Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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KreiSlierlüMgiolgsbllitt für den Kreis Hcidelberg und amtliches Berkündigungsblatt für die Aints- unö AmtS-
Gerichtsbezirke Heidelberg und Wicsloch unü dcn Amtsgerichtsbezirk Neckargemünd.

Ns- LS. Freitag. 23 Februar 18««.

* Politifche Umfchau.

Das Schreiben des Grafen Bismarck an den
Präsidenten Grabow — defsen Wortlaut wir
unter Berlin, 19. Febr., folgen lassen — hat
in den Krciscn der Abgeordnelen eine nicht
geringe Erregung hervorgerufen. Der Präsident
Grabow ließ dasselbe soforl drucken und ver-
theilen, damit die gcschäflliche Berathung. in der
nächsten Plenarsitzung amDonnerstag statlfinden
könne. Jn derselben Sitzung steht dieReichensper-
ger'sche Adresse auf der Tagesordnung, welche die
Referenten abzulehnen vorschlagen. Die Debatte
wiro in Folge jenes Schreibens eine andere,
lebhaftere Gestalt gewinnen.

Fünf Mitglieder der katholischen Fraction deS
preuß. Abgeordnetenhauscs veröffentlichen eine
Erklärung, daß sie bei der Abstimmung über
den Obertribuiralsbeschluß lediglich deßhalb nicht
sür den Hoverbeck'scheN Antrag gestimmt haben,
weil sie dem Verbesserungsantrag dcs Abg.
Kanngießer beizustimmen bereit waren. Die
Erklärung schließt mir den Worten: „daß unser
Nein zu den Referenten-Anträgen keineswegs
als eine Zustimmung, oder auch nur als eine
Annäherung an die von der ministeriellen Par-
tei entwickelten Anschauungen betrachtet wer-
den kann."

Das „Avenir national" macht die Franzosen,
welche etwa Neigung verspürcn könnten, sich
für den päpstlichen Militärdienst anwerben zu
lassen, darauf aufmerksam, daß in dem Heere
Sr. Heiligkeit die Stockprügel noch' eingcführt
sind, was doch schwerlich irgend einen Fran-
zosen locken dürfte. Das Pariser Blatt citirt
den Wortlaut des Paragraph 6 des zweiten
ArtikelS des Reglcments. Ziemlich komisch ist
darin die Art der Bezeichnung dcS Körpertheils,
dem die Strafe applicirt wird. Dic Stock-
streiche sollen beigebracht werden sulla evn-
8U6t3 piirte pvsterivre. Zwei Corporäle
haben abwechselnd auf den horizontal niedcrge-
legten Vcrbrccher zu schlagen. Die Stöcke
sollen von grünem Holze und von einem Durch-
messer wie der innere Durchmesser eines ge-
wöhnlichcn JnfantcrieflintenlaufeS sein. Die
Zahl der Streiche hat zwischcn 10 und 40 zu
betragen. — Das Pariser Blatt meint: Dic
Vetcranen aus dcr Krim und von Solferino
würden doch wohl kein besonderes Verlangen
nach dem „grünen Holze" der Priester ver-
spüren.

Eine Znsammenziehung russischer' Truppen
an der galizischen Grenze findet nicht statt. Die
Nachricht ist durch den Truppenwechsel inner-
halb Polens, wozu großentheils die Eisenbahn
benutzt wurde, entstanden (Vergl. dagegen
Neueste Nachrjchten Wicn, 21. Febr.)

Neuesten Berichten zufolge ist dcr Allianz-
vertrag zwischen Peru und Chili am 13. Zan.
in Lima verkündet worden. Dieser Vertrag
erklärt Spanien den Kricg und versügt die Jn-
lernirung der in dem Gebiete der beiden Re-
publiken sich aufhaltenden Spanier und die
Sequestrirung ihrer Güter. Die peruanische
Flotte ist nach Chile unter Segel gegangen,
um die Feindseligkeiten zu beginnen. Der spa-
nische Consul in Lima hat die Aufforderung
erhalten, Peru zu verlassen.

Deutfchland.

: Karlsruhe, 21. Febr. Dic in den
letzten Sitzungen der zweiten Kammer von der
großh. Ncgierung den Ständen vorgelegten Ge-
setzetzentwürfe sind von großer Wichtigkeit und
Tragwcite; dte für Abänderung der Gemeinde-
ordnung, für die Presse und das Vereinswcsen
stehen in Consequenz mit dem Ausbau deS
Nechtsstaatcs und bercits früher erlassener srei-
sinniger Gcsetze. Es dürfle daher von Jntercsse
sein, die Mitglieder der Commissionen zu be-
zeichnen, welche sich mit diesen Gesetzesentwür-
fen zu beschästigcn haben; es sind dies:
für den Gesetzentwurf, die Abände-
rung der Gemeindeordnung betr.:
Achcnbach, Eckhard, Fauler, Friedrich,Fröh-
lich, Grimm, Heidenreich, Krausmann,
Paravicini, Sachs, Tritscheller;
für daS Preß- und VereinS-Gesetz:
Behaghel, Huffschmitt. KnieS, Kusel, .Ob-
kircher, Pickford, Prestinari, v. Roggen-
bach;

für die Katastrirung der Gebäude:
Fingado, Friedrich, Krausmann, Kunz,
Kimmig, Muth, Tritscheller.

Dem Vcrnehmen nach soll die Commission
darüber einig sein, das Jnstitut der großen
Ansschüsse beizubehalten, dagegen sind über die
Frage, ob „offene" oder „geheime" Wahlen,
die Ansichten der Commissionsmitglieder ge-
theilt.

Karlsruhe, 20. Febr. Ueber die förm-
liche Constituirung der liberalen Partei der 2.
Kammer (deS linken Centrums) berichtet die

„B. L.-Z.": Wie wir hören, besteht das linke
Centrum jetzt auS 29 Mitgliedcrn, nämlich den
Abgeordneten: Achenbach, Allmang, Behaghel,
Buhl, Dietz, Fcderer, Fingado, Frick, Friderich,
Grimm, de Haan, Hauß, Heidenrcich, Henne,
Kieser, Kirsner, KrauSmann, Kuntz, Kusel,
Lenz, Muth, Obkircher, Pagenstecher, Paravi-
cini, Poppen, Sachs, Wahrer, Wenzler, Ziegler.

— Keiner der beidcn Kammersractionen haben
sich angeschlosscn: Haager, Lamey, Mathy, Pre-
stinari, v. Noggcnbach, Schaaff und v. Stock-
horn, welche wohl meist mit der liberalen Partei
stimmen werden, und andercr Seits: Fauler,
Fröhlich, Knies und Kimmig, die je nach den
einzelncn Fragen bald der einen, bald der an-
dern Fraction näher stehen dürften. Bittmann
wird wohl zur liberalen Partei gezählt werden
müssen. — Wir hören mit Freuden ein freund-
liches Verhältniß zwischen den beiden Gruppen
rühmen, daS sich auch bci den Commissionswah-
len und dem ganzen Gange der Bcrathungen
herausgestellt habe. Mögen die Erhaltung der
Eintracht unscres Volkes unb vermehrte-Bürg-
schaften des Gedeihens für unser glücklicheS
Staatswesen als Früchte des Landtazes von
1865—66 in dcn badischen Jahrbüchern zu ver-
zeichncn sein.

Berlin, 18. Febr. Die in der heutigen
von etwa 3000 Personen besuchten VolkSver-
sammlung angenommene Adrcffe — der wir
bereitS geftern kurz erwähnten — lautet: „Herr
Präsident! Dic heute in der Alhambra veriam-
melten prcußischen Männcr erblicken im Ein-
verständniß mit der Majorilät des Abgcordne-
tenhauseS in dem Beschlussc des Oberlribunals
I vom 29. Januar d. I. einen jähen Angriff auf
die durch daS Blut ihrer Brüder und den
Schwur deS Königs gehciligte Versassung. Wir
betrachten in dicsem tief verletzten Nechtc der
Abgeordneten unser eigenes Recht für verletzt,
und sind entschlosscn, die Vertretcr des VolkeS
in Lem bevorstehendcn Rcchtskampsc und in den
ihncn bei Erfüllung ihrer Pflicht angedrohten
Gefahren männlich zu vcrtheidigen." Dr. Frän-
kel als Reserent erklärte, auf den Schlußsatz
der Adresse sei daS Hauptgewicht zu legen. Wer
dafür stimme, vcrpflichte sich mit seinemMan-
neswort, die Vertreter dcs Volkes nicht zu ver-
lassen, wenn ihnen im Kampfe sür dcs Volkes
Sache Gefahreu persönlicher Natür erwachsen.

— Darauf wurde die Debalte über die Adresse
eröffnet, und das Wort erhielt Feldwcbel Wicse,

-s* Ernfi MorLtz Arndt.

Vortrag von Herrn Äirchenrath I)r. Schenkel.

(Fortsetzung.)

wirken, handeln mußte. Er wollte die Welt kennen
lernen von Angesicht ru Angesickt, Menschen und
Dinge, Lander und Völker wollte er sehen, nickt
etwa so, wie ein leicktfertigcr Tourist, wollte er
die Dinge obenhin beleckrn, oder da und dort in
eine vornehme Gesellschaft, in einen Salon sich
einführen laffen, nein, in das Volk hinein hat er
stcb gestellt, und da hat er eine Erfahrung gemacht,
die Keinem entgeht, der bis in die untersten Schich-
ten drm Volke nahe gctreten ist, — er hat daS
Volk lieben, ehren und achten gelernt, und daraus
erklärt sich mir viel für fein ganzes fpäteres Leben.

Ein neuer Mensch und doch ein stiller einfacher
Mcnsch, so war er nach Schwedisch-Pommern zu-
rückgrkehrt. Dreißig Jayrc alt, hatte er noch kei-
nen Beruf. Er dachte, so erzählt er selbst naiv,
es wäre nicht übel, wcnn er Profrssor würde, und
er durfte so drnken, denn die Geliebtc seines Her-

Greifswaldc, und die kleine Univerfität mit ihrcn
60 Studenten — 2 oder 3 mehr als Professoren —
war damals eine VersorgungSanstalt für Söhne,
Schwiegrrsöhne und Töchter der Profefforen.

Arndhwurde Privatdocent mit der Aussicht, Ad-
junkt ver philos. Facultät zu werden. Er las über
Phtlologie und namentlich Geschjchte; nachdem er.

gedruckte Abhandlung von ihm zn sehen, und so
schrieb er eine Dissrrtation „über die Freiheit der
alten Republikcn", von der drm Redner nichts be-
kannt ist, als das sehr bezcichnende Motto: „Wem
jemalS Furcht die Zunge lähmt, der dünkt der
Scklimmstc mir von AUen".

Die Schrift machte kcinen Eindruck. Aber zwei
Jahre später trat rr mit einer andern Schrift hcr-
vor, wrlche die crste bedeutende That seines Lebens
genannt werden muß. Sie behandelte die Lage
dcr armen Leibeigenen in Schwedisch-
Pommern, deren Sckicksal ihm wie Blei auf der
Seele lag. Denn er vergaß nicht, wie manchrr
Gmporkömmling, woher er stammte, er vergaß

nicht, daß sein Vater ein leibeigener Schäfer gc-
wesen war. Er durchforschte die Archive, fand alte
Urkunden und entdeckte in dicsen, daß das Schick-

tem nicht ein so geplagtcs gewesen sci, als nachher.
Er eutdcckte, daß vor dem 30jährigen Krirg in den
Fcldgerichtcn der Bauer mit dein Edclmann zu-
sammensaß, daß gar ost.bäuerliche Familicn mit
adcligen in Ehebündniß träten, daß erst mit dem
unseligcn«30jährigen Kriege dic sclavische Leibeigen-
schaft der Dauern im späteren Stil fich ausgebildet
hatte. Arndt konnte nachwcisen, daß damals ganze
Dörfer auf einmal leibeigen gemacht wurden; das
dauerte so fort, und er selbst hatte noch erlebt,
«ie freie Bauern durch Edelleute aus.ihren Ge-
höften vertrieben, wic solchc, die sclbst Knechte und
Mägde gehalten hatten, zu Knechtcn und Mägden
gemacht worden waren. Mehrere Bauernaufstände
waren schnell durch Soldaten crstickt worden, aber
in der ländlichen Bevölkefung lebte daS Gefühl,
daß rin schweres Unrecht auf ihr laste, und die-
sem Gefühl hat Arndt in seiner höchst bedeutendcn
Sckrift: Geschich(e der Leibeigenschaft in Schwedisch-
Pommern, den ersten tapfern Ausdruck gegeben.
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