Heidelberger Zeitung — 1866 (Januar bis Juni)

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Utidtlbrrger Ztilung.

Kreisverküildigungsblatt für dcn Krcis Hcidclberg und aintliches Berkündignngsblatt für die Aiiits-- und AmtS-
Gcrichtsbczirke Heidclbcrg und Wicsloch mid dcn Amtsgcrichtsbczirk Ncckargcmüud.

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M-ttwoch, 2S Zanuar


18k«

* Politische Umschau.

^ Ein für Baycrn, zninal unter den jetzigen
politischcn Verhältnisscn, schwer zn vcrschmcrzen-
deS Ereigniß ist der Tod deS Ministers dcs.Jn-
nern v. Koch. Ct war daSjcnige Mitglied oes
Gesammtministenums, wclcheS im Volke un-
streitig das größte Vertraucn bcsaß. Vou ihm
hatte das Laud mit Zuversicht erwartet, daß
er die in Nussicht stchcnden Socialgesctze recht-
zeitig dem Landtagc vorlcgen und in einer den
Wünschen und Bedürfnissen des LaudeS ent-
sprechendcn Wcise bcarbeiten lassen werde. Schon
wo dcrsclbe bisher in wichtigcu Fragen mit sei-
nen Entschcidungen vor daS Land gctreten war,
M cr stcts auf festcm, verfassungSmäßigem
Poden gestanden; z. B. namentlich in der be-
Mnntcn Spcycrer Seminarfrage, wo er mit
einer in Bayeru uoch seltcn dageweseuen Ent-
schiedcnhcit den ultramontanen Ncbergriffcn ent-
gegentrat, um nach Pflicht und Gcwissen die
Ncchte deS Staats zu wahrcn. Die Erncnnung
des (fri'ch'.'r" CultusministcrS) Hrn. v. Koch
' zum Minister dcS Inncrn -wurde deßhalb auch
im ganzen Lande freudig begrüßt. Es entstcht
nun die große Frage, welche Folgcn wird der
Tod dcsselben auf die bevorstehcnden Neformen
in Bay'crn äußern! Wird cö überhaupt mög-
lich sein, denselbcn durch eine andcre tüchtige
Kraft zu crsetzen? Und wird dcr junge König,

- wclcher mitunt^r auch entgeacusteheuden Ein-
flüssen sein Ohr zu leihcn schciut, htezu dcn
kräftigcn Millen bcsitzcn?

Vcrschiedene Blätter mclden, daß Han-
nover dcn Haudelsvertrag zwischcn dcm Zoll-
verein und Italicn ratisicirt hat. Dcr Aus-
tausch dcr Ur^kund'cn werde in Bcrlin Statt
sindcn.

Bczüglich des dcm nächsteu bad. Landtage vorzu-
legenden GesetzcS über Ministcrvcrantwortlich-
keit soll, wie der „Nat.-Ztg." geschricben wird,
cin Gerichtöhof, zusammengcsctzt auS Mitglie-
dern dcr 1. Kammcr und auö gelehrten Nich-
tcrn, nickt ohnc Hoffnung auf Annahme scin.

Das Verbot dcr Ausfnhr und dcr Durch-
fuhr von Wafsen und Munition übcr die
östcrrcichische Grcnze gegcn Nußland und Nus-
sisch-Polcn ist aufgehoben.

Die Berliner „Kreuzzcilung" bringt folgcn-
den Droh- nnd Hctzartikel: „Anö der That-
sachc, daß dic Ncgicrung cs nicht mehr der
Mühe wcrth gchalten hat, auf die Grabowh'che
Ncde irgendwie zu antwortcn, ist, wie man

uns versichert, nur der Schluß zu zichen, daß
diese Nede nur dazu beigctragen haben dürfte,
die Auffassuug der Ncgierung zu bcstätigen,
daß diesem Abgeordnetenhausc gegenüber recht-
zeitigcS Handcln angemessencr ist, als ein
Strcit mit Wortew. Dicser Auffassung, sagt
daS Iunkerblatt schlirßlich, könuten wir nur
vollkommen beipflichten und haben, nur dcn
Wunsch zu wiederholen: je eher, je lieber."

Jm croatischcu Landtage herrscht fortwäh-
rend cine dcn ungarischeu Bcstrebungcn un-
günstige Stimmung. Dcr Laudtag will zwar
dcn ungarischen Neichstag beschicken, eine der-
artige croatische Abordnung nach Pesth hätte
aber kcine anderc Competenz, als an der Krö-
nung dcs Kaisers mit der St. Stephanskrone
sich zu betheiligen.

Die frauzösischcn Journale „Siecle", „Presse"
und „Opiuion" sprechen sich entschieden für die
Näumung Mexico's aus.

Dic Pariser „Prcsse" versichcrt, die Näu-
mung Mcxico's sei beschlossen (?); Baron Saillard
sei dorthin abgereist, um die AuSführung zu
sichcrn.

Nach eincr tclegraphischenMeldung aus Nom,
welche der „TcmpS" erhalten hat, soll die päpst-
liche Negierung am 18. mit dem Nepräscn-
tanten dcS Hauscs Nothschild ein Anlehen im
Betrage vou 50 Millioneu abgcschlosscu habcn.
Andern Nachrichten zufolgc hältc d»r französ.
Banquier Ch. Äafsitte vcrg>5blich mit dcm heil.
Stuhle unterhandelt, indem er demsclbcn statt
50 Mill. nur 5 Mill. zur Verfügung geftellt
hätte.

Deutschl.r nd.

Knrlsruhe, 22. Ian. DaS heute erschie-
nenc Negierungöblatt Nr. 5 enthält (außer
Pcrsonalnachrichtcn):

I. Verfügungeu und Bekanntmachungen der
Ministerien. Bckanntmachungen des großh.
Handclsministeriums: r») Die Aufhcbung der
Eiscnbahnbau-Inspection und Eiscnbahnbau-
Kasse Schaffhausen betreffend. b) Die Aufhe-.
bung dcs Stcuermannö- und Lootsenzwangs
betreffeud. Dieselbe lautet:

Jm Einvcrständniß mit dcn Negierungen der
übrigen Nhcinufer-Staaten wird hiermit vcr-
ordnet, waS folgt: Die Schiffspatrone nnv
Führer wcxhen von der ihnen durch Artikcl 58
und folgcnde der Nhcin-SchifffahrtS-Convenkion
aufcrlegteu Vcrpflichtung, auf der Fahrt auf I

^ dem Rhein an bestimmten Stromstcllen Stener-
leute oher Lootsen an Bord zu nehmen, vom
15. Februar 1866 an cntbundcn.

H. Diensterledigung. Jm Amtsgcrichtsbczirk
Engcn ist der Notariatsdistrikt Engen in Er-
ledigung gckommen.

Karlsruhe, 22. Jan. Wie die B L.-Z.
hört, habcn am 19. und 20. d. M. die Ver-
handlnngen mit den bciden LandcSkirchen über
dcn Entwnrf eineS Schulgesctzcs stattgesunden.
Dieselben wurden gelcitct von Ministerialrath
Dr. Jolly. Von Seiten deS MinistcriumS
wohnte noch Assessor Nokk, von Sciten dcS
Oberschulraths Dircctor v. Scyfried nnd die
Oberschulräthe Laubis und Armbrnster an.
Die katholische Kirche war durch Seminardi-
rector Kübel, die evangelische durch Oberkir-
chenralh v. Langsdotff vertrcten. Eine Bei-
zichung der israelitiichen Gemeindcn, deren
Vechältnisse in nicht minder einschneidcnder
Weise von dem ncuen Gesctz berührt sind,
wurde nicht beliebt.

> Vom südlichen Schwarzwal-e,

18. Ian. Das berüchtigte Mainzer Blättchcn
trägt auf seiner Stirne cin Kreuz, nicht als
ein Zeichcn christlicher Gesinnung, sondern um
anzudcutcn, daß cs allcn rechtlichen Gesinuun-
gen schnurstrakS cntgegcntrctcn will. Wie kann
aber auch dieseS kreuztragende Organ, wel-
ches zu lcscn im Beichtstuhlc als Bnße aufer-
legt, in der Predigt alö echleS Christcnblatt be-
zeichnct wird, christlich gcsinnt scin, da eS daS
Vaterlaud verleuguct, die nationale Bcwcgung
mit frivolcr revolntionärer Schmach belegt, daS
nur von Selbstsucht uud gemeincm Eigeunutze
bescelt ist, und diescn Lastcru das Wohl des
VaterlandcS nud seiner Mitmenschen frech opfcrt,
dcr gemeinstcn 'und niederträchtigsten Lügen
und Verleumdungen sich bcdient, um nur hie-
rarchische und selbstsüchligeZwecke zn crrcichen.
Und dicseS Blalt — noch augcfüllt mit Bclte-
leien in allen Formen und zn allen Zweckcn
wird auf der Kanzcl vorgclcsen, und diefcS an
Tagcn, wclche dcr ccht gläubigc Christ, alS seine
ersten Und hciligsten feicrt? So entweibt man
Gottes Tcmpcl; und wahrlich, cin Cbristuö ift
nöthig, um mit eiucm Bunde Stricke die
Miethlinge aus seincm Tempcl zu jagen. Darf
man sich daher wnndern, wcnn auck der schlich-
teste Mann solchen Fanatikern den Nücken kehrt
und sie verachtct?

Berlin, 16. Ian. Unter der Zahl der

* Mufikalisches.

Heidelberg. 22. Januar. Am Donnerstag fin-
det im tiroßrn Saale dcr Harmonie ein von drm
hirsigrn L'rdrrkranz vrraiistaltctes unb vom Musik-
dircctor Hcrrn Bcrghof grleitctrs Eoncert statt,
dcff'N reicbhaitigrs und mit rcht künstlcrischem Tact
und Gcscbm^ck zusammrngrstrlltcs Programm einen
besonderS f.ffrlndrn Geanß vcrspricht. Der knstru-
mentale, von unscrem städtiichcn Orchcster vertre-
tene Theil wird uns nrbcn Nichard Wagner's
Tannbäusrr-Ouvertüre auch die Mendelsohn'S
zum Sbakcspcar'schen Sommernachtstraum birten,
brkanntlich rincs der sinnigsten, tirfempfundensten,
an zauberischcn und wahrbaft sinnbrstrickcnkrn Ton-
schönhritcn rrichstrn Werkr dcs großrn Componisten.
Außerdrm wird Frau Brrgbof-Clavrl neb'N zwei
andrrn Pieten daS herrliche 6-mvll-Conccrt dcs
glcichen Meisters mit Orchesterbrgleitung auf dem
Clavier vortragrn. Namentlich sind wir aber auf
die Gcsangsvortrage drS Liedrrkranzrs grspannt.
Hrrr Berghof, dev densclbrn seit rinigen Monatrn
^irigirt, ist unstrettig mit allen den Fähigkeiten

Fräuletn K»ßler auS Mannhrim ihre grfällige
Mitwiikung am Concrrt in Aussicht gestellt hat.

Marchese d'-Azeglio.

Am 15. Januar starb in Turin drr Senator
und frührre Ministrr Massimo Tapparclli,
Marchrse d'Ajeglio, rincr derjrnigemitalirnischen

nischrn Wiedrrgrburt tn rrstrr Reibe zu nrnnrn
fiud. 1801 aus einer altadeligen Familie geboren,

war ek zuerst zum Officier bestimmt, widmete sich
jedoch bald drr Malrrei, in der rr rs zu rinrm

FirramoSca und Niccolo de Lapi, in welchrn be-
rritS eine warme patriotische Abrr schlägt. Als
rigentlich politischrr Schriftstellrr aufzutrctcn, ver-
anlaßlcn ihu die tm Srptcmber 1845 in Ri-mini
ausgebrochenen Unrnhen, welche von der päpst-
licken Negierung aufS Grausamste grrächt wurden.
Er schricb im Jahr 1846 seine rpochcmachcndr Bro-
schüre: „Uebcr k-ie Errignisse der Romagna", worin
xr cbrnso entschirden dic Rrvolution, die partiellen
Aufstände, den Dolch verdammte, als er — eine
damals unerhörte Kühnheit — AngesichtS Eury-
pas und ber öffeutlichcn Meinung die päpstliche
Regierung der Ungrrrchtigkrit anklagte und ein
ringrhendeS Vild ihrer schreienden Mißvrrwaltung
rntrollte. b'Azrglio mußte wrgen diescr Schrift
Flormz, wo er sich eben aufhielt, verlaffen; die
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