Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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und schwierigc, und wir werden auch viellcicht
Opfer bringen müsscn; aber unserc Unabhän-
gigkeit und dic Ehre dsr Nation mnß grwahrt
bleibcn."

Dic Bank von England hat den Disconto
auf 8 pCt., die französische Bank von 4 auf
5 pCt. erhöht.

Mit dem 1. Jannar ist im Königreich
Ztalien daS Jnstilut der Civilche in Kraft
getreten und wird dadurch der CleruS wieder-
um eineS seiner ausgicbigsten Einflußmittel be-
raubt.

Der „Corriere italiano" versichcrt, der neue
Juftizminister Defalco werde den Gesetzentwurf
feineS VorgängerS über Nnfhcbung dcr reli-
giösen Genossenschaften dem italienischen Par-
lamente vorlegen.

Die Madrider „Correspondencia" sagl, dir
Regierung kennc die revolutionären Entwürfe
und Diejenigen, die sie lciteten. Man müsse
die Langmüthigkeit der Regierung nicht als
Schmäche deutcn, sondern alS BcweiS der Sicher-
heit, in melcher sich diefelbe befinde, auf alle
Fälle den Sicg davon zu tragen.

Deutschlrrnd.

X Vvn -er Schlückt, 30. Dcc. Daß

wir glücklich in unserer Abgeordnetcn-Wahl
waren, beweist das lebhafte Jntcrcsse, melcheS
Hr. Tritscheller an dcn Tag legt. Er be-
reiste dieser Tage seinen Wahlbezirk und nahm
mit den Wahlmänncrn und sonstigen hervor-
ragenden Personen Nücksprache. Ueberall er-
kundigtr er sich mit warmem Eifer nach den
Wünschen der Bevölkerung und zeigte ein tie-
fes Verständniß für ihre Bedürfnisse. Der
Bezirk hat einen fühlbaren Mangel an Ver-
kehrsmegen und die vorhandenen, die über Berg-
und Hügelland, statt vernünftigermeise der Thal-
sohle nach hinlauien, sind ungcnügend, theil-
weise sehr schlecht. Dahcr überall ein drän-
gendes Verlangen nach ncuen guten Straßen,
wie solche schon lange auf Kostcn deS Staates
in andeim Gegenden des LandeS erbaut sind.
In erster R.eihe steht die Straße durch das
Steinachthal. DieseS ziemlich ausgedehnte Thal,
daS einc Bevölkerung von etwa 5000'Seelen
bewohnt, ist mit vielfachen Erzcugnisscn, be-
sonderS mit Holz, rcichlich gesegnet. Der Neu-
bau dieser Straße würde seine Bevölkerung
auf dem kürzcsten und bequemsten Wege mit
der Eisenbahn, also mit dem Weltverkchr in
Verbindung bringcn. Die Befürwvrtnng ciner
Petition wegcn 'dieser Straße wurde Herrn
Tritscheller wa5m ans Herz gelegt.

Vom südlichen Schwarzwakde,
7. Jan. Scit einigen Sonntagen hatte bci
uns der Klerus eine besonvere Arbeit auf der
^anzel. Sie bestand im Anprcisen der „gu-
ten" Tagesblättcr und Kalender. Der „Lahrer
Hinkende" erhielt als „Tcufelsblatt" keine Lo-
besspende und wurde dessen Anschaffung geradezu
kirchlich verboten. Der Mannheimer Anzeiger,
die Heidelberger Zcitung, Landeszeitung, der
Oberrhcinische Couricr und Albbote wurden
als „religionsgefährlich" bezcichnet; nur dem
Karlsruher Beobachter, dem Säckinger Trom-
peter wurde besonderes Lob gespcndet, weil diese

als Wardb, durck das Geräusck aufmrrkfam ge-
macht, mit dcm Revolver in der Hand die Thüre
öffnend ersckien. Er erkannte dte Gefahr, schoß
den ihm Näcksten nieder, schlug die Thüre zu und
sckob dcn Riegrl vor. Die Pokicisten stürzten an
die Thüre und wollten fie mit Kolbenstößen durch-
brcchen, dock vergebens. Im Zimmer hörte man
ein Grräusck wie das Aufziehen rtnes grohen Uhr-
werkeS, dänn einrn fürchtrrltcken Scklag: zuletzt
war Ruhe. Brile wurden geholt, daS Zimmer er-

fpäter herausstellte, war er durch den Eamin ent-
kömmen. Im Zimmer fanden sich verschiedene An-
züge, Briefe, Geld und ein kletner schwerer Koffer
mit Mesfingbeschiägkn. Während dic Policisten daS
Zimmer durcksuchten, entstand in drmsclben plötz-
lich ein sckarfer Geruch, wie er durck das Verbren-
nen stark gebeizter Lunte erzeugt wirb. „HinauS!"
rief rine Stimme, Alles flüchtete; eincn Augen-

als „gute" Blätter unsere „verfolgte Religiou"
zu rettxn bemüht sind, daher iu kciner HauS-
haltung fchlew jollten. Ja man ging sv weit
im „heiligen" Eifer, daß man wegcir. viefen
letztgenannten Blättern sogar Befnche machte,
um die Frauen zu gewinnen, damit ihre Män-
ner diese Blätter bcstellen follen. Man crzählt.
ein solcher Besuch hälte in einem gcwissen Orte
noch etwaS mehr bezweckcn wollcn — so daß
der dazu gekommcne Mann vom HauSrecht
Gebrauch machen mußte! Dic Früchte diescr
kterikalen Thätigkeit sind keine andern, alö daß
die verpönten „Tagesblätttr" einen um so grö-
ßeren Lescrkreis erhakteu haben.

. Aus Baden, 29. Dec., bcrichtct die „N.
Frankf. Ztg." NLhercs über die Organisation
unserer neuen Fortschrittspartci: „Die Fort-
schrittspartei erstrebt die Verwirklichung ihrer
Ziele: 1) durch zusammeiuvirkende planmäßige
Thäligkcit in den Arbeiten und Verhandlungen
der VolkSvertretung; 2) durch eine organisirte
Wirksainkeit in der Presse, wobei insbesondere
die Ortspresse zu berücksichtigen ift; 3) durch
den jcdem Parteimitgliede als Verpflichtung
obliegenden öfteren Zusammentritt mit den
Wahlmännern und andern einflußreichen An-
gehörigen scines Wahlbezirks; 4) durch Beru-
fung von Versammlungen zur öffentlichen Be-
sprechung gecigneter Fragen. Ueber die von
den Parteimitgliedern bei versammeltem Land-
tage zu erfüllenden Obliegenheiten bestimmen
die Satzungen. Jn eincm den Mitgliedern
ausschließend zustehenden Lokale wnden allwö-
chcntlich an einem hierfür geordnetcn Abende
Partciversammlungen gehalten, denen jedes
Mitglied regelmäßig anzUwohnen sich verpflich-
tet. Diese Versammlüngcn und Verhandlun-
gen werden von einem der drei Mitglieder des
aus die Dauer eincr Landtagsperivdc gewählten
Parteivorstandes geleitet. Der Vorstand ist
befugt, jedcrzeit die Prrteiversammlnng zu au-
ßerordentlichem Zusammcnkritte zu bciufen;
hat auch in dringenven Fällen, für welche die
Erörlerung in der Parteiversammlung unthun-
lich ist (wie z. B. bei sofort in der Kammcr
zu vollziehenden Wahlen rc.) daS Erforderliche
anzuordnen. Jn den vcrsammlungen stnd alle
wichtigcren, mit Parteünteresfen wesentlich zu-
sammenhängenden Fragen, namentlich an dic
Kammer gelangende Gesetzentwürfe zu prüfen.
Durch MehrheitSbeschluß wird die von der
Fortschrittspartei im Ganzen zu nehmende
Stellung im einzelnen Falle bestimmt. Auch
können einzelne Mitglieder zu der von ihnen
befonders zu lcistenden THLtigkeit (z. B. Ver-
tretung einer bestimmten Auffassung in der
parlamentarischen Verhandlung) veranlaßt wer-
den. .Der Mehrheitsbeschluß wird— bei An-
wesenheit von mindestens der Hälfte sämmtli-
cher Parteimitglieder — durch osicne Abstim-
mung festgestellt. Relative Stimmenmkhrheit
entscheivet. Dtr Mehrheitsbeschluß ist — sv-
ferne folcheS von der Parteiversammlung als
unerläßlich erklärt wird — für jedes Mitglied
maßgcbend. Wenn ein in der Minderheit stim-
mendes Mitglied den MehrheitSbeschluß als mit
seiner Ucberzeugnng durchaus unvereinbarlich
befindet, so wird dasselbe — im Falle diese

blick spätrr erfolgte etn fürchterlicher Knall, und
das ganze Zimmer stand in Feuer. Der Koffer
hatte eine Höll-enmasckine enthalten. DaS Feuer >
wurde gelösckt.und davurch Schriften, dic im Zim-
mer verstcckt waren, grrettei.

AuS dcnselben ging hervor, daß Boggs, Wardh
und der drktte unentbrckt gebliebenr Begleiter süb-
staatliche Agenten waren, welche den Auftrag hat-
ten, durck Bcstechung von Bahn- und Telegraphen-
beamten Züge, die Truppen zu befördern hatten,
dem sickeren Untergange zu uberliefern.

Von ven Missethätern war keiiie Spur mehr zu
finden. Ein ungelöstes Räthsel blieb die Ursacke
der Ermordung des Bahnbeamten; die Motive
dieser That warrn sckwer zu brstimmen. Ob ver
Schleier, der über diesen fkrchtbaren Vorfällen
ruht, noch gelüftet werden wird, muß der AlleS
rächenden Zeit überlassen bleiben.

(Schlechte Nachtwache.) Am ersten Fefttag«
bei Beendigung der Theatervorstellung im Berliner
Opernhause war man nicht wentg erstaunt, inner-
halb der etsernen Barrieren, welcke zum Billetver-
kauf führen, eine festgepfropfte Menge Menschen

j abweichende Haltung im einzeluen Fallc von
dcr Parteiversammlung nicht als gcrechücrtigt
anerkaiDt- wrrven sollle — seineii Äustritt aus
ver PaMei erklärcn. Ebenso wird cin Mit-
glied, das andanernd in einer mik den Partei-
ziclcn unvereinbarllchei! Haltung verharrt, als
ausgetreten bctrachtet. Zur Gdmöglichung einer
erfolgrcichen Wirksamkeir der Fortschrittspartei
bei nicht versammcltem Lanvtage bestimmen die
Satzungen: Bci Vertagung, Auflösung oder
Dchließung des LandtageS wird der Vorstand
jeweils vcrstärkt, indepi anßer den bisherigen
Mitgliedern durch Wahl der Parteiversamm-
lung sür jeden Landeskreis ein weitercs ge-
schäftöführendcS Mitglied aufgestellt nürd. Diese
Mitglieder haben sich Behufß dcr Verwirklichung
der Parteizwecke in ihrcm Landcskreise mit
einem von der Parteiverfammlung hierzu be-
zeichnetcn Mitgliede deS Vorstanves in fort-
dauernder Verbindung zu erhalten Das lei-
tende Vorstandsmitglied kann nach Bcnehmen
mit den beiden weitercn Vorstandsmitgliedern
Versammlungen der geschäftSführenden oder
sämmtlicher Parteimitglieder an einem von ihm
zu bestimmenden Orle berufen und die Mit-
glieder verpflichtcn sich, hierbei jewcils zu er-
scheinen. Ueber den Eintritt in die Partei
enthalten die Satzungen nur die nachfolgende
Bestimmung: „Jedem Kammermitgliede, das
entschlossen ist, für die in den §§ 1 und 2 bc-
zeichneten Ziele der Fortschrittöpartei in der
durch die Satzungen geregelten Weise zu wir-
ken, steht der Eintritt jederzeit offen."

StUttHtrrt, 2. Jan. Die auf heute in
das hiesige Bürgcr-Museum zusammeuberufene
Versammlung von Angehörigen der cvangcli-
fchen Landeökirche war etwa von 100 Herren
aus allen Theilen des Landes besucht. Die
Versammlung eröffnete der zum Vorsitzenden
erwählte Dr. Neyscher von Cannstatt und schlug
5 Resolutioncn vor, welche nach dreistündiger
Berathung in folgender Fassung angenommen
wurden: „Die heute, den 3. Januar, in
Stuttgart gehaltene Versammlung evangelischer
Kirchengenoffen aus Württemberg ist darin
einig gcworden, daß 1) eine im Wesentlichen
Ms Wahlen der Kirchengemeinden beruhende
Mrtretung ver ewangelischen Landeskirche Be-
dürfniß sei; 2) daß ciner solchen Landessynode
vor Allem zukomme, selbstständig und geleitet
durch ihren erwählten Vorsitzendcn zu berathen
und zu befchließen, insbesondere die Wünsche
der Kirche dem Kirchcnregimente vorzutragen
und jeder neuen Einrichtung wder allgemeinen
Anordnnng der Kirche die nothwendige Zu-
stimmung zu geben; das Bekenntniß ist von
den Beschlüssen der Vorsynode und der künfti-
gen Landcsfynode auSgenommen; 3) daß die
Zusammensetzung einer solchen dauernden Kir-
chenrepräsentalion und die Bestimmung ihrer
Befugnisse nicht auSschließlich den Oberkirchen-
behördeu überlaffen werden könNen, sondern
daß eine aus Wahlcn hervorgehende Versamm--
lüng, in gleicher Anzahl aus Geistlichen und
Nichtgeistlichen bestehend, dabei die Zustimmung
zu geben habe; der Vorsynode soll von der
Regierung ein Verfaffungsentmurf vorgelegt,
dieser aber zur allgemeinen Discussion vorher

dort die lange Winternackt zu campiren, um am
zweiten Festtage gleich bei Eröffnung der Eaffe an-
wesend zu sein. Die Leute, welcke von den Zwi-
schenhändlern hezah't werden, haben in der That
die Nacht in vtrser Weise zugebracht. Nock erstaun-
licher. tst die seltsame Polizei-Humanität, Mann-
schaften herzugeben, um dte Harrenden zu beauf-
ficktigen, statt diese auS dem fremben Hause auS-
wetsen zu lassen. ,

(Etn Eisenbahnzug wegenSchulden ge-
pfandetI Daß ein Eisenbahnzug wegen Sckul-
den von Gerichtswegen weggenommen wird, vürfte
zu den Seltenheiten gehözen; so gesckah es aber
kürzlick der Nordspanischen Eiscnbahngesellsckaft,
der auf Antrag sranzösischer Fabrikanten ein Zug
mit seckS Personcnwagen sammt Locomotive beim
Urbersckreiten der französiscken Gränze abgepfändet
wurde. Die Gesellschaft bezahlte sofort. Unsern
Lesern, welcke sick als Passagiere auf den gepfän-
deten Zug versetzen könnten, wollen wtr zur Be-
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