Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Wenn wir aber dieS Recht der römischen
Kirche nicht bcstreiten wollen, sondern in Schutz
nehmen, waS folgt andrerseitS für deu Staat
hieraus? Wir müsien für ihn ebenfallS das
Recht in Anspruch nehmen. in Ehesachen auf
eigene Hauft, d. i. nach eigenem Ermessen seine
Jnteresien. unabhängig von der Kirche und
ihrem Verfahren, zu vcrfolgen. Denn die Frei-
heit und die Macht, die die Kirche auf diesem
Gebiet — ohne Nücksicht auf den Staat und
sein Gesetz — für sich in Anspruch nimmt,
muß selbstverftandlich auch für den Staat gcl-
ten. Die Folgerungen hierauS wollen wir
nächstenS ziehen.

O Bom Rdein, 9. Jan. Zu meiner
jüngsten Mittheilung der Gründe, aus denen
so viele rechtschaffenc vcrständige, ja gclehrte
MLnner AugcsichlS der Unhaltbarkeit der ver-
alteten, mit dcu Weltanschauungcn der heuti-
gen Zeit im grcllstcn Widerspruch stchenden
Maximen dcS jesuitischen UltramontaniSmuS
dennoch zu dicsem unheilvollen System sich be-
kennen und es aufrecht zu erhalten sich nicht
scheucn, will ich hier noch einen wesentlichen
Grund beifügen. Man hört denselben am
HLufigsten auS dtm Munde gebildeter Männer.
Wenn man dieselben in gegenseitigem AuS-
tausch der Ansichten übcr diese Zeitfrage mit
dcm Gegenbeweis gänzlich geschlagen und ste
in eine Ecke getrieben hat, in welcher ihr Be-
weiS-Bodcn unter ihncn eiustürzt, so rufen sie
noch: Aber consequcnt ist doch daS ultra-
montane Systcm wie kein anderes. Man
könnte antworten: Ja, wenn der. Vordersatz
wahr wäre und wenn es keine Widersprüche
enthielte. Allein wir wollen für jetzt hievvn
nicht sprechen, sondern nur entgegncn: Also
blos der logischeu Folgerichtigkeit wcgen ver-
sagt ihr cuerm sonst so klaren Verstand den
Sieg über eingewurzelte Dorurtheile? Nur
der logischen Consequenz vcrschlicßt ihr hart-
näckig euer Ohr der anerkannten Wahrheit.
deS gegentheiligen und inhaltschweren Priucips,
aus welchem Verstand und Vernunft weit er-
sprießlichere Folgerungcn für daö Wohl der
Menschheit ableitcn? Wie könnt ihr diese Denk-
und HandlungSweise mit euerer Einsicht und
euerem Gcwissen vereinigen? Doch das Ge-
wissen muß frei sein, und wir könncn diefe
letzte Frage zunächst uur au die Einsicht rich-
ten; abcr da wäre denn in der That jene Ab-
normität unbegreiflich, wenn man nicht wüßte,
daß be^ jenen Männern die kirchlichen Grund-
sätze mit ihren politischen in eins zusammen-
sielen: sie sind 'keine Volkssreunde im Sinne
der bürgerfreundlichen Neuzeit. sie gehören dem
Alles regierenwollenden Bureaucratismus, dem
AlleS unterjochenmögenden Aristocralismus an.
-Nur auf diese Weise läßt sich ihre fortdauernde
Anschlicßung an die priesterliche Kette ciner
blutig-kirchlichen, längst gesunkenen Macht er-
klären — erklären aber nicht rechtfcrtigeu.
Denn Einsicht, Verstand und Vernunft haben
den Stab über jenes Systcm der Usurpation
und dcs ungcnügsameu Uebermuths läugst gc-
brochen; eS tritt der Mensch dem Menschen
täglich näher, und wo ihn die Verschiedenheit
deS Kirchenglaubens daran hindern will, da

Pftffer. ^

Nachdem wir au.ch dtese Portion zu ungletchen
Halsten vertilgt hatten, sank er zu Boden und
schnarchte bald, wie die meisten seiner Spießge-
sellen.

Während ich anfangs, namentlich beim Verhör,
nrcht an Flucht gedacht hatte, hatte daS bereit-
willigste Gehör, welches Pat metner Fabrl von der
verstauchten Hand gegeben, den.Entschluß in mir
wach gerufen, jedenfalls einen Fluchtversuch zu
wagen.

Noch war indeß ein Theil der Rebellen munter,
und ein ziemlich schwer betrunkener Methodist setzte
fich zu mir, um mit mir zu beten und mich deS
Trostcs eines„Gerechten"theilhaftig werden zu lassen.

Zch that, als ware mir sein Zuspruch sehr will-
k ommen und bat ihn, mir nur einen Zug Whisky
zu holen, was er auch that, entzündet von der
AuSsicht, seine Gottesgelehrtheit an den Mann
bringen zu können.

schüttelt er die beängstigenden Vorurtheile ab,
tritt aus dem beengenden Kreis eineS herrsch-
und habsüchtigen ConsessionSzwangS heraus
und freul sich der Vereinigung mit gleichge-
sinntcn Gesch^)fen von cinerlei Abstammnng,
einerlei Zweck und Ziel. Das sollten die ver-
ständigen und gelehrten Anhänger deS Jesui-
tismus endlich einsehen. Doch eine solche Hoff-
nung wäre im Volke vergeblich; denn nie wcr-
den N«rrd und Süd sich eincn, und eben so
wenig Zwang und Freiheit sich in ein auf-
richtigcs freundschaftllches Verhältniß einlaffen.
Um so unbcknmmerter um nutzlosen Zwang
enlwickelt sich das Elemenl der Freihcit im
freundlichen Lichte der allmähligen VolkSauf-
klärung, und nach Jahrzehnten — wenn es
überhaupt uoch so lange geht — werden die
Menschen die modcrnde Urkunde des sogenann-
ten NeukatholicismuS nur noch als cin histo-
risches Documenl einer untergcgangenen Zeit
betrachten, von deren einstigem Beftehen sie sich
kaum mehr einen Begriff werden machen kön-
nen, oder vielmchr wollen, weil schon die blo-
ßen Erinnerungen an eine düstere Vergangen-
heii ihrc AuSsicht in eine menschenfreundliche
Zukunft trüben könntcn.

E n g L « rr L>

London, 12. Jan. Die Nacht vom 11.
und 12. d. M. war an der englischen Küste
eine der schrecklichsten, deren man sich erinnert.
Ueberall wurden Schiffe an die Küste getrie-
ben, mußten die Nettungsboote auslaufeu und
gingen viel? Schiffe und Menschcnleben zu
Grunde.

London, 12. Jan. Geftern hat ein sehr
starker Schnecfall den telegraphischen Linien in
ganz England großen Schaden zugefügt: zwi-
schen London und Dover wurden 3 bis 4
Mcilen weit die Tclegraphenpfähle umgewvrfen.
Es wurdrn eilig Maßregeln ergriffen, um den
Schaden auszubessern. Morgen wird man be-
reits 2 vder 3 Drähte wicder in Stand gesetzt
haben.

S ch w e i z.

Bern, 11. Jan. Lctzten Montag Abend
sind in zwei Orten der Schweiz Mordthaten
begangen wordcn. Jn Jnterlaken wurdc der
Gemeinde-Präsident Häöler von einem ehe-
maligen Zuchthaussträfling, Namens Abeggler,
meuchlerisch mit einer Axt erschlagen, und in
der Nähe deS Bündener DorfeS Präz ein ge-
wisser Richard Veraguth auf die gleiche Art
ermordet. Weder hier noch dort ist man der
Mörder habhaft geworden.

Z t a l i e n.

Florenz, 14. Januar. Das Ministerium
wird sofort ein Programm vorlegen, 160 Mil-
lionen (nach andern Mittheilungen nur 100
Mill.) Ersparnisse vorschlagend.

S p a rr i e n

Bricfe aus Madrid 'schildern die Lage Prims
als durchaus nicht ungünstig. Die Freunde
Prims behaupten, er befindc sich augenblicklich
auf einem von ihm selbst gewählten Terrain.
Er besitzt in der dortigen Gegend auSgedehnte
Ländereien, auf dencn er alle Wege und Stege

Natürlich ließ ich mir das GlaS an die Lippen
setzen, that einen Zug und bat alsdann den wür-

einem Zuge hinuntergoß.

Eine halbe Strmde lang schwatzte der Kerl nun
das blödsinnigste Zeug, während ich wie auf Na-

feffeln entlevigt sei.

Als ich merkte, daß er schläfrig wurde, sagte ich
ihm seiner Gelehrsamkeit wegen eine plumpe Schmet-

Abermals nahm er den Löwentheil und schltef
gleich darauf ein.

Ietzt war der Augenblick gekommen.

im Nebenzimmer hörte jch an Ausrüfen und Flüchen,
daß eine Gesellschaft dort mit Kartenspielen beschaf-
tigt war.

(Schluß folgt.)

genau kennt. Diese vollständige Kenntniß deS
Lan^es, zu welcher noch die große Schwierig-
keit deS TerrainS und die zahlreichen Pässe, die
es besitzt, hinzukommen, machen cS Prim sehr
leicht, emen Parteigängcrkrieg zu führen. Selbst
mit wenig zahlreichen Truppen kann er wäh-
rend langer Zeit überlegene Kräfte nccken und
so der Bewegung Zeit geben, sich mehr und
mehr auszubreiten. Ueberdieß sichern ihm die
mancherlei Beziehungen, die er im Lande hat,
für seine Truppcn. reichlichen Proviant zu. Es
scheint somit, daß die Lage PrimS weit davon
entfernt ist, vcrzweifelt zu sein, und ein Um-
stand, der dazu geeignet ist, diese Ansicht noch
zu bestärken, ist, daß man noch vor einigen
Tagen seine Frau und seine Kinder in einem
Wagen in Fuente Castellana heiter und ver-
gnügt und vollkommen zuversichtlich bekreffS
ihres Gcmahls und VaterS gcsehen hat.

Madrid, 13. Jan. Prim ist nach Por-
tugal marschirt, seine Truppen in voller Auf-
lösung. O'Donnell soll befohlen haben, ihn
nach Portugal zu treiben, ohne ihn gefangen
zu nehmen.

Neueste Rnchrichren.

Berlin, 15. Ian. Der Landtag ist soeben
durch die vom Ministerpräsidenten verlesene
Thronrede eröffnel worden, welche im Wesent-
lichen wie folgt lautet:

Seine Majestät der König haben mir den
Austrag zu ertheilen geruht, den Landtag der
Monarchie in seinem Namcn zu eröffnen.

Jn der letzten SitzungSperiode ist, wie in
den Vorjahren, in Ermangelung der nothwcn-
digen Uebereinstimmung der Häuser des Land-
tags unter einander nud mit der Krone, daS
im Artikel 99 dcr Verfassungsurkunde vorge-
schene Etatsgesctz nicht zu Stande gekommen.
Es hat daher auch im abgelaufenen Jahre die
Staatsverwaltung ohne solches Gesetz geführt
werden müssen. Die Nachweisung dcr Ein-
nahmcn und Ausgaben, welchc der Finanzver-
waltung des verflossenen JahreS als Nicht-
schnur gedient hat, ift amtlich zur öffentlichen
Kcnntniß gebracht wordcn.

Dcr StaatShauShaltSetat für daS laufende
Jahr wird dem Landtage unverweilt vorgelegt
werden. Ans demselben werden Sie die.Ueber-
zeugung gewinnen, daß die Finanzen sich fort-
während in günstiger Lage befinden.

Bei den mcisten Verwaltungszweigen ist
nach den bishcrigen Erfahrungcn eine Er-
höhung der Einnahme-Ansätze zulässig gewe-
sen, welche die Mittel gcboten hat, im Etat
die Befriedigung zahlreicher Mehrbedürfnisse
vorzusehen und zur wciteren Berbesserung des
Diensteinkommens der geringer besoldeten Be-
amtenklassen eine angemessenc Summe zu be-
stimmen, ohne daS Gleichgewicht zwischen Ein-
nahmen und Ausgaben zu stören. Den Häu-
sern deS Landtages wird, entsprechend dem
Vorbehalte in § 8 des Grundsteuergesetzes
vom 21. Mai 1861, der Entwurf eines daS
Veranlagungswerk abschließendcn Gesetzes wegeu
dcstnitivcr Untervertheilung und Erhebung der
Grundsteuer in den östlichen Provinzen zur
verfassungsmäßigen Beschlußnahme vorgelegt

** Literarisches.

Illustrirten Deutschen Monatsheften rnthal-
tene Sckluß der Novelle „Constanze" von Levin
Schücking bringt biese römtsche Studie, wie sic
der Verfasser nennt, zu einem cbenso befriedigrn-
den, wie künstlerisch gerrchtfertigten Abschlnß. Die
dartn geschilderte Audienz der Heldin bei Pius IX.
dürfte eine der feffelndsten Schilderungen der Per-
sönlichkeit des gegenwärtigen Oberhauptes dcr rö-
misLen Kirche geben. Vortrefflich ist die Biographie
Johannes von Müller'S, mit wrlcher W. Hoffner
etne Serie „Deutsche Geschichtschreiber" beginnt. Von
den übrigen Aufsätzen hebcn wir den über „Das
Thermometer" auS dem Nachlaffe des kaif. rusfischen
Staatsratds von Kupffer, ferner dte Äeiträge
von Ruß, Schröter, Rohl, und dte„Geschichte
deS deutschen Handwerks" von Profeffor Stahl,
hervor.

Auflösung des dreifilbtgen RLthselS in Nr. 11.
Bettflasche.
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