Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Prcutzeu) kommt der starke Ruf eiues Mcur-
nes, der ganz gewiß den deutschen Staat schaf-
ftn oder die Zahl der souveränen Fürsten
(vielleicht auch Großherzog.Friedrich von Ba-
dcn, edle BiSmarckerin? —) vermindern wird,
wenn ihn blinder Eifer am Leben läßt." —
Ein Blatt, welches heute das Recht, morgen
die Gewalt vcrtheidigt, gehört mit der preußi-
schen Kriegspartei „unter die Füße."

Karlsruhe, 1. Juni. (45. öffentl. Siz»
zung der zweiten Kammer.)

Die Tagesordnung führt zur Berathung des
Berichts des Abg. Haager über dcn Gesetz-
entwurf, die Einführung der Einzelhaft in den
Weiberstrafanstalten betr. An der kurzen allge-
meinen Besprechung nahmen nur die Abgg.
Roßhirt und Haager und Minister Dr.
Stabel Theil.

Art. 2 erhält nach dem Commissionsantrag
folgenden Zusatz: „Die Beschäftigung in Ge-
meinschaft findet jedoch nur daun statt, wenn
die Gefangenc wenigstenS 1 Jahh Einzelhaft
erstanden hat und die Fortdauer der völligen
Absonderung nicht besonders verlangt."

Kusel hätte gewünscht daß die Commission
den Antrag gestellt hätte, daß bei Straferstchung
in Eiuzelhaft die erkannten Slrafschärfungen
(Hungerkost und Dunkelarrest) bei Franen nicht
vollzogen werden dürfen.

Minister Dr. Stabel: Die Rcgicrung an-
erkenne auch eiue Nothwendigkeit der Gesetzes-
abänderung in dieser Beziehung und die Ge-
richte seicn auch bereits viel sparsamer in Er-
kennung von Schärfungen, als früher. Aber
im Gesetzbuche diese geradezu zu streichen, wäre
wohl nicht gut, denn es wäre eine Ungerechtig-
keit gegen die Männer und die bereits erkann-
ten Strafen müßten erhöht werden, weil diefe
mit Berücksichtigung der Schärfungen abgekürzt
worden seien.

Roßhirt: Lctzteres kommc nur bei der
Forstfrevelstrafe vor.

Haager: Die Commission habe bedauert,
den Strich der Schärfungen uicht beantragcn
zu können: aber aus schon angeführten Grün-
den sei das nicht möglich gewesen. Nachdem
uoch Geh. Rath Dr. Junghanns und die
Abgg. Moll, Roßhirt und Haager übcr
dcn Zusatz zu § 2 im Verhältniß zu § 13 gc-
sprochen hatten, erhält Art. 2 die Genehmigung.
Art. 1, 3, 4 und 5 werden ohne Besprechung
in namcntlichcr Abstimmung cinstimmig ange-
nommen. Ueber folgende Petitionen wird zur
Tagesordnung übergegangen: Bittc der Stadt
Stühlingen um Wiederverleihung eines Bezirks-
amtssitzes; Bitte der Gemeinde Obrigheim um
eine Eisenbahnhalteftelle; Bittgesuche von Go-
meinden um Abänderuug des Gesetzcs vom 4.
October 1862, die Erleichterung des Verehe-
lichungsrechts bclr. Die Bitte mehrerer Kamin-°
feger um Ablöfung des Heidelberger Kaminfe-
gereierbbcstandes wird empfehleud an großh.
Staatsministcrium überwiesen.

Fingado berichtet über die Bitte der Ge-
meinde Achern um Abäuderung dcs § 5 des
Zehntablösungsgesetzes bezüglich der Verwaltung
der Zehntablösungskapitalien. Antrag: Ueber-
gang zur Tagesordnung, ebcnso über die Bitte
aus Kappel.

Richter will keinen Gegenantrag stellen,
verlangt aber von dem Präsidcntdn des Mini-
steriumS des Jnnern Aufschluß über die Ver-
bindlichkeit der Pfarrei Kappel.

Staatsrath Dr. Lamcy bestätigt diese, wahrt
aber den Grundsatz, daß eine fünfprocentige
Verzinsung. der Zebntablösungskapitalien kein
)U8 c;u368itum der Kirche sei und auch die Halt-
barkeit r>er Anlage dieser Kapitalien bei den
politischen Gemeindcn für die Dauer nicht mehr
möglich sein werde. Die Regierung wcrde dieses
Verhältniß im Wege der Gesetzgebung so bald
thunlich ordnen.

Sachs, unterstützt von v. Feder, Paravicini
und Kiefer. stellt den Antrag auf empfehlende
Ueberweisung an großh. Staatsministerium.

Allmang hätte gewünscht. daß die Verwal-
tung glcich bei Ablösung der Zehnten schon an
die Kirche übergegangen wäre, und stimmt mit
der Ansicht der Regierung überein.

Der Sachs'sche Antrag wurde angenommen.
Schluß.

Karlsruhe, 31. Mai. Die Ver-
handlungen am 28. Mai in dcr zweiten Kam-

mer haben den Nachweiö gelicfert, auf welch
schwachen Füßen die großpreußiiche Parteirich-
tung in Wirklichkeit bei unS steht. Nicht ein
Redner hat sie in Schutz genommen. nur
schüchtcrn und versteckt ist dicselbe zum Vor-
schein gekommen. Welche verzweifelte Ma-
növres abcr von jener Seite noch in letzter Zeit
versucht wurden, wollen wirzurCharakterisirung
nureinigeThatsachen anführcn. Zwei Tage vor
der erwähnten Kammersitzung sandte das ba-
dische Organ der Bismarckischen Politik die
Nachricht in bestimmteftcn Form in die Welt
hinaus. die Commission der Kammer habe die
Militärforderung oer Regiernng abgelchnt,
d. i. dic Commission rathe dcr Kammer, das
Großherzogthum Badcn vorläufig selbst zur
Ruhe zu setzen. Uebrigens ist die Landeszei-
tung in soweit zu entschuidigcn, als in der
Ahat die geschraubte und verworrene Molivi-
rung des Berichts, den sie von ihrcn Anhän-
gcrn erfahren, nur ein Ablchnen, nicht aber
eine Genchmigung der Regierungsforderung
voraus sehen ließ. Dieser Sinn des BerichteS
wurde auch sonst durch die Agcnten der Partei
sofort in die Welt hinausposaunt.^ Der
Schwäbis che M crkur, der häufig zu aller-
lei Parteizwecken von badischen Correspondenten
mißbraucht und irre gelcitet wird, brachte näm-
lich noch am Tage vor der Kammersitzung aus
Karlsruhe das Telcgramm: Die Commission
beantragc zwar die Militärforderung, jedoch
nur untcr der Bedingung der strictcsten Neu-
tralität." — Solche Manövres kennzeichnen
sattsam die Mittel jener Partci. Wir fragen,
ob es nicht in jeder Weise' zu verdammen,
wcnn Beschlüsse nnd Anträge c>er Negierung,
wclche der Natur der Sache nach geheim blei-
ben sollten, und bei den Ständen auch in ge-
beimer Sitzung verhandelt wurden, schon am
Abend vorhcr im Schwäbischcn Merkur zu
lesen waren, wic neulich der Plan, weitereS
Papiergeld auszugeben u. s. w. Diescm Miß-
brauch sollte gründlich gcstcuert werden.

Darrnstadt, 1. Juni. Da voranssichtlich
die früher beabsichtigte Koncentrirung des 8.
Armeecorps, mindestens in der nachsten Zeit,
nicht stattfinden wird, so ist gutem Vernehmen
nach eine dreiwöchentliche Beurlaubung des
größeren Theils der einberufenen Truppen ver-
fügt worden.

ZNünchen, 2. Zuni. Es ist eine außer-
ordentliche Hecresergänzung mit 18,610 Con-
scribirten aus den Altersklassen von 1843 und
1844 angeordnet.. Die Aushebung bcginnt am
18. Juni und soll am 2 Juli beendigpsein.

Müncden, 2. Juni. Frhr. v. d. Pfordten
wird am nächsten Mittwoch zum Kongreß nach
Paris abreisen. Der Gesandte Ocsterreichs am
hiesigen Hofe, Graf Blome, ist plötzlich nach
Wien berufen und heute dahin abgereist.

Dresden, 2. Juni, Mittags. Der Groß-
Kerzog von Baden ist hier eingetroffen und
zum Könige nacb Pillnitz abgereist.

Berlin, 1. Juni. Die Mobilmachung
der preußischen Armee ist nach den „militari-
schen Blättern" als beendet zu betrachten. Jn
wenigen Tagen wird die Aufstellung der Feld-
armee — die größte, welche Preußen bis jetzt
besaß — volleudet sein. Sie besteht aus 452^/z
Bataillonen Jnfanterie (zu 1000 Mann), 321
Schwadronen Kavallerie (zu 200 Mann),. 1086
Feldgeschützen, 72 Festungsartilleriekompagnten,
9 Pionierbataillonen, sowie dem Stabs- und
Sanitätspersonal. Die Gesammt-Stärke der
Armee wird von den „militär. Blättern" auf
695,026 Mann geschätzt.

Berlin, 2. Juni. Die „Nordd. Allg. Ztg."
sagt: Die österreichische Erklärung über die
Einbcrufung der holfteinischen Stände scheint
geradezu eine Provokation des Krieges zu sein
und die Einberufung zu dcm ansgcsprochenen
Zwecke, das Unterthanenverhältniß zu lösen, in
welchem Holstein nach dcm Wortlaute der Ver-
träge zu Preußen steht, scheint cin eklatanter
Vertragsbrnch, cin Angriff auf dic prcußischen
Souveränitätsrechtc zu sein, dem Preußen noth-
gedrungen entgegentreten müßte. Wir wünschen
und hoffen, daß Ocsterreich der angekündigten
Maßregel keinc Folge gebcn wird.

Berlin, 2. Juni, Nachm. Dem Vernehmen
nach wird der Finanzminister v. Bodclschwingh
wegcn angegriffener Gesundheit aus dem Mini-
stexium schciden.

Derlr'n, 2. Juni. Als Bodcischwingh's
Nachfolger wird v. d. Heydt genannt, der für
den Krieg ist. Competente Personcn halten den
Krieg'für unvermeidlich.

Hunnover, 2. Juni. Jn der heutigen
Sitzung der Adelskammer brachte Schatzrath
Rössing einen Urantrag auf Erlaß ciner Adreffe
an den König cin, worin die Zustimmung der
Stände zu der bisherigen Politik Hannovers
in Beziehung auf den Bundestag, sowie der
Wunsch ansgedrückt werden sollc, daß Hannover
die Erhaltung deS Friedens erstreben, eventuell
mit den Bundesgenossen dem Friedensbrecher
entgegentreten möge. ZurSichcruugderdeutschen
Bundesverfaffung wird die Realisirung des
Delegirtcnprojekts empfohlen.

Hamburg, 2. Juni. Nach den „Hamb.
Nachr." hal Preußen in Schleswig eine Trup-
penaufstellung längs der holsteinischen Gränze
angeordnel. Das KriegSfuhrwesen ist in Schles-
wig vollständig geordnet.

Hamburg, 2. Jüni, Vormittags. Nach
einem Londoner Telegramm der „Börseuhalle"
hat die dortige Firma Welb suspendirt.

Wien. 31. Mai. Nunmehr ist endgültig
die Ernennung der Armeekorps-Kommandanten
für die beiden Armeen erfolgt. Es wurden
ernannt für die Südarmee unter dem Ober-
kommando des Erzherzogs Albrecht: lll. Korps
Erzherzog Ernst; V. Korps Gen. der Cavallerie
Fürst Friedrich Liechtenstein; Vll. Korps F.M.L.
Baron Maroicic; IX. Korps F.M.L. Baron
Hartung. — Für die Nordarmee unter dem
Oberkommando des Feldzeugmeisters v. Bene-
dek: I.Korps Gen. d. Cav.Graf Clam-Gallas;
ll. Korps F.M.L. Graf Thun; IV. Korps
F.M.L. Graf Festetits; VI. Korps F.M.L. Ba-
ron Ramming; VHI. Korps Erzherzog Leopold;
X. Korps F.M.L. Graf Huyn.

Wien, 1. Juni. Graf Mensdorff reist
Montag in Begleitung der Hofräthe Aldeuburg,
Biegeleben und des Sekretärs Wcrner nach
Paris; der Kongreß soll am 9. Juni beginnen;
Oeslerreich und Preußen verlangen Einhaltung
der Verträge.

Triest, 1. Juni. Dic beutige Levantepost
bringt folgende Nachrichten: Athen, 26. Mai.
Bulgaris ist in Thessalonika eingekerkert. Die
Reise des Königs nach Corfu ist suspendirt.
Jn Smyrna und Gallipoli wurdcn griechische
Emissäre verhaftet. Consta ntin opel, 26.
Mai. Der Kriegsminister Abdul Kerim Pascha
ist von der Donau zurückgekehrt. Es wurden
Ernennungen sür hohe Militärposten vorge-
nommen. Die egyptischc Succcssionsfrage ist
insofern geregelt, als die Pforte die Zustimmung
der europäischen Machte erlangen will.

Oefterrerchische Morrarchie«

Monlua, 28. Mai. Während die deut-
schen.Blätter, sowohl die österreichischen als
preußischen, die Moglichkeit der Friedenserhal-
tung und die Congreßconjuncturen erörtern,
muß hier jeder nur halbwegs unbefangene
Beobachter erkennen, daß derKampf unver-
meidlich und unmittelbar bevorstehend ist.
Die revolutionären Elemeute „hüben und drü-
ben" sind vollständig entfeffelt und kaum mehr
zu halten. Anch herrscht hier die allgemeine
Ansicht, daß es hier früher „losgehen" wird,
als im Norden, und zwar soll eine allgemeine
Erhebung innerhälb des Festungsvierecks und
in Venedig selbst die Ouverture zum blutigen
Drama bilden. Die Festungen sind für drei
Vkonate verproviantirt, die Beamten' erhielten
einen Gehaltsvorschuß, um auch ihre Bedürf-
nisse für drei Monate decken zu können. Die
Mittellosen werden ausgewiesen.

A u s l a n d

Paris, 30. Mai. Gestern Abend fand in
der Werkstätte des kaiserl. Feuerwerks Aubin
zu Belleville (Paris) eine furchtbare Explo-
sion statt. Bereits wurden 21 Leichen ver-
kohlt aus dem Schutt hervorgezogen; 8 Per-
sonen wurden schwer verwundet nach den Spi-
tälern gebracht. Man arbeitet noch an Weg-
räumen des Schutts. Der Kaiser schickte heute
5000 Fr. sür die Hinterlassenen.

Paris, 1. Juni. Lord Granville ist hier
eingetroffen. — Die Königin Victoria soll an
dic Kaiserin Eugenie ein Schreiben gerichtet
haben, worin sie diese bittet, ihren ganzen Ein-
fluß mit dem ihrigen zur Erhaltung des Frie-
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