Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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I8K6


Lonntag, LS April


' Politische Umschau,

Heidelberg, 14. April.

Die „Norddeutsche Allgemeine Ztg." vom
13. April vernimmt, daß berelts mehrerc
deutsche Negierungen, namentlich die von Bayern,
Baden und Sachsen - Weimar, sich mündlich
über den preußischen Bundesreformantrag bei-
fallig geäutzert haben.

Jn dcr im „DreSdner Joürnal" veröffent»
lichten Antwort iDachsens auf die preußische
Cirkulardepesche vom 24. Marz heißt eS:
Preußen möge sich an den Bund wenden, dorl
werde Sachsen den Bundesgesetzen gemäß da-
sür stimmen und darnach handeln, daß dem
Angreifenden entgegengetreten werde. Dietz sei
SachsenS Antwort auf die Frage nach seiner
Haitung, falls Oesterreich angriffe: Die zweite
Frage, waS Prenßen von Sachsen zu erwarten
habe, wenn Preutzen zum Kriege genöthigt
werde, halte Sachsen. priucipiell nach den
Bundesbestimmungen für unmöglich. Da aber
diese Frage einmal gestellt sei, so betrachte die
sächfijche Regierung dieselbe als eine solche,
welche von einer einzelnen Negierung, dem
Bunde vorgreifend, gar nicht entschieden und
beantwortct werden dürfe. (Vcrgl. DreSden,
12. April.)

Neuesten Nachrichten zufolge soll cin cigen-
händigeS Schreiben deS Kaisers Franz Joseph
in die Hände deS Königs Wilhelm in den letz-
ten Tagen gelangt sein. Dasselbe soll in wahr-
hafk rührender Weise an daS Herz und die
Gesinnungen des preußischen Souveräns appel-
liren, um AlleS zu beseitigen, was sich der
Wiederaufnahme friedlicher Unterhandlungen
zwischen den deutschen Großmächlen hindernd
dermalen in den Wcg stellt. Dieses kaiserliche
Handschreiben ist auf außerordentlichem Wege
in die Hände des Königs von Preußen ge-
langt, und zwar von Weimar aus durch die
Königin Augusta, welcher der kaiserliche Ge-
sandte am Dresdeuer Hofe, Baron Werner,
das kaiserliche Autograph zur Vermittlung an
ihren köuiglichen Gemahl überreicht hat.

Die „Bayerische Ztg." erklärt die ZeitungS»
gerüchte, denen zufolge zwischen Preußen und
Bayern bezüglich der preußischen Reformvor-
schläge bereits ernc Verständigung erfolgt sei,
für grnndloS. Die bayerische Regierung kenne
diese Vorschläge ebensowenig wie andere Bnn-

Die Arbeit Lcr Alädchen.

(Schluß.)

Der Berliner Derein stellt die Möglickkelt der
Erwcrbsfähigkeit für Frauen auf folgrnden Ge-
bieten auf:

^t. Auf dem Grbiet der Wiffenstbaft: in der^Me-

II. Auf dem Gebi't der Kunst: in der Malerei,
Bildhauerei, Anfertigung von Modellen, Kupfer-
stechen, Lithographiren, Holzschnitzrrei, IUumina-
tion von Karten und Bildern, Musterzeichnen.

III. Auf dem trchnischen Gebiet: in der Anfer-
tigung von chemiscken und mikroSkopischen Prä-
paraten, wie von optischen Gegenständrn; im Te-
tegraphtren, Postdienst, Vrrkauf von Eisrnbahn-
Billrts. Jn Sachsen und Oestrrreich ist den Frauen
für diese Beschäftigungen der Eintritt in den Staats-
dienst gestattet; in Württemberg ebenfalls, nach
riner Ministerialverfügung vom 21. Fcbr. d. I.

IV. Auf dem Gebiet deS HandelS: in der Buch-
balterei, Kassrnführung, im Waarenverkauf, in
Buchhandlungen und Leihbibliotheken.

V. Auf dem Gebirt der Handwcrke: in drr Schuh-
macherei, Schneiderei, dem Buchdrucken, Buchbinden,
der Anfertigung von Uhren und ihren Bestankthri-
len, in leichtrn Goldarbeiten, im Lackircn u. dergl.

Dieser Auffaffung gemäß hat -er Veretn fich dte

desregierungen, sei jedoch bereit, in eine Prü-
fung der von Preußen zu machenden Neform-
vorschläge einzutreten.

Nach der „B.romb. Ztg." nehmen Rußlands
Nüstungen, obgleich sie so geheim wie möglich
gehalten werden, läglich größere Dimensionen
an. Daß Nußland mit Preußen gemeinschafl-
liche Sache gegen Oesterreich machen wird, gilt
als ausgemacht; man hofft jedoch gleichwohl
noch immer auf die Erhallung des Friedens.
Dse rujsischen Sotoaten selbst sind ebenfaüs
von einem Bünvnissc mit Preußen üvcrzeugt
uno sehen dem Augcnblicke der Enljcheivung,
vb Krieg over Frieven, mit Ungeduld entgegeu.
Wahrscheinlicher ist jevoch, daß Nußlaud im
Falle eineö Krieges zwischen ven beiven deut-
schen Großmächten eine Bewegung der Polen
zu Gunsten Oesterreichs befürchtet und in der
Voraussicht derselben die nöthigen militärischen
Vorkehrungen trifft.

Ueber den neuesten, und wie man glaubt,
letzten Versuch. deS Grafen Bismarck spricht
sich der „Temps" in solgender lreffender Weije
aus: „Bismarck, heißt es, ist weder im Jn-^
noch im Auölande, weder in Europa noch in
Deutschland, noch in Pceußen populär und
spielt die Rolle eines Störensrieb. Niemand
fühlt sich von ihm angezogen, Jedermann aber
beunruhigt; er hat überall die öffentliche Mei-
nung wiver sich uud hal eS nicht verstanden,
mit der Freiheit, jener Kraft, durch die Cavour
triumphirte, in gutcm Einvernehmen zu stehen.
Welche Theilnahmc sollen deun selbst in Preu-
ßen seine cynischen Plane in Bezug aus die
Herzogthümer hervorrufen, und welcheu Erfolg
kann er sich wohl von dem revolutionären An-
trag versprechen, dcn er beim deutschen Bunde
kürzlich eingebracht hat? Er weiß es im Vor-
aus, daß die Negierungen diesem Antrag nicht
beitreteu werden, und daß die Bevölkerungen,
die er gegen sie aufzubringen hofft, ihm sür
ewig enlsremdet sind. Der Lrtreich HLtte ihm
gelingen könuen, wenn er ihn damals versucht
hätte, als er zur Macht gelangte. Heute kennt
man Herrn v. Bismarck zu gut. Alle Kräfte,
über welche er verfügen kann, reduciren sich
genau auf die preußijche Armee; dies ist Et-
was, aber es ist nicht genug für so weitgrei-
fende Phantasien. Biömarck-bietet ganz Deutsch-
land daS allgemeine Stimmrecht an, so be-
ginne er doch damit, den Herzogthümecn das
Wort zu ertheilen!"

Aufgabe gestellt, „die Erwrrbsfähigkeit drS wetb-
licken Gcschlechts zu fördrrn", und will nach seinen
darauf brzüglichcn Statuten zunächst Folgendes inS
Auge faffrn:

1) Brseitigung der der Erwerbsfähigkeit der
Frauen rntgrgenstrhenden Vorurthrtle und Htn-
dernlsse.

2) Beförbrrung von Lehranstalten zur Heran-
bildung derselben für einen gewerblichen oder com-
merciellen Beruf.

3) Nachwcts von gewerblichen Lerngelegenheiten
und Vermittlung der Beziehungen zwischen Arbeit-
gebern und Arbeitnehmern, soweit nicht schon durch
bestehende Anstalten berrits zur Genüge dafür gr-
sorgt ist.

4) Begründung von Verkaufs- und AuSsteüungS-
wcalen für weibliche Hanoarbeiten und künstlerische

5) Schutz selbstständig bkschäftigterPersonen weib-
ltchen Gcschtechtö gegen Bruachtheiligung tn fittlicher
ober wirthschaftltcher Beziehung, vorzugsweise durch
Nachweisung geeignrter Gelegenheiten für Wohnung
und BeköstigUng. Für dic praktische Erfüllung der
auSgrsprochenen Ansichten hat bis jetzt noch nichts
geschehen können; wohl aber hat man dürch ein-
gehende Berathungen, durch sorgfältige Erwägung
der Ziele und Mittel, durch Derbindungen init
sachverständigen Persönlichkeiten, durch geeignete An-
regung nach allen Seitrn hin schon tüchttg vor-
gearbettet.

Die Berliner FondSbörse war durch daS ten«
dcnziöse Gerücht, daß der König die Petition
der Kausmannschaft nicht angenommen, ver»
stimmt.

Die „Nordd. Allg. Ztg." bezeichnet daS Ver-
fahren gegen den Grasen Waldersee als ein so
unerhörtes, daß man mit Recht von der öster-
reichischen Negierung entsprechende Genug-
thuung verlangen müfse und erwarten dürfe.

Deutschland.

Karlsruhe, 13. April. Nach einer im
Laus des Vormittags eingetroffenen telegraphi-
schen Nachricht ist Jhre Kaiserliche Hoheit die
Großfürstin Michael von Nußland, geb. Prin-
zessin von Baden, heute früh 4 Uhr in Tiflis
von einem Prinzen glücklich entbunden worden.

(K- Z )

^-j-* Karlsruhe, 13. April. (22. öffentliche
Sitzung der zweiten Kammer.)

Die zweite Kammer hat in heutiger Sitzung
den Gesetzes-Entwurf über die neue Katastrirung
der Gebäude zu Ende berathen. Den eigent-
lichen Kernpnnkt des wichtigen GesctzeS bildet
der Art. 9, der nach dem Vorschlag der Com-
mission lautett „Das Steuerkapital eineS jeden
Geländes beruht aus dem Kapital des Rciner-
trags, wie sich dasselbe im mittleren Kauf»
werth der Gebäude des Steuerdistricts aus
den Perioden von 1853 bis mit 1862 zu er-
kennen gibt und nach Vorschrift der Bestim-
mungen des Gesetzes dargestellt wird."

An diesen Artikel knüpft sich eine längere
Discussion, an der eine große Zahl von Ab-
geordneten Theil nehmen, indem Knies vor-
schlägt, nicht den Kaufwerth, sondern den Mieth-
werth oder Nutzwerth eines Hauses znr Grund-
lage der Einschätzung zu machen. Von Seiten
der Regierung und dem größern Theil der Red-
ner wird indeß geltenv gemacht, daß nicht der
veränderliche Miethzins, sondern nur der auS
Verglcichung während einer längern Periode
gewonnene mittlere Kaufwerth einen sichern
und gerechten Anhaltspunkt für die Schätzung
des eigentlichen Werths eineS Wohnhauses an
die Hand gebe

Moll beantragt, daß die ursprüngliche Fassung
des Regierungsenlwurfcs, nach welcher die
Periode von 1855 biö mit 1864 als Normativ
sür die Abschätzung angenommen war, wieder
hergestellt werde. Auch dieser Antrag sindet
wenig Unterstützung, da mit Necht dagegen

Pnvaturiternebmungrn entgegen. Schon vor l»rt
Iahrrn tst tn Leipzig unter Direction deS Doctor
Ftrbig einr Lrhranstalt für erwachsene Löcktrr zur
AuSbilbung für das praktische Leben im kausman-
nischen und gewerbltchrn Geschäftsbetrieb gegründet.

Die Anstalr hat großen Zuspruch, besonvers junge

greigncte Bildung erworben und sind sehr bald alS
tüchtige und zuverläsfige Arbriterinnen gesucht und
gut honorirt worven. Ju Berlin find im Anfang
dieses Iahres zwei Lhnliche Anftalten inS Lcben
rtreten, die etne „Neue Königsstraße Nr. 14" unter
eitung deS Hrn. Lehrers Lohff; die anderr „Ritter-
straße Nr. 41" unter Leitung der HH. Lehmann
und Meyer. — ES ist nur zu wünschen, daß auch
dte andern Branchen weiblicker Lhätigkeit durch
geeignet^Anstalten zur Ausbildung bald zugäng-
lich gemacht werden; denn das Recht der Arbeit
wird nicht mehr bestritten werden, wenn die Tüch-
tigkeit dazu vorhanden ist. — Die Ausführung
wird auch hierin entweder Privatuntrrnehmung stin,

men, und wenn auf dem letzteren änfänglich mit
Schwierigkeiten zu kämpfen ist, so wird doch auch
für eine bedrutendere Entwicklung etn. bretterer und
ficherer Boden gewonnen.
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