher galt und sich inSbe-
sondere bci dcn versckiedenen Gesckäftsabscklüffcn
als solcker gerirte, und daß er einmal sclbst als
den Grund dieses Verbältniffcs angab, daß er sick
nock nickt als Gcsellsckafter bekennen dürfe, weil
er als frübcrer Theilhabcr der falliten Handlung
Ncumann und Söhnc nock für dcren Verbindlich-
keiten einzustchcn habe. Aus diesen Thatsachcn fol-
gcrte die Anklage, daß Bernhe^m, der die Zab-
lungsunfähigkeil dcs Hauscs Blöck u. Lomp. wohl

habe, um dem'letztercn dic crkauften Tabake ohne
Gegenleisrung betrüglich zuzucignen, so daß in dem
Absckluß der Verträge seld't das Täusckungsmittel
gclegen sci. Die'Anklage folgerte wciter, daß Bern-
hcim, selbst wenn er nur Procurist gewescn, dte
vcrschicdenen Käufc im Einverständniß mit Mickacl
Block und zum Zwecke dcr gemcinschaftlicken Ver-
übung versckiedencr Betrügcreien abgescklvssen habe.
Der Angeklagte bestritt die behauptcte Eigenschaft
als Geselllchaftcr und will in aller Redlichkcit bci
seinen vcrschiedenrn Geschäften zu Werke gegangen
sein. An die Geschworcnen wurdcn nach Jnhalt der
Anklage zwci Kragcn gestellt, wclche die betrüglicke
Eingehung dcr einrelnen Kaufe in seiner Eigen-
sckaft alS Gescllschafter, over die nack vorherigrr
Verabredung mit Mickael Block als deffen Pro-
curist zum Gegenstande hattcn. Die Geschworcnen
bejabten die erltere Frage, worauf ber Angrklagtc
zu einer Zuchthausstrafe von 4 Iadren oder 2* */,
Iahren in Einzelhaft, so wie zur lebenSlänglichen
LandeSverwktsung verurtheilt wurde.

rcich werde die Feindseligkeiten nicht beginnen,
außer wenn es im Besitze HolsteinS gestört
würde.

Die unabhängige preußische Preffe spricht
sich täglich entschicdener gegen den Krieg auS.
Die „Spener. Ztg." sagt, wie wünschenswerth
eS auch für Preußen sei, die Herzogthümer zu
besitzen, so wäre doch der Preis cines Krieges
für sie zu theuer; lieber solle Preußen auf sie
verzichten und sie sich selbst zurückgeben. Die
„Köln. Ztg." spricht sich neuerdings Lhnlich
aus.

Mehrere deutsche Negierungen, auch nord-
deutsche, sollen bewaffnete Neutralität beschlos-
sen habcn, und die Kriegsbereitschaft in diesen
Staaten bevorstehen.

Nach der „Schles. Ztg." wäre in der That
zwischen Jtalien und Preußen ein Schutz- und
Trutzbündniß unterzeichnet worden. Die Nach-
richt ist jedoch noch immer nicht zuverlässig.

Deutschl.rnd.

c5 Aus Baden, 31. März. So viel
man hört, wird in der ersten Zeit der Wieder-
eröffnung der Kammern das erwartete voll-
standige Schulgesetz vorgelcgt wcrden. Die
Fortschrittspartei der 2. Kammer wird sich mög-
licherweise auf den Boden der Communalschu-
len stellen mit Trennung des Religionsunter-
richts vom übrigen Lehrplane: Jedenfalls i'oll
hiernach der Pfarrer allein den Religionsun-
terricht ertheilcn. Die Regierungsvorlage wird
nun (besonders Angesichts ' der bestehendcn
Missionsurklinden und der angebahnten Ver-
ständigung mit der Kurie) natürlich diese Zu-
geständnisse nicht enthalten, und eö wird sich
dann fragen, ob die Fortschrittsparlei ihrc.
Forderungcn als sörmliche Parteibesch lüsse bei
den Verhandlungen 'in der Kammcr geltend
macht. Diese Frage dürfte in sofern bclang-
reich werden, als sich der FortschrittSpartci, die
bks jetzt nur etwa 21 St'.mmen zählt, wahrschein-
lich noch Stimmen der Mittelpartei zugesellen
werden. Die Kammcr hatte zwar bei den
frühern Verhandlungen über daS Schulauf-
sichtsgesetz (iin I. 1863) die Communalschule
nicht zu ihrem Wunsche erhoben; allein seither
hat sich die Kuric nnd die mit ihr leider iden-
tische ultramontane Partei durch nichts wcniger
als kirchlicheS Betragen unter den Katholiken
selbst viele Feinde gemacht. Deshalb und durch
die schließliche Erfolglostgkeit dcr Casino-
Agitation, sowie der Umtriebe bei den Land-
tagS- und KreisversammlungSwahlen mag es
auch kommen, daß die Kurie sich jetzt einem
Ausgk'lche mit der Landcsgesetzgebung geneig-
tcr zcigl, als früher, obwohl dieö von clerika-
ler Scite natürlich nicht zugegeben wipd. —
Schliestlich ist übrigens aller Grund vorhanden,
anzunehmen, daß die Fortschrittspartci auf der
praklischen Durchführung der Communalschule
dermalen nicht bestehen, und die Stellung
des MinisteriumS Lamey hierdurch nicht er-
schweren wird.

Frankfurt, 31. März. Die Mehrzahl
der Bundesregierungen, auch Baden und Han-
nooer, beruft sich Preußen gegenüber auf Art.
I^ der Bundesakte.

München, 30. MLrz. Nach der „Bayer.
Ztg." hat Hr. v. d. Pfordten die preutzische
. Circulardepesche mit der Verweisung auf die
Artikel 11 und 19 der Bundesacte beantwortet:
Ein Bundesglied, welches ein anderes angreife,
sei als bundesbrüchig zu betrachten.

Berlin, 30. März. Graf v. Bismarck
hatte gestepn im auswärtigen Amt cine längere
Unterredung mit dem österreichischen Gesandtcn
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