Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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gebracht worden ist. Jn Folge dessen rst dem
Herrcnhause eine Anzahl ueuer Mitglieder zu-
geführt, die ich eben so, wie die Andern, durch
Se. Maj. den König dazu berusenen mit Freu-
den als Theilnehmer an unseren Arbeiten und
mit der Hosinung begrüße, daß sie in der An-
hänglichkeit, Treue und Ergebenheit zu Unserem
Könige stchen werden, die sich bisher in diesem
Hause kund gethan und gewiß sich immer in
der Art kund thun wird. Lassen Sic unö im
fcsten Vertraucn, daß der gnädige Gott auch
ferner Seine Hand über unser theures Vater-
land haltcn werde, die Treue und Dankbarkeit
für unscrn König und Herrn durch doppelte
Hingehnug in unseren Arbeiten und unscren
Geschäftcn kund thun. Und dem zum Zeugniß
fordere ich Sie auf, mit mir cinzustimmen in
den Nuf: Gott erhaltc, Gott segne, Gott schütze
unsern gnädigsten König und Herrn! König
Wilhclm! Er äebe hoch!"

(Die Mitgliedcr erheben sich von ihren Sitzen
und stimmcn begeistcrt mit erhobener Nechten
drei Mal in dieseu Nuf ein.)

Berlin, 14. Jan. Jn der „Mgdb. Z." wird
ein früherer Vorschlag von Virchow, bctreffend
die Erbauung eines Clubhauses für die Mit-
glieder deö Abgeordnetenhauses, aufs Neue an-
geregt und befürwortet. Die „Köln. Ztg."
kommt dabei auf den vom Abgeordneten Par-
risiuS (Brand'enburg) in der vorigcn Session
gemachten Vorschlag zurück, nach wclchem der
Präsident. dcs Hauscs äußerlich so gestcllt wer-
den sollte, daß sein Haus den VersammlungS-
ort aller Parteien bilden könnte. Das Abge-
ordnetenhaus lehnte diesen Vorschlag ab, damit
die Staatscasse nicht belastet werde. Dieser
Grund will der „Köln.Ztg." nicht cinleuchten.
Sie sagt: „Kann England dem Präsidenten
deS Abgeordnetenhauses 8000 Psd. St. gcben,
warum wir nicht mindestcnS 8000 Thlr., schon
damit die Bcgriffe über die angeblich jedcm
Lieutenant untergeordnete Stellung jenes Prä-
stdenten etwaS aufgcklärt werden."

Berlin, 16. Jau. Jn Bezug auf die Be-
handlung der Budgctfrage ist daS linke Ccn-
trum fast einmüthig der Ansickt, daß es sich
am meisten empfehlc, daö Budget regelmaßig
durchzuberathen. Allem Anschein nach werdcn
beide Fraktionen sich in solchem Sinne einigen.
Die Verfechter einer Ablchnung der ganzen
Budgetberathung over einer summarischen
Schlußberathung über den StaatshaushaltSetat
stnd allmälig sehr still geworden.

Aus Westphalen, 11. Zan., schreibt
das „Fr. I.": An mehreren, weun nicht allen
Orten Westphalens haben Besprcchungen dcr
Abgeordneten mit ihren Wählern stattgefunden,
und soweit verlautet, hat sich nirgends der
Nechtsstnn e r drückt, wenn auch g e drückt ge-
zeigt. Von allenthalbcn ertönt die Losung:
„Ausharren!" „Vom Recht nicht lassen!"
Es macht sich die Ueberzeugung geltend, daß
die gute Sache des Volkes endlich und endgil-
tig siegcn müsse.

Gngr r . s.

London, 9. Jan. Hr. Göschen, etn jun-
ger Mann von 35 Jahren (deutscher Abkunft,

wie schon sein Name sagt; er ist mit dem be-
kanntcn Leipziger Buchhändler verwandt), ist
zum Kanzler von Lancaster und zum Mitgliede
des Cabinets ernannt worden. Das ist eine
Befördcrung, wie sie in England wohl noch nie
vorgekommcn ist. Eine Stelle im Cabinette ist
mehr als ein bloßer Ministerposten. DaS Ca-
binet ist ein Sanctum 8snd.ui-um, wclchcS die
englischc Aristokratie sonsl sich allein vorzube-
halten pflcgte. Daß jetzt ein nach englischen
Bcgrifseu sehr junger Mann die höchsten Stufen
der Befördcrung ganz ohne Familienverbindun-
gen erklimmt, ist etwaS AußcrordentlichcS. Hr.
Göschen hat sich durch seine Schriften als gulen
Nationalökonomen gezeigt und durch zwci, drei
Rcden im Parlament bewiescn, daß er auch
dort zu brauchen ist. So ist er denn su das
Cabinet aufgenommen worden, weil Gladstone,
wie eS scheint, diese Unterstützung wünscht. An
seinen AmtSpflichten hat er nicht schwer zu tra-
gen, das Kanzlerthum von Lancaster ift weuig
mehr als eine Sinecure; eS sind eben nur seiue
Nathschläge im Cabinct, die bei der immer
größer werdenden Wichtigkeit der Handels- und
Berkehrsgesctzgebung gewünscht werden.

London, 14. Jan. Die Negierung hat neuer-
dings die Nachricht erhalten, daß die Fenicr das
LondonerTower.'dasZollhaus und andcreNegie-
rungsgebäude in Brand stecken. Jn Folge dcssen
werdcn die Feuerspritzcn fortwährend in Be-
reitschaft gehaltcn. Eine auS Holland kom-
mende Sendung Gewehrc wurde mit Beschlag
belegt.

Z t a l i e n.

Turin, 10. Jan. Zu Potenza verurthcilte
am 27. v. M. daS dortige Kriegsgericht eineu
reichen Gruudbesitzer von Latronico, NamcnS
Givia, zu 20jähriger Zwangsarbeit, überführt,
drei Jahre hindurch die Bande deS grautamen
Räuberhauptmanns Franco auf alle Weise
unterstützt und zu Blutthaten ermuntert zu ha-
ben. Am 29. wurhen von demsclben GerichtS-
hofe sieben Näuber von dieser Bande abgcur-
theilt. Ucber 70 Zeugen waren in dieser Sache
vernommen worden, unter denen sich mehrere
mit abgeschnittenen Ohren, ausgebohrten Augen
und abgcschnittenen Zungen befanden. Einer
derselben war schon inS Feuer geworfen wor-
dcn, um lcbendig verhrannt zu werden, als ein
Näuber, menschlicher als die andcrn, ihn wie-
der herauszog und inS nahe Wasscr warf.
Nach AuSsagc dicser Zeugen hatten die Blut-
menschen aber wirklich einen Gefangeuen leben-
dig verbrannt, nachdem sie ihn buchstäblich gc-
schunden hattcn. Fünf diescr Verbrecher wur-
den zum Tode-verurtheilt uud das Urtheil am
30. Decbr. vollzogen. An diesem Tage endete
die Thätigkeit diescs KriegSgerichtS mit der
Vcrurtheilung des Geistlicheu Pa(agano von
Latronico zu 20jähriger Galcerenstrafe wegen
Unterstützung der genanntcn Bande Franco.

S P a rr r e tt

Der „Patrie" gehen Nachrichten auS Madrid
zu, dcnen zufolge es jetzt außcr allem Zweifel
ist, daß die Verschwörung Prim's vollftändig
gcscheitert ist. Von 900 Soldaten, wclche daS
Corps bildcten, an dessen Spitze er sich stellle,

sollen bereits 560 ihre Unterwerfung erklärt
haben. Die drei Rcgimenter, die sich empört
habcn, werden aufgelöst, um später neu gebil-
det zu werden. Man mcint, die Soldaten
würden sämmtlich begnadigt und nur die Of-
ficiere vor ein Kriegsgericht gestcllt werden.
Diese Officiere sind 3 an der Zahl, während
24 dersclben treu gebliebcn sind; dieie letzteren
soüen sämmtlich bclohnt werden. — Das ganze
aufständische Corps ist umzingelt. Die Sol-
dalen des NcgimentS von Almanza, die sich
ergeben haben, mclden, daß Prim am 11. Abends
Denen, die ihn biS dahin begleitct hätten, er-
klärt habc, es sei fortan keiue Hoffnung zum
Siege mehr vorhanden und er rathe ihnen,
sich zu unterwerfen. Was ihn sclbst betreffe,
so werde er schon der Verfolgung seiner Feinde
sich zu entziehen wissen. Man versichert, er
habe sich am 12. d. mit fünf sciner treuesten
Anhänger als Bauer verkleidet, um so leichter
die Grcnze von Portugal zu erreichen.

Bayonne, 16. Jan. AuS Madrid wird
untcrm 15. d. berichtet: Die „Correspondencia"
sagt, die Ncgierung werde auf dem Wege der
Gesctzlichkeit beharren, Ersparniffe machen, die
Steuern vermindern uud alle mit der Aufrecht-
haltung der Ordnung verträglichcn Freiheiten
gemähren. Die Jnsurgenten setzen in den
Bergen von Guadalupe ihren Marsch nach der
Provinz Badajoz fort.

P o r t u g a l

Die Ereigniffe in Spanien haben zu einer
bemerkenSwerthen Kundgebung in der portu-
giesischen Abgeordneteukammer geführt, welche
auf die Freuude der iberischen Uuion in Dpa-
nien wohl etwas erkälteud wirken dürfte. Jn
der Sitzung vom 8. richtete der Abgeordnete
Silveira da Motta eine Jnterpellation an das
Ministerium, um zu erfahren, welche Maßre»
geln getroffen oder in AuSsicht genommen scien,
und indem er diese Anfrage bcgründete, äußerte
er nachdrücklicb: was auch der Ausgang der
Ereigniffe in Spanien sei, kein Portugiese dürfe
anstehcn, laut zu bekennen, daß er vor Allem
seinc Nationalität und seine Uuabhäugigkeit
liebe. Der Justizminister antwortete: Die Ne-
gierung habc Maßregcin getroffcn, wie sie in
solchen Fällen üblich seien, und unter lebhafte-
stem Beifall dcr Kammer fuhr er fort: die
Negierung zähle auf die Mitwirkung der Kam-
mcrn für die Erhaltung und Jntegrität der
nationalcn Unabhävgigkeit. Es ergriff noch
eine Neihe von Neduern daS Wort, wclche alle
in dcmselben Sinne sich aussprachen, und am
Schlusse wurde der Autrag von Mendez Leal
angenommen: die Kammer, befriedigt von ven
ministcricllen Erklärungcn und einstimmig in
ihren kuudgegebencn Gefühlen, erklärt zur Ta-
gcSordnung überzugehen. Dicse Scene ist ein
sprechender Beweis, wie daS Project der ibe-
rischeu. Union in Portugal angesehen wird.
Man bedankt sich schön für daffelbe, uud die
Wahl der Dyuastie Bragauza täuscht die Por-
tugiesen uicht darüber, daß die Vereinigung nur
die Absorption der portugiesischen Nationalität,
eine zwcite Auflage deS Versuchs im 16. Jahr-
hundert bcdeuten würde.

30 Buchstaben. Wir selbst haben unsere Namen

sctzt. Der Erfinder hat unS leicht die Ueberzeugung
deigebracht, daß man mit Hilfe dieser Maschtne
eine Rede setzen kann, während fie gehaltcn wird.

Ein Geck trat auf einem Balle wahrenv des
Tanzens einer Dame auf den Fuß. Diefen Fehl-
tritt zu beschönigen, sagte er: „Sie haben aber
auch ein so kleines Rehfüßchen, daß man es gar
nicht sehen kann!" „Hat gar nichts zu sagen,"
erwiederte die junge geistreiche Dame, „der Tritt
eineS Hasenfußes schmerzt nicht sehr!"

Der diensteifrige Iohann: „Guer Gna-
den, es ist draußen ein Herr, der möcht' mit Ihnen
svrecken." Herr: „Laß ihn hereinkommcn. Doch
warum trägst Du ven Kanarienvogel fort?" Io-
hann (wichtig): „Der Herr will mit Vuer Gna-
den unter vter Augen sprechen."

(Würzb. Abdbl.)

„Der Rausch" wird im gewöhnlicken Leben auf
verschiedene Wrise bezeichnet. Der Fuhrmann hat
schief geladen. Der Artillerist ist betrunken
wie einr Kanone. Der Perrückenmacher hat
einen Haarbeutel. Der Musiker sieht den
Himmel für einenDudelsack oder für eine
Baßgeige an. . Der galante Cavalier, der flotte
Bursche hat einen Hieb. Der Spritzenmeister, der !
Hydrauliker begicßt sich die Nase. Der Me- !
nagerikbesitzer, der Naturforscher, der Naturalien- ^

(wenn er auch nur Fensterglas in die Augen klemmt) !
sieht alles doppelt. Der Rhetor, der Profeffor
der Dialekiik bekommt eine schwere Zunge. Der >

in denThran getreten oder ist imThrane.
Der Iäger, dcr Schütze ist, statt am, im Schuß. !
Der Küfer hat Eincn zu vtel hinter die '

Binde gegossen. Der Säufer von Profesfion
kommt schon auf dieser Erde in den Himmrl, denn
er ist immcr selig. Der Zöllner nimmt Eins
über die Gebühr. Der Glashändler guckt zu
tief ins Glas. Dez; Rechenmeister, der Mathe-
matiker nimmtEinen zu viel. Der Schenk-
wirth nimmt Einen überden Durst. Der
Schornsteinfeger, der Kohlenhändler ist schwarz.
Der Astronom, der Sterndeuter ist kntll. Der
Schiffer, der Fischer segelt gegen den Wind.
Der Gimpel, der Einfaltspinsel ist besudelt.
Der Handelsmann hat fich Einen gekauft. Der
Tänzer, drr Botenläufer kann auf keinem
Beine mehr stehen. Der Lastträger hat sich
verhoben. (Seifenblasen.)

(Schriftsetzm aschine.) Ein Herr F. Calott
Cesi veröffentlicht in einer Zeitung von Modena
FolgendeS: Gestern, am 5. Dec.^ Vormittags,
nahm ich in Begleitung mehrerer Personen eii e
von Mechaniker M- L. Casolari erfundene Ma-
schine in ihrer Arbeit in Augenschein. Zu unserer
großen Urberraschung sahen wir vermittelft jener
Maschinc 5 Verse von Dante nebst einer gelehrten
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